Staatskrise in Ägypten
«Das grösste Problem in Ägypten ist die beschämende Armut»

Das Ulitmatum der Militärs in Ägypten läuft bald ab, die Herrschaft der Muslimbrüder könnte bald Geschichte sein. Doch Ägyptens Offiziere scheren sich nicht um das Regime, solange es ihre Privilegien nicht antastet, sagt Uwe Simson.

Von Daniel Fuchs
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Ägyptens Präsident Mursi kommt immer stärker unter Druck

Ägyptens Präsident Mursi kommt immer stärker unter Druck

Keystone

Überrascht Sie die Heftigkeit der Proteste?

Uwe Simson: Nein. Es hat sich nur verschärft, was wir seit Monaten beobachten können. Es hat Anzeichen gegeben: Kämpfe zwischen Christen und Muslimen, Proteste oder Juristen, die gegen das Regime Mursi aufbegehrten.
Ägypten scheint kein Stück weiter gekommen zu sein, als vor der Revolution gegen Mubarak vor zwei Jahren.

Die Probleme sind dieselben geblieben. Sie sind wirtschaftlicher Art: Der Lebensstandard ist beschämend niedrig. Die Grundversorgung - Essen, Wohnen, Gesundheit oder Bildung - ist katastrophal. Dagegen wendet sich der Protest. Eine kleine Oberschicht bereichert sich schamlos. Doch selbst wenn man dieses Geld dem Volk zurückgeben würde - am Massenelend änderte sich kaum etwas.
Und der Ruf nach Partizipation und Demokratie?
Das alles überlagernde Problem ist die Armut. Ich bezweifle, dass mehr Partizipation die Armut beseitigt.
Ägypten gilt als überbevölkert - die Wurzel allen Übels?

Sie ist dramatisch. Ägypten ist dreimal so gross wie Deutschland, das fruchtbare Land aber nur halb so gross wie Bayern. Auf dieser Fläche leben 85 Millionen Menschen.
Ähnlich viel also wie in Deutschland. Ägypten wird mit Nahrungsimporten ernährt...
...ohne die die Ägypter verhungern würden. Ägypten ist der grösste Weizenimporteur der Welt. Doch Ägypten hat keine Rohstoffe. Worin läge denn eine Lösung?

Ägyptens einzige Chance zu überleben liegt im Aufbau einer exportfähigen Industrie.
Kann diese einfach so aufbauen, wer nur will?
(seufzt) Ich arbeitete während mehr als 20 Jahren für das Entwicklungsministerium. Meine Erfahrung sagt mir: Es gibt Gesellschaften, die nicht dazu talentiert sind, exportfähige Industrien aufzubauen. Dazu gehören offensichtlich die islamischen Gesellschaften.
Dann ist die Religion also der Hemmschuh der Entwicklung?
Der Islam allein steht der wirtschaftlichen Entwicklung genauso indifferent gegenüber wie etwa das Christentum. Es ist vielmehr die islamische politische Kultur. Der Konfuzianismus in China zum Beispiel ist eine pragmatische Angelegenheit: Gut ist, was der Gesellschaft nützt, schlecht, was ihr schadet. Die Basis einer konfuzianischen Gesellschaft ist die Produktivität, während die islamische Gesellschaft durch die Überlagerung einer bäuerlichen Bevölkerung mit einer Herrscherkaste aus Städtern und Nomaden entstanden ist. Die Produktion war nie Sache der Oberen. Die Chinesen jedoch produzieren selbst.
Das zeigt sich auch in Klientel-Systemen wie den Arabischen Emiraten.
Dort funktioniert es nur, weil praktisch das gesamte Einkommen wegen des reichen Ölvorkommens von aussen geliefert wird.

Uwe Simson (*1936) Uwe Simson studierte klassische Philologie, Soziologie, Geschichte und Orientalistik. Er war bis 1995 Referent im Bonner Entwicklungsministerium. Zehn Jahre lang arbeitete er in islamischen Mittelmeehrländern, davon vier in Ägypten. Heute lebt Simson bei Düsseldorf.

Uwe Simson (*1936) Uwe Simson studierte klassische Philologie, Soziologie, Geschichte und Orientalistik. Er war bis 1995 Referent im Bonner Entwicklungsministerium. Zehn Jahre lang arbeitete er in islamischen Mittelmeehrländern, davon vier in Ägypten. Heute lebt Simson bei Düsseldorf.

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