Papst-Rücktritt
Das ist das historische Vorbild für den Rücktritt des Papstes

Vor über 700 Jahren trat Coelestin V. als Papst zurück. Er war bis zum Abtritt von Papst Benedikt XVI. der einzige, der vorzeitig ging. Aber anscheinend nicht ganz unfreiwillig.

Dagmar Heuberger
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Das historische Vorbild des Papstes
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4. Juli 2010: Benedikt XVI. betet in Sulmona vor den Reliquien Coelestins V.
11. Februar 2013: Der Papst verlässt nach seiner Rücktrittserklärung das Konsistorium. key
Papst Benedikt XVI. nach seiner Wahl im April 2005 winkt dem Volk auf dem Petersplatz zu.

Das historische Vorbild des Papstes

PD

Rom und seine Umgebung sind nun wirklich nicht gerade arm an Papstgräbern. Dass Benedikt XVI. während seines Pontifikats zweimal in die Abruzzen ans Grab von Papst Coelestin V. reiste, erscheint deshalb im Nachhinein wie ein Zeichen: Hat er sich seinen mittelalterlichen Vorgänger zum Vorbild genommen? Denn Coelestin V. war bislang der einzige Pontifex, der freiwillig auf sein Amt verzichtete. Das war vor mehr als 700 Jahren, anno 1294. Und ganz so freiwillig war der Verzicht womöglich nicht.

Als Benedikt XVI. im Juli 2010 in der Kathedrale der mittelitalienischen Stadt Sulmona vor den Reliquien Coelestins betete, deutete jedenfalls Peter Henrici, emeritierter Weihbischof von Chur, den Besuch als Signal: Der deutsche Papst werde von seinem Amt zurücktreten. Ein Jahr zuvor, nach dem verheerenden Erdbeben von L’Aquila, hatte Benedikt als Zeichen der Verbundenheit sein Pallium – die Stola der Erzbischöfe – am Grab Coelestins niedergelegt. Ganz offensichtlich war und ist Benedikt von seinem Vorgänger fasziniert. Wer also war Coelestin?

Der Einsiedler und Engelspapst

Coelestin hiess mit weltlichem Namen Pietro Angelari, später nannte er sich Pietro del Murrone. Er wurde um 1215 in Isernia in den Abruzzen als zweitjüngstes von zwölf Kindern einer Bauernfamilie geboren. Andere Quellen nennen als Geburtsort Sant’Angelo Limosano. Ohne Schulbildung aufgewachsen, trat er im Alter von zwölf Jahren in den Benediktinerorden ein. Ab 1231 lebte er als Einsiedler. Er hatte den Ruf, ein Heiliger zu sein, der auch Wunderheilungen vollbrachte, weshalb ihm zahlreiche Gleichgesinnte folgten und sich in seinem Umfeld ebenfalls als Eremiten ansiedelten. Für sie gründete Pietro eine Kongregation – eine Klostergemeinschaft –, die sich später Cölestiner nannten.

Das späte 13. Jahrhundert war eine Zeit, in der das Papsttum in der Krise steckte. Verfeindete römische Adelsfamilien stritten um die Macht in Mittelitalien. Das führte dazu, dass es immer wieder lange Zeiten ohne Papst gab. So auch nach dem Tod von Papst Nikolaus IV. im Jahr 1292: Zwei Jahre lang, bis 1294, blieb der Stuhl Petri verwaist. In dieser Situation schrieb der damals bereits fast 80-jährige Pietro del Murrone den versammelten Kardinälen eine Botschaft. Darin drohte er ihnen mit dem göttlichen Strafgericht, wenn sie nicht bald zur Wahl eines Papstes schritten.

Das tat das Konklave denn auch: Auf Betreiben von Karl II., dem König von Neapel, wählte es Pietro del Murrone zum Papst. Dieser versuchte, sich der Wahl zu entziehen und flüchtete in die Wildnis. «Ich schaffe es nicht, mich selbst zu retten; wie soll ich da die ganze Welt retten?», soll er ausgerufen haben. Aber seine Anhänger überzeugten ihn, dass es eine Todsünde wäre, die Wahl auszuschlagen. Am 28. Juli 1294 ritt er auf einem Esel in L’Aquila ein, wo er geweiht und gekrönt wurde. Er wurde enthusiastisch begrüsst und viele meinten, die Wiederkehr Christi zu erleben – oder wenigstens den Einzug des «Engelspapstes», der das Zeitalter des Heiligen Geistes einleiten und die Kirche in eine Epoche der Ruhe und des Glücks führen sollte.

Rücktritt aus Überforderung

Doch Coelestin V., wie er sich fortan nannte, war in seinem Amt heillos überfordert und geriet immer mehr in die Abhängigkeit von Karl II. Im Oktober 1294 musste er auf dessen Druck seinen Amtssitz nach Neapel verlegen. Coelestin begann, sich nach seinem friedlichen Einsiedlerleben zurückzusehnen. Nach nur fünf Monaten, am 13. Dezember 1294, legte er seine päpstlichen Insignien ab und streifte wieder die Mönchskutte über. «Ich, Coelestin V., trete hiermit aus freiem Willem vom Pontifikat zurück. (...) Aus der Schwäche meines Körpers (...), überhaupt wegen der Schwäche meiner gesamten Person, verzichte ich ausdrücklich auf die Würde, das Amt und die Ehre des Papstes», hiess es in seinem Rücktrittsschreiben – Formulierungen, die auffällig der Rücktrittserklärung von Papst Benedikt ähneln.

Einige Historiker bezweifeln, dass der Rücktritt freiwillig erfolgte. Denn Coelestins Nachfolger, Bonifatius VIII., befürchtete ein Schisma, eine Kirchenspaltung, und hielt ihn bis zu seinem Tod 1296 gefangen. Dieses Schicksal dürfte Benedikt XVI. mit Sicherheit erspart bleiben.