Spanien
Das katalanische Bergdorf, in dem der Terror wuchs

Fast alle Attentäter stammten aus Ripoll, einem ruhigen katalanischen Bergdorf in den Pyrenäen. Niemand will etwas von ihrem mörderischen Vorhaben bemerkt haben.

Ralph Schulze, Madrid
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«Nicht in meinem Namen» steht auf dem Schild einer Bewohnerin Ripolls, die gestern an einer Zeremonie teilnahm. Francisco Seco

«Nicht in meinem Namen» steht auf dem Schild einer Bewohnerin Ripolls, die gestern an einer Zeremonie teilnahm. Francisco Seco

KEYSTONE

Mit der Ruhe im katalanischen Bergdorf Ripoll in den Pyrenäen ist es vorbei: Die Polizei belagerte die letzten Tage das Dorf, in dem jene Terrorzelle heranreifte, die für die Anschläge in Barcelona und im Ferienort Cambrils verantwortlich ist.

Mannschaftswagen der katalanischen Polizei «Mossos d’Esquadra» stehen in den Strassen. Verhaftungen erfolgen. Häuser werden durchsucht. Auch die Wohnung des Imams Abdelbaki Es Satty, der die jungen Männer mit Hassbotschaften aufgehetzt haben soll. Wo Es Satty ist, bleibt unklar. Die Behörden gehen davon aus, dass er möglicherweise bei einer Explosion am 16. August im Bombenlabor der Terrorgruppe in Alcanar ums Leben kam. Dort fand die Polizei am Sonntag 120 Gasflaschen, welche die Terroristen wohl für mehrere Anschläge in Barcelona gehortet hatten. Der wegen Drogenhandels vorbestrafte Es Satty wird als möglicher Kopf der Terrorzelle angesehen. Der Zelle sollen mindestens zwölf islamistische Fundamentalisten im Alter von 17 bis 34 Jahren angehört haben. Alle sind marokkanischer Abstammung – und bis auf einen lebten alle in Ripoll.

Terrorist schickte Ferienfotos

Einer von ihnen ist der mutmassliche Fahrer des Terrorfahrzeugs von Barcelona, der 22-jährige Younes Abouyaaqoub. Abouyaaqoub, der derzeit wohl meistgesuchte Terrorist Europas, ist noch immer auf der Flucht. In Ripoll lebte auch der 17-jährige Moussa Oukabir, der zunächst von der Polizei verdächtigt worden war, am Donnerstag den Terrorwagen über die Rambla Barcelonas gesteuert zu haben.

Moussa Oukabir gehört zu jenen fünf Terroristen, die am Freitagmorgen in Cambrils von der Polizei erschossen wurden. Genauso wie seine aus Ripoll stammenden Freunde Mohamed Hychami, Omar Hychami, Said Aallaa und Houssaine Abouyaaqoub, die ebenfalls durch Polizeischüsse getötet wurden.

Zudem wurden drei weitere mutmassliche Gesinnungsgenossen in Ripoll festgenommen: Driss Oukabir, Mohamed Aallaa und Salh El Karib.

Sie alle formten eine Terrorzelle, in der vier Familiennamen gleich mehrfach auftauchen, weil Brüder gemeinsame Sache machten: Moussa und Driss Oukabir; Mohamed und Ohmar Hychami; Houssaine und Younes Abouyaaqoub; und Said, Mohamed und Youssef Aallaa. Die Einwohner waren völlig überrascht, als der Name ihres Dorfes in den Fernsehnachrichten auftauchten: «Mein Sohn rief mich doch erst gerade noch an und erzählte, er sei im Urlaub. Er schickte mir Bilder vom Strand», erzählte Halima Hychami, die Mutter eines der Terrorverdächtigen.

Auch Ripolls Bürgermeister Jordi Munell reagierte schockiert: «Wir sind bestürzt und traurig.» In Ripoll lebten gerade mal 11 000 Einwohner. Jeder kenne jeden und trotzdem habe niemand etwas Verdächtiges bemerkt. Die meisten der mutmasslichen Terroristen seien «ganz normale junge Männer» gewesen, heisst es im Dorf.

Ihre radikalen Ansichten verbargen sie offenbar gut, auch wenn sie in einschlägigen Hass-Foren im Internet Spuren hinterliessen: Inzwischen weiss man, dass Moussa Oukabir schon vor zwei Jahren in einem sozialen Netzwerk seinen grössten Wunsch geäussert hatte: «Ich möchte so viele Ungläubige wie möglich töten.»

Den Sicherheitsbehörden, welche die spanische Islamistenszene bisher recht erfolgreich observierten, entging diese Radikalisierung der Gruppe völlig. Vielleicht auch, weil diese Terrorzelle in der abgelegenen Region in den Pyrenäen heranwuchs.

Geplanter Anschlag auf Kirche?

In Ripoll brütete die Gruppe ihren heimtückischen Terrorplan aus, der ursprünglich vorsah, drei Lieferwagen mit mächtigen Sprengsätzen zu versehen und in Barcelona sowie möglicherweise an anderen belebten Tourismushochburgen in der nordspanischen Region Katalonien zu zünden.

Eines der vorgesehenen Ziele war vermutlich die Basilika «Sagrada Família» in Barcelona – jene Kirche, in der gestern Tausende an der Trauerfeier für die Opfer der Terroranschläge teilgenommen hatten.

Monatelang bereitete die Zelle ihr Terrorwerk vor. Dabei experimentierten sie auch mit Bombenbaumaterialien wie dem hochexplosiven Gemisch Triacetontriperoxid (TATP), das schon bei den Terroranschlägen in London 2005 und in Paris 2015 benutzt wurde und wegen seiner verheerenden Wirkung in der Islamistenszene auch «Mutter des Satans» genannt wird.

Verbindung in die Schweiz? Attentäter war Ende 2016 in Zürich

Die katalanische Polizei «Mossos d’Esquadra» gab bekannt, dass zwei der mutmasslichen Attentäter mögliche Verbindungen in die Schweiz hatten. Demnach hielten sich Mohamed Hichamy und Youssel Aalla vergangenes Jahr in der Schweiz auf. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) bestätigte auf Anfrage verschiedener Medien, dass mindestens einer der mutmasslichen Attentäter 2016 in Zürich war. Was der Mann in der Stadt gemacht habe, ist bisher nicht bekannt. Die Bedrohungslage in der Schweiz bleibe aber weiterhin erhöht, sagte Fedpol-Sprecherin Cathy Maret. Nicht bestätigen konnte Maret, dass auch ein zweiter Attentäter in die Schweiz gereist sei.
Bei den Anschlägen in Barcelona und Cambrils sind am Donnerstag und Freitag insgesamt 14 Menschen ums Leben gekommen. 120 Personen wurden verletzt. 54 von ihnen sind noch immer hospitalisiert. (SDA)