Flüchtlinge
Das miese Geschäft der Schlepper: 10'000 Euro für Deutschland einfach

Wie Schlepper auf der Balkanroute die Wehr-und Ahnungslosigkeit der Flüchtlinge ausnützen. Für 10 000 Euro soll man von der Türkei bis nach Deutschland kommen, so das Versprechen der Schlepper.

Norbert Mappes-Niediek
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Die Transfer-Routen der Flüchtlinge

Die Transfer-Routen der Flüchtlinge

Nordwestschweiz

«Komm, komm, hopp, hopp, zehn Euro!», ruft ein dicker Mann mit einem weissen Mercedes Sprinter einer Gruppe von jungen Männern, Frauen und Kindern aus Syrien zu. Noch kommt man mit dem Auto an manchen Stellen von der Ziegelei beim serbischen Subotica über die Grenze nach Ungarn. Vorausgesetzt, man kennt sich aus. Was allerdings auch auf viele hier zutrifft: Die serbisch-ungarische Grenze gehört zu den meist genutzten Schmuggelkanälen Europas.

Erprobt noch aus den 1990er-Jahren, als Serbien unter Embargo stand und die ungarischsprachige Bevölkerung beiderseits der Grenze gut daran verdiente. In Subotica sind die Preise moderat. Steht nächste Woche der erste Teil des Grenzzauns, dürften sie steigen. «Sollte die Grenze wirklich dicht sein», so eine Sprecherin des UNO-Flüchtlingshilfswerks in Rumänien, «so werden es Schlepper sein, die den Strom sofort umdirigieren.» Dann winkt wieder ein besseres Geschäft.

Überall an den Grenzübergängen und Sammelpunkten der Flüchtlinge auf der Balkanroute haben sich kleine oder grössere Märkte von tatsächlichen oder vermeintlichen Helfern etabliert, die Tipps und Tickets anbieten. Nicht alle Anbieter sind neu im Geschäft: Das Netzwerk «Migrants files» hat errechnet, dass schon in den vergangenen 15 Jahren 1,2 Millionen Einwanderer für den Übertritt über Europas Grenzen 16 Milliarden Euro ausgegeben haben – ein grosses Geschäft. Neulinge, oft Kleinkriminelle, wittern erst jetzt die Chance auf schnelles Geld, kaufen sich ein altes Auto, packen so viele Flüchtlinge wie möglich hinein und bringen sie über einen versteckten Übergang.

Von der Bahn auf die Strasse

Solange Eisenbahnzüge das Haupttransportmittel waren, blieb das Geschäft noch schwach. Schräge Gestalten an den Bahnhöfen von Bozen, Belgrad oder Athen verkauften ahnungslosen Arabern Fahrkarten, die sie problemlos und für den Bruchteil des Preises auch am Schalter hätten kaufen können. Als vor rund zwei Monaten in Mazedonien die Plätze im Zug knapp wurden oder – wie in Ungarn – scharfe Kontrollen eingeführt wurden, verlagerte sich das Geschäft auf die Strasse. Übliche Transportmittel sind jetzt neben Autos und Kleinbusse, vor allem Klein-Lastwagen oder Kastenwagen nach Art des Mercedes Sprinter.

Im Lastwagen auf der A4 befanden sich 59 Männer, 8 Frauen und 4 Kinder.
8 Bilder
Der Lastwagen mit den 71 toten Flüchtlingen wird untersucht.
Flüchtlings-Drama in Österreich: 3 Schlepper gefasst
Tücher verdecken den LKW
Schlepper-Lkw: Darstellung des Rauminhalts pro Mensch auf der Ladefläche
Der Fundort der Flüchtlinge, die in einem LKW im Burgenland (Österreich) erstickt sind.
Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren

Im Lastwagen auf der A4 befanden sich 59 Männer, 8 Frauen und 4 Kinder.

Keystone

Besonders rege war der «kleine Markt» in Gevgelija an der griechisch-mazedonischen Grenze. Bis die Regierung sich vorige Woche entschloss, die Flüchtlinge rasch und unbürokratisch per Zug und Bus gleich weiter bis kurz vor Serbien zu transportieren. Ähnlich wie in Libyen, wo Raub und Erpressung nach Berichten von Flüchtlingen gang und gäbe sind, nutzen auch viele Schlepper in Gevgelija die Wehrlosigkeit ihrer Kunden und das enorme Informationsgefälle aus.

Gefahren wird nur gegen Vorkasse. Wo man aussteigen darf – ob hinter oder noch vor der Grenze – entscheidet der Fahrer. Und hinten im Kastenwagen kann man nicht sehen, ob man die Grenze schon hinter sich hat. Erzählt wurde von Fällen, wo Ortskundige einen ganzen Eisenbahnwaggon mit Flüchtlingen füllten, ihnen Geld abnahmen und sie dann auf ein Abstellgleis schoben. In einem Fall sollen Flüchtlinge sogar so lange festgehalten worden sein, bis sie neues Geld aus Syrien beschafft hatten. Die Gauner und Betrüger sind offenbar vorwiegend Mazedonier und Albaner, aber auch Bulgaren.

800 Euro pro Grenzübertritt

Vor allem in der Türkei und in Griechenland werden «Pakete» verkauft: Ein Direkttransport etwa bis nach Österreich oder Deutschland. Ab Athen etwa besteht ein solches Paket aus drei Grenzübertritten zu je 800 Euro – erst nach Mazedonien, dann nach Serbien, dann nach Ungarn. Um den ganzen Profit einzuheimsen und ihn nicht mit lokalen, ortskundigen Schleppern teilen zu müssen, wagen die Paketanbieter oft besonders gefährliche Trips: Über Autobahnen und reguläre Grenzübergange, aber versteckt etwa im Hohlraum einer Lastwagen-Ladefläche. Organisiert werden die Transporte oft von Schleppern, die Arabisch sprechen. Als Fahrer wählt man dann lieber einen Landeskundigen, der im Auftrag fährt.

Die 71 Menschen, die am Donnerstag auf der österreichischen Autobahn tot aufgefunden wurden, dürften einem solchen Arrangement zum Opfer gefallen sein. Dafür spricht auch, dass sie offenbar noch in Ungarn versteckt gehalten wurden, obwohl sie den Schengen-Raum doch schon erreicht und keine weitere Grenzkontrolle mehr zu fürchten hatten. Möglicherweise war ihnen versprochen worden, ganz bis nach Deutschland zu fahren. In der Türkei werden solche Pakete für rund 10'000 Euro pro Person verkauft. «Drahtzieher» solcher Geschäfte sässen in Bulgarien, Rumänien, Ungarn oder Serbien, sagte Gerald Tatzgern vom Bundeskriminalamt in Österreich.

450'000 Dollar in einer einzigen Nacht

Die Überfahrt von dem libyschen Küstenstädtchen Zuwara nach Lampedusa dauert bei gutem Wetter in einem einfachen Fischerboot etwa zehn Stunden. Fischer, die zu Gaddafis Zeiten vom Sardinenfang lebten, sind es auch, die in der Regel die Flüchtlingsboote steuern. Ein Mitspracherecht bei der Beladung ihrer Boote haben sie nur selten. Alle wichtigen Entscheidungen werden von den Menschenhändlerringen in Zuwara getroffen, deren Hintermänner nach Angaben der libyschen Polizei in Europa sitzen und gute Kontakte zur Mafia unterhalten.

Das schmutzige Geschäft mit den Flüchtlingen, die aus Asien, West– und Zentralafrika sowie Arabien an die libysche Mittelmeerküste kommen, ist gut organisiert. Eine Woche vor der Überfahrt zahlen sie zwischen 800 und 1000 Dollar an die Schlepper. Diese nennen auch den Zeitpunkt der Überfahrt, nachdem lokale Milizen und Polizisten ihre «Prämie» erhalten haben – und wegsehen. Die Menschenschmuggler zahlen mehr als der praktisch gescheiterte libysche Staat, der nach dem Sturz Gaddafis seine Funktionen nicht mehr erfüllen kann.

Total überladen

Nach Informationen der BBC waren es zwei Boote, die am späten Mittwochabend den 100 Kilometer westlich der Hauptstadt Tripolis gelegenen Fischerhafen in Richtung Lampedusa verlassen hatten. An Bord des ersten Bootes befanden sich 100 Menschen. Es kenterte wenige Stunden später vor der libyschen Küste. Ein zweites Boot wurde mit 400 Flüchtlingen offenbar hemmungslos überladen. Es geriet etwa 25 Seemeilen von Zuwara entfernt in Seenot und sank innerhalb einer halben Stunde. Über die Zahl der Opfer gibt es unterschiedliche Angaben. Ibrahim al-Attoushi vom libyschen Roten Halbmond zufolge konnten 198 Menschen von der libyschen Küstenwache gerettet werden. Diese konnte auch 82 Leichen bergen. Die Opfer sollen aus Syrien, Pakistan, mehreren afrikanischen Staaten und Bangladesch stammen. Rund 200 Menschen werden noch vermisst.

Für die Schlepperbanden waren die Überfahrten am Mittwochabend erneut ein Riesengeschäft. 500 Verzweifelte stiegen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa in die Boote der Menschenhändler. Geht man von einem Durchschnittspreis von 900 Dollar pro Kopf aus, dann verdienten sie in einer einzigen Nacht 450'000 Dollar. Der Verlust der beiden Boote fällt kaum ins Gewicht. Als «seetüchtig» geltende Fischerboote bekommt man an der libyschen Küste ab 6000 Dollar. Wie die gewaltigen Profite verteilt werden, ist nicht genau bekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass die Köpfe der Schlepperbanden den Löwenanteil erhalten.

Trotz der vielen Toten bei der Überfahrt ist die Zahl derjenigen, die es bis nach Italien geschafft haben, verhältnismässig hoch. Das behaupten zumindest die Betroffenen. Das Risiko, in Aleppo von einem Heckenschützen ermordet oder beim Abwurf einer Fassbombe ums Leben zu kommen, sei sehr viel höher als im Mittelmeer zu ertrinken, relativierte unlängst ein Flüchtling aus der nordsyrischen Millionen-Stadt die Gefahren bei der Überfahrt nach Italien.