Flüchtlinge
Das sind die zwölf Auserwählten von Papst Franziskus

Papst Franziskus besuchte die griechische Insel Lesbos – und kam mit zwölf Flüchtlingen zurück. Wer sind diese Leute, die der Pontifex aus dem Elend von Krieg und Flucht rettete?

Gerd Höhler
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Papst Franziskus auf Lesbos
25 Bilder
Syrische Flüchtlinge: Nour Essa mit ihrem Mann Hasan Zaheda und dem zweijährigen Sohn Riad während eines Interviews.
Syrische Flüchtlinge: Nour Essa mit ihrem Mann Hasan Zaheda und dem zweijährigen Sohn Riad während eines Interviews.
Hasan Zaheda mit seinem Sohn Riad.
Syrische Flüchtlinge: Nour Essa mit ihrem Mann Hasan Zaheda und dem zweijährigen Sohn Riad während eines Interviews.
Kaum angekommen lernen die Flüchtlinge Italienisch.
Wafa und Osama mit ihren Kindern: Eine der drei syrischen Familien bei ihrer Ankunft in Rom am Samstagabend.
Der Papst nimmt zwölf Flüchtlinge mit nach Rom – darunter sechs Kinder.
Franziskus liest den Führern der Welt auf Lesbos die Leviten: Eine humanitäre Katastrophe.
Papst Franziskus flankiert vom Patriarchen Bartholomeus I., dem geistlichen Führer der Orthodoxen Christen, und dem Erzbischof von Athen Hieronymus II.
Flüchtlinge am Gitter des Moria-Camps.
Geste der Menschlichkeit der Papst auf Lesbos.
Ein Nachdenklicher Papst, der von der grössten humanitären Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg spricht.
Flüchtlingskind auf Lesbos: Die Botschaft im Gesicht.
Zum Gedenken der Flüchtlinge, die auf dem Weg über das Meer ertrunken sind, werden im Hafen von Mytilene Kränze aufs Wasser geworfen.
Papst Franziskus nimmt zwölf Flüchtlinge mit nach Rom.
Der Griechische Präsident Alexis Tzipras begrüsst den Papst auf Lesbos.
Flüchtlinge im Camp Moria – Menschenrechtler sprechen von einem Internierungslager.
Christliche Syrer bitten den Papst um Hilfe.
Lasst mich zu meinem Vater, bitte! Das schreibt dieser Junge auf sein Transparent.
Christliche Syrer beim Papstbesuch auf Lesbos: Genozid an den Jesiden?
Der Papst unterhält sich mit Flüchtlingen.
Zuneigung für die Schwächsten.
Der Papst unterhält sich mit Flüchtlingen.
Auch der Patriarch nimmt sicher der Kinder an.

Papst Franziskus auf Lesbos

Keystone

Als ihm der Papst die Hand schütteln will, fällt der Mann vor ihm auf die Knie. Schluchzend bittet er: «Vater, gib mir Deinen Segen!» Lange legt Franziskus seine Hand auf seinen Kopf. Wenige Augenblicke darauf durchbricht eine weinende Frau die Sicherheitsabsperrungen. Sie fleht den Papst an: «Nimm mich mit!» Viele Menschen brechen in Tränen aus, strecken dem Papst hilfesuchend ihre Hände entgegen. Kinder schenken ihm selbstgemalte Bilder. Es sind Zeichnungen traumatisierter Kinder. Sie zeigen den Schrecken des Krieges und die Gefahren der Flucht.

Es waren bewegende Momente, die sich beim Besuch von Papst Franziskus auf der griechischen Flüchtlingsinsel Lesbos abspielten. Gemeinsam mit zwei geistlichen Führern der orthodoxen Kirche, dem Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomäus I., und dem Athener Erzbischof und Oberhaupt der griechischen Kirche, Hieronymos II., war der Papst am Samstag auf die ostägäische Insel gekommen.

Papst kritisiert Teil der EU-Staaten

Gegenwärtig sind etwa 4100 Flüchtlinge und Migranten auf Lesbos. Die meisten von ihnen müssen damit rechnen, im Rahmen des Rückführungsabkommens zwischen der EU und der Türkei wieder abgeschoben zu werden. Dennoch versuchte der Papst, den Menschen Mut zu machen: «Ihr seid nicht allein, Freunde, verliert die Hoffnung nicht!» Im Flüchtlingslager Moria erinnerte der Papst daran, dass die Geschichte Europas «vom Geist der Brüderlichkeit, der Solidarität und des Respekts vor der Menschenwürde geprägt» sei – eine deutliche Kritik an jenen EU-Staaten, die ihre Grenzen für die Flüchtlinge geschlossen haben.

Der bevorstehende Besuch hatte auf der Insel an den Vortagen hektische Aktivitäten der Behörden ausgelöst. Die Strassen der Inselhauptstadt Mytilini wurden gekehrt und mit Wasser abgespritzt, Grünanlagen frisch hergerichtet, Fassaden gestrichen. Medien berichteten von der «Operation Besen»: Die Regierung in Athen habe angeordnet, möglichst alle Flüchtlinge, die bis dahin frei campierten, aus dem Stadtbild verschwinden zu lassen. Das stiess auf Kritik des Inselbürgermeisters Spiros Galinos. Man dürfe wegen des Papst-Besuchs die Probleme der Insel nicht unter den Teppich kehren. «Wir sollten die Wahrheit zeigen», forderte er.

Im Flüchtlingslager Moria kamen die drei Kirchenführer mit Flüchtlingsfamilien zu einem einfachen Mittagessen zusammen. In einer gemeinsamen Erklärung der drei Geistlichen heisst es: «Die Tragödie erzwungener Migration und Vertreibung ist eine humanitäre Krise, die nach Solidarität, Barmherzigkeit, Grosszügigkeit und sofortiger Hilfe ruft.»

Papst Franziskus beliess es nicht bei Appellen, sondern nahm drei Flüchtlingsfamilien auf den Rückflug mit nach Rom.

Warum gerade sie?

Im Airbus, in dem der Papst am Samstag nach Lesbos geflogen war, sassen deutlich weniger Vatikan-Journalisten als gewöhnlich. Die Plätze waren im Hinblick auf den Rückflug freigelassen worden: Dass der Papst ein paar Flüchtlingsfamilien von Lesbos mit nach Rom nehmen würde, war bereits vor dem Abflug geplant. Allerdings nicht von langer Hand: Gegenüber italienischen Medien hat Franziskus erklärt, die Idee sei vor einer Woche einem seiner Mitarbeiter gekommen – und er sei sofort damit einverstanden gewesen. Franziskus wehrte sich gegen die Unterstellung, er habe bei diesem Entscheid politische Hintergedanken gehabt: «Es war einfach ein humanitärer Akt mit grosser Bedeutung.»

Die Auswahl der drei Familien – drei Elternpaare mit insgesamt sechs Kindern – sei dagegen zufällig gewesen, betonte Franziskus. Es handle sich ganz einfach um Familien, bei denen alle Mitglieder gültige Papiere besessen hätten. Für die zwölf Personen habe man zwischen Griechenland, Italien und dem Vatikan eine Vereinbarung für die Einreisevisa getroffen. Dass es sich um lauter Muslime handle, sei Zufall. Die drei Familien sind offiziell «Gäste des Papstes», werden in Rom aber von der katholischen Laienorganisation Sant’Egidio untergebracht. Im Vatikan leben bereits zwei Flüchtlingsfamilien, die von den beiden vatikanischen Pfarreien St. Peter und Santa Anna betreut werden.

Autor: Dominik Straub, Rom