Libyen
Das «Swiss Inn»: Ein «Luxusgefängnis» für Kriegsreporter in Tripolis

Ein Hotel in Tripolis steht seit dem Wochenende im internationalen Scheinwerferlicht. 35 Korrespondenten von CNN, BBC, Reuters und anderen Medien halten sich derzeit im 5-Stern-Hotel Swiss Inn al-Nasr auf, einem der führenden Luxus-Hotels in Libyen.

Christian Nünlist
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Noch grüsst Gaddafi in der Lobby des Swiss-Inn-Hotels in Tripolis. key

Noch grüsst Gaddafi in der Lobby des Swiss-Inn-Hotels in Tripolis. key

In der Kriegsberichterstattung ist jedoch irrtümlicherweise immer vom «Hotel Rixos» die Rede. Das Hotel wurde zwar im März 2010 von der türkischen Hotelgruppe Rixos eröffnet, ist aber inzwischen Teil der Swiss-Inn-Hotelkette, die vor allem in Ägypten präsent ist und im November auch in Dammam in Saudi-Arabien ein Luxushotel eröffnen wird.

Das «Swiss Inn al-Nasr» (das frühere «Rixos al-Nasr») in Tripolis verfügt laut der eigenen Website über 120 Luxussuiten, zwei Restaurants, eine Bar und ein Wiener Café. Zur grosszügigen Anlage unter Eukalyptusbäumen gehören auch Tennisplätze, ein modernes Fitnesszentrum und ein 1700 Quadratkilometer grosses Bäder- und Wellnesszentrum – darin gibt es sogar einen «Schneeraum».

Nebst dem üblichen Taxiservice gibt es auch einen Helikopterservice. Eine Nacht im «Swiss Inn» kostet rund 500 Dollar. Das «Swiss Inn» ist im libyschen Bürgerkrieg seit Februar zum Stützpunkt der internationalen Kriegsberichterstatter geworden. Seit einem halben Jahr ist das Hotel im Herzen von Tripolis jedoch ein «luxuriöses Gefangenenlager» geworden. In regelmässigen Abständen organisierte Gaddafis Informationsminister in der Lobby des «Swiss Inn» Pressekonferenzen.

Kein Strom, dafür Schüsse

Die im Hotel einquartierten Kriegsreporter nannten das «Swiss Inn» zynisch «Hotel California», nach dem gleichnamigen Eagles-Lied mit der Textzeile: «You can check-out any time you like, but you can never leave» («Du kannst, wann immer du willst, auschecken, aber du kannst nie weggehen»). Denn die Reporter konnten das Luxushotel immer nur in Begleitung eines Regierungsbeamten verlassen. Die Lage wurde für die Journalisten seit Juni zunehmend brenzliger. Denn die anwesenden Regierungsvertreter beschimpften die westlichen Reporter wiederholt als «Nato-Spione».

Die Situation im «Swiss Inn» hat sich nun seit Sonntag dramatisch verschlechtert. Das Journalisten-Hotel ist inzwischen einer der wenigen Flecken in der libyschen Hauptstadt, der immer noch von Gaddafi-loyalen Soldaten kontrolliert wird. Diese Truppen bewachen die Journalisten, die de facto im Luxusgefängnis eingesperrt sind und es nicht verlassen können.

Am Montag fiel der Strom aus, und die Reporter mussten sich mit Kerzen behelfen. Es kam auch kein Wasser mehr aus den Leitungen. Nach Mitternacht erlebten die belagerten Journalisten einen skurrilen Moment: Gaddafis Thronfolger Seif al-Islam, der zweitälteste Sohn von Diktator Gaddafi, tauchte in der Lobby des Hotels auf und widerlegte damit die Gerüchte, wonach die Rebellen ihn gefangen genommen hätten.

Raubzug in die Speisekammer

Das Hotel wurde gestern auch in die Strassenkämpfe zwischen Rebel-len und Gaddafi-Loyalisten verwickelt, Schüsse drangen durch Fensterscheiben ins Hotel ein. Die Journalisten tragen deshalb kugelsichere Westen und Helme und meiden die Nähe zu Fensterscheiben.

CNN-Reporter Matthew Chance erhält den Kontakt mit der Aussenwelt dank Satellitentelefon und Twitter-Meldungen aufrecht. Mit Kollegen zusammen hat er das «Swiss Inn» nach Essen durchsucht. Erleichtert twittert er, sie hätten in der Speisekammer «tonnenweise Käse» gefunden. Trotzdem ist Chance besorgt, dass ihnen Essen und Trinken langsam ausgehen würden. «Es macht keinen Spass!», twittert er aus dem Swiss Inn.