Frankreichs Burka-Debatte: Kann man den Gesichtsschleier verbieten und gleichzeitig Schutzmasken für obligatorisch erklären?

Diese Frage treibt die Franzosen gerade um. Die Antwort ist hochpolitisch.

Stefan Brändle aus Paris
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Die Debatte um die Gesichtsverhüllung wurde in Frankreich neu entfacht.

Die Debatte um die Gesichtsverhüllung wurde in Frankreich neu entfacht.

Bild: Keystone

Seit zehn Jahren ist die Verhüllung des Gesichtes in Frankreich verboten. Das sogenannte «Burkaverbot» bleibt bis heute ein Reizthema – besonders in Coronazeiten. Die «Washington Post» stellte sich in einem ironisch formulierten Beitrag vor, was einer Muslima in der Pariser Metro widerfahren würde: Zuerst verlangte man von ihr, ihren Gesichtsschleier abzulegen, dann müsste sie eine Schutzmaske aufsetzen.

Die militante Feministin Rokhaya Diallo sagte dem Nachrichtensender Al-Jazeera, die aktuelle Maskenpflicht zeige, worum es Frankreich mit dem Verhüllungsverbot wirklich gehe – um den «Ausschluss» einer ganzen Religion.

Ähnlich sieht das Kenneth Roth, der Vorsteher des Hilfswerkes Human Rights Watch. Er schrieb auf Twitter: «Die französische Regierung empfiehlt Schutzmasken, aber untersagt die Burka. Kann Islamophobie offensichtlicher sein?»

Auch der Anwalt Louis le Foyer de Costil sagt, die Situation entlarve den Staat als «schizophren» und das Verhüllungsverbot als «heuchlerisch»: Niemand habe damals zugeben wollen, dass sich das Verbot der Gesichtsverhüllung einzig gegen das islamische Kopftuch richte. Jetzt sei das klar.

Tatsächlich enthält das Gesetz keinerlei Verweis auf islamische Praktiken. Es ist allgemein verboten, «im öffentlichen Raum eine Bekleidung zu tragen, die dazu bestimmt ist, das Gesicht zu verhüllen». Die Gesetzgeber haben allerdings eine Ausnahme vom Verhüllungsverbot «aus gesundheitlichen Gründen» festgesetzt.

Auffälligerweise offenbart die neu entbrannte Burka-Debatte auch den Unterschied zwischen dem französischen und angelsächsischen Gesellschaftsmodell. Der Ansatz der USA, wo Minderheiten nach eigenen Regeln leben, kontrastiert mit dem universellen Anspruch Frankreichs, wo Abweichung nicht gern gesehen wird und von Zugewanderten absolute Assimilierung verlangt wird. Die Feministin Diallo sagt, das diene nur dazu, die «weissen Privilegien» zu erhalten und den Muslima Kleidervorschriften zu machen.