Das Virus eint sogar das Heilige Land: Israel und Palästina arbeiten für einmal zusammen

Trotzdem könnte der Region eine humanitäre Katastrophe bevorstehen: Dann nämlich, wenn sich das Virus im Gazastreifen verbreiten würde.

Pierre Heumann aus Tel Aviv und Samuel Schumacher
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Ein Clown versucht den zuhause festsitzenden Kindern im Gazastreifen ein bisschen Freude vorbeizubringen. (Bild: Keystone)

Ein Clown versucht den zuhause festsitzenden Kindern im Gazastreifen ein bisschen Freude vorbeizubringen. (Bild: Keystone)

Für einmal, sagt Mkhaimar Abusada, habe die Abriegelung des Gazastreifens auch eine positive Seite. «Sie schützt uns vor der Ausbreitung des Coronavirus,» erzählt der Professor für Politologie an der al-Azhar Universität in Gaza. Weil die Grenzübergänge nach Ägypten und nach Israel geschlossen sind, ist der Küstenstreifen bis jetzt von der Epidemie einigermassen verschont geblieben. Ein Dutzend bestätigte Fälle gibt es bisher. «Sollte sich Corona aber in Gaza ausbreiten, wäre das aber eine Katastrophe,» betont Abusada. Für die rund zwei Millionen Palästinenser stehen in Gaza weniger als 90 Beatmungsgeräte zur Verfügung.

Doch trotz der prekären Lage im Heiligen Land: Die drohende Pandemie führt zu einer bis vor kurzem undenkbaren Kooperation zwischen Israelis und Palästinensern. Obwohl Beatmungsgeräte auch in Israel knapp sind, will die Regierung zusätzliche Geräte nach Gaza schicken. Israelische Experten unterweisen medizinisches Personal aus Gaza, wie die Geräte zu bedienen sind. Gleichzeitig hat Israel die sonst äusserst restriktiven Einreisebedingungen für palästinensische Krebskranke gelockert, damit sie sich in israelischen Kliniken behandeln lassen können. Die Hamas, die den Gazastreifen regiert, hat Israel einen Gefangenenaustausch angeboten und verzichtet seit Wochen auf Attacken auf israelisches Gebiet.

Lohnkürzungen für palästinensische Ärzte

Die Probleme zwischen den beiden Seiten sind damit nicht gelöst. Die Palästinensischen Gebiete leiden wirtschaftlich stark unter der israelischen Besatzung. Die Coronakrise setzt den Gebieten zusätzlich hart zu. So musste die Palästinensische Autonomiebehörde zuletzt etwa dem jetzt dringend benötigten Gesundheitspersonal die Löhne kürzen.

Um die Verbreitung des Virus zu stoppen, hat Israel rund 70 000 in Israel arbeitenden Palästinensern eine befristete Aufenthaltsgenehmigung erteilt. Beide Seiten würden jetzt realisieren, dass sie im selben Boot sitzen, sagt ein europäischer Diplomat in Tel Aviv.

Die Menschenrechtsanwältin Zaha Hassan schreibt in einem Beitrag für «Foreign Affairs», dass diese Erkenntnis alleine noch nicht reiche. Israel müsse in einem nächsten Schritt die hunderten Palästinenser freilassen, die bislang ohne Gerichtsverfahren und ohne Zugang zu adäquater Gesundheitsversorgung in überfüllten Gefängniszellen sässen.