Streik in Frankreich: «Das war erst der Anfang»

Nach den ersten Protesten gegen die Rentenreform von Emmanuel Macron stellt sich Paris auf tagelange Blockaden ein.

Stefan Brändle aus Paris
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Demonstration gegen die Rentenreform in Paris.

Demonstration gegen die Rentenreform in Paris.

Bild: Christophe Petit Tesson/EPA (5. Dezember 2019)

Was an diesem Morgen am meisten auffällt in Paris: die Stille. Auf der Einfallachse N20 nach Paris hinein gibt es keinen Stau, kein Hupkonzert. Viele der sonst so lebendigen Boulevards sind bei Tagesanbruch leer. Die Pariser Medien hatten Hunderte von ­Kilometern Autokolonnen um die französische Hauptstadt vor­ausgesagt, ein Verkehrschaos schlimmer als beim letzten grossen Rentenstreik von 1995.

Doch nun rollt der Verkehr flüssiger als je in die französische Hauptstadt hinein. Dafür gibt es eine Erklärung: Die Pariserinnen und Pariser haben sich auf den Aktionstag eingestellt und vorbereitet. Mariam, Julie und Marie-Elodie, drei Angestellte der Tageskrippe Kangourou, hatten Schlafsäcke mitgebracht und verbringen die Nacht dort, wo sie sonst die Babys wickeln. «Lieber ein fröhlicher Pizzaabend am Arbeitsplatz, als eine Stunde lang auf dem Bahnsteig zu ­frieren und dann im Zug wie die ­Sardinen eingepfercht zu sein», meint Praktikantin Mariam.

Handy-Apps als Streikbrecher

Am früheren Südtor von Paris, der Porte d’Orléans, flitzen elektrische Tretroller und Fahrräder vorbei. Sogar ein Rollstuhl ist unterwegs – sein Fahrer berichtigt aber lachend, er hole nur ein Croissant an der Bäckerei. In den wenigen Autos sitzen stets mehrere Personen – organisiert durch den Mitfahrdienst Blablacar oder den Fahrtenvermittler Uber. Und das sind nur die beliebtesten Applikationen dieses speziellen Pariser Tages: Moovit, Citymapper, Waze, Geovelo, Lime oder Velib sorgen für ­Ersatz für die mehrheitlich geschlossenen Metrolinien. Wenn die Gegner von Macrons Rentenreform gehofft hatten, in Paris Stau, Frust und Chaos auszulösen, um die Staatsführung unter Druck zu setzen, müssen sie nun einsehen: Die Handy-­Apps urbaner Mobilität sind die wirksamsten Streikbrecher. Stell dir vor, in Paris wird gestreikt, und die Leute zucken nur mit den Schultern.

Stille auch im Bahnhof Montparnasse. Dort, wo an normalen Wochentagen Zehntausende von Pendlern an ihren Arbeitsplatz hasten, herrscht gähnende Leere. Zehntausende haben ­umdisponiert – sie haben einen freien Tag genommen, Überstunden abgebaut oder den Esstisch zu Hause in ein Büro verwandelt. Zwei Auskunftspersonen der Bahn SNCF geben dem Journalisten Auskunft, warum sie nicht streiken: «Wir haben keinen privilegierten Status wie die Lokführer, die mit 52 in Rente gehen», sagt eine der beiden.

Rebellische Fakultät geschlossen

In der Bahnhofbäckerei Paul langweilt sich die Verkäuferin mit der weissen Kochmütze. Das heisst nicht, dass sie gegen den Streik ist: «Macron will uns unsere kleinen Vorrechte nehmen. Ich bin nicht eifersüchtig auf die grossen Vorteile der Lokführer – sie kämpfen für uns alle.»

Stille, Menschenleere auch bei der Universität Tolbiac, dem «linken» Ableger der Sorbonne hier im Südosten von Paris. Die rebellische Fakultät ist auf ­Weisung von oben geschlossen. «Haben sie etwa Angst?», fragt die trotzkistische Splittergruppe «Révolution permanente» auf ihrer Homepage, um anzufügen: «Der Machtkampf hat heute Morgen begonnen.» Studenten sind allerdings keine in Sicht. «Die kommen erst am Nachmittag, wie die Polizei», informiert ein frierender Obdachloser über sein Morgenbier hinweg.

Wie lange hält Macron durch?

Am Nachmittag kommt Leben in die Stadt, die so ruhig war wie sonst nur in der Sommerpause. Beim Gare de l’Est versammeln sich Zehntausende von Eisenbahnern, Lehrern, Metro-, Spital- und Elektrizitätsangestellten, Polizisten, Fluglotsen, Anwälten, Geldtransporteuren. Um 14 Uhr setzt sich ein Menschenmeer in Bewegung Richtung République, dann zur Place de la Nation. Die Entschlossenheit ist spürbar. «Dieser Streik wird heute Abend nicht zu Ende sein», warnt Philippe Martinez von der ehemals kommunistischen CGT, von der einzelne Mitglieder immer noch Hammer und Sichel auf ihren Transparenten mitführen und zum Generalstreik aufrufen. «Wir bleiben bis zum Rückzug der Reform.» ­Derweil erklärt Macrons Regierungssprecherin im Elysée-Palast, die Verhandlungen seien «eröffnet». Das riecht nach Konzessionen. Martinez geht nicht darauf ein, er sagt: «Donnerstag war erst der Anfang.» Die Metrobetriebe RATP haben ihren Ausstand bereits bis am Montagabend verlängert. Zahllose Flüge werden auch in den kommenden Tagen ausfallen.

Die Streikenden wissen, die Zeit spielt für sie: Einen Tag lang können die Franzosen dank ihren Handy-Apps Auswege ­finden. Aber eine ganze Woche lang? Gar drei Wochen? So lange brauchte Premier Alain Juppé 1995, bis er einknickte und seine Rentenreform zurückzog. Und Macron?