DDR: «Die Gleichgültigkeit stört mich bis heute»

Die Schweiz war für die Bürger der DDR ein Land der Sehnsucht. Nun hat dieses Bild Kratzer bekommen. Roland Jahn von der Stasi-Unterlagenbehörde warnt vor einem vorschnellen Urteil. Der Schweiz gibt er aber einen Rat.
Ricardo Tarli, Berlin
Roland Jahn: «Die Schweiz spielte bislang nur am Rand eine Rolle.» (Bild: Thomas Trutschel/Getty (Berlin, 21. März 2017))

Roland Jahn: «Die Schweiz spielte bislang nur am Rand eine Rolle.» (Bild: Thomas Trutschel/Getty (Berlin, 21. März 2017))

Interview: Ricardo Tarli, Berlin

Er trat in grosse Fussstapfen. Roland Jahn (64) ist seit 2011 Bundesbeauftragter für die Unterlagen der Staatssicherheit der DDR (BStU). Er folgte unter anderem auf Joachim Gauck. Der ehemalige Bundespräsident war erster Leiter der 1990 ­gegründeten Bundesbehörde BStU.

Zusammen mit rund 1600 Mitarbeitern ist Jahn für die Sicherung und Aufbewahrung der Stasi-Akten zuständig. Eine weitere Aufgabe seiner Behörde ist es, Wissenschaftern, Medienschaffenden und Privatpersonen Zugang zu den Stasi-Akten zu ermöglichen. Im ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg lagern ungefähr 50 Kilometer der insgesamt 111 Kilometer Aktenmaterial. Die übrigen 61 Kilometer sind auf zwölf Archivstandorte in den östlichen Bundesländern verteilt.

Die Hinterlassenschaften der Stasi dokumentieren die Herrschaftsmethoden und das Herrschaftswissen der kommunistischen Staatspartei SED in der DDR und ihrer Geheimpolizei, der Stasi.

Roland Jahn, Sie sind in Jena, in der DDR, aufgewachsen. Welches Bild hatten Sie damals von der Schweiz?

Die Schweiz war ein Land der Sehnsucht. Wegen ihrer Neutralität war sie ein Symbol der Unabhängigkeit. Es war ein Land, das ich gerne bereist hätte, wegen der schönen Landschaften, die ich im «Westfernsehen» gesehen hatte. Ich will die Schweiz aber nicht verklären. In den DDR-Kinos lief Ende der Siebzigerjahre der Film «Die Schweizermacher», der sich kritisch mit der Schweiz und mit ihrem Umgang mit Ausländern auseinandersetzte. Nachdem ich diesen Film gesehen hatte, betrachtete ich die Schweiz mit anderen Augen.

Vor zwei Jahren kamen brisante Details über die Rolle der Schweiz als Drehscheibe von geheimen Stasi-Geschäften an die Öffentlichkeit. Waren Sie überrascht?

In den vergangenen 25 Jahren ist vieles ans Licht gekommen, was vor der «friedlichen Revolution» geheim war. Vieles davon hatte man zwar geahnt, aber nicht genau gewusst. In der Aufarbeitung spielte die Schweiz bislang nur am Rand eine Rolle, als es etwa um die Frage ging, wo DDR-Parteivermögen versteckt lag oder wie die DDR Milliardenkredite, die sie zum Überleben brauchte, erhielt. Ihr Buch «Operationsgebiet Schweiz» leistet deshalb einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung.

Als Oppositioneller gerieten Sie ins Visier der Stasi und kamen in Haft. In der neutralen Schweiz gab es Leute, die mit den Handels- und Finanzgeschäften des ostdeutschen Geheimdienstes viel Geld verdienten. Sind Sie darüber empört?

(überlegt lange) Ungerechtigkeit finde ich immer empörend. Was mich in diesem Zusammenhang bis heute stört, ist die Gleichgültigkeit, die damals im Westen, auch in der Schweiz, gegenüber den Verhältnissen in der DDR herrschte. Es ging nur um das Geschäft. Moralische Fragen spielten kaum eine Rolle.

Die Beziehungen der Schweiz zur DDR sind noch immer ein dunkler Fleck in der Geschichtsforschung. Ein Versäumnis?

Jeder Staat hat es selbst in der Hand, zu entscheiden, wann er sich mit den dunklen Kapiteln seiner Geschichte auseinandersetzen will. So auch die Schweiz. Die DDR war ein kommunistischer Unrechtsstaat. Darüber besteht kein Zweifel. Und die Schweiz war Dreh- und Angelpunkt von Geschäften, in die die ostdeutsche Geheimpolizei, die Stasi, massgeblich verwickelt gewesen war. Die Verstrickungen mit der DDR, insbesondere die Aktivitäten der Stasi in der Schweiz, sollten deshalb aufgeklärt werden.

Wie sollte die Aufarbeitung angegangen werden?

Zunächst müssen alle Fakten auf den Tisch kommen. Dazu wäre es hilfreich, wenn alle Archive sich öffnen würden. Nicht nur die staatlichen, sondern auch die Archive der Unternehmen, die im Osthandel tätig gewesen waren. Auf Grundlage dieser Akten und mit Hilfe von Aussagen der damals Beteiligten können die Vorgänge einer kritischen Bewertung unterzogen werden. Was bereits heute klar ist: Die Bedingungen in der Schweiz haben es der DDR einfach gemacht, dubiose Geschäfte abzuwickeln, Stichwort Bankgeheimnis.

Waren diese Geschäfte moralisch verwerflich?

Mit einem solchen Urteil sollte man vorsichtig sein. Denn Handelsbeziehungen können das Leben der Menschen, die unter einer Diktatur leiden, durchaus verbessern, heute wie damals. Ob die Schweizer Schwarzhändler, die der Stasi Spionagetechnik lieferten, sich moralisch gut verhielten, bezweifle ich allerdings.

Haben die Schweizer Behörden ihre Verantwortung wahrgenommen?

Diese Frage kann ich nicht abschliessend beantworten. Es stellen sich ja weitere Fragen: Wie gross war der gesetzliche Handlungsspielraum der Behörden? Wurden alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft, um solche Geschäfte zu unterbinden? Man darf erwarten, dass auch von den Schweizer Behörden Transparenz hergestellt wird und man sich rückblickend die Frage stellt: «Was hätten wir anderes tun können?» Das sind wir den Menschen schuldig, denen in der DDR Unrecht widerfahren ist.

Was müsste geschehen, damit ein solcher gesellschaftlicher Diskurs in der Schweiz in Gang kommt?

Staatlich geförderte Forschung könnte einen Input dazu leisten. Aber auch Bankhäuser und Unternehmen stehen in der Verantwortung, über ihr damaliges Handeln aufzuklären und sich einer Diskussion zu stellen. Wie ist das Verhalten der Schweiz und einzelner Personen und Unternehmen in Bezug auf die DDR zu beurteilen? Waren die Geschäfte mit der DDR moralisch, politisch und rechtlich in Ordnung? Einen solchen Diskurs wünsche ich mir in der Schweiz.

Die Frage, wie die Beziehungen westlicher Demokratien mit diktatorischen Regimes ausgestaltet werden sollen, stellt sich auch heute.

Ja, das ist eine Grundsatzfrage von grosser Aktualität. In einer globalisierten Welt müssen auch wir uns die Frage stellen, wie wir mit undemokratischen Ländern, in denen beispielsweise miserable Arbeitsbedingungen herrschen oder Menschenrechte mit Füssen getreten werden, umgehen. Wie viel sind unsere Werte uns wert? Konkretes Beispiel: Welchen Ländern soll Deutschland Waffen liefern? Der Blick in die Vergangenheit kann für ein besseres Verständnis der Gegenwart manchmal hilfreich sein.

Als Oppositioneller in der DDR widerfuhr Ihnen viel Unrecht. Sie konnten Ihr Studium nicht beenden, weil Sie Kritik an der Ausbürgerung Wolf Biermanns geübt hatten. 1982 kamen Sie für sechs Monate in Haft, 1983 schob Sie die Stasi zwangsweise nach Deutschland ab. Bis zum Fall der Mauer waren Sie von Ihren Eltern und den Geschwistern getrennt. Wie haben Sie diese traumatischen Erlebnisse verarbeitet?

Sie wirken bis heute nach. Eigentlich hätte ich froh darüber sein sollen, dass ich die DDR verlassen konnte und fortan in Freiheit leben durfte. Das war ich aber nicht. Zwangsweise aus der Heimat geschafft zu werden, ist ein traumatisches Erlebnis, nicht nur für mich, sondern für die ganze Familie. Als ich kurz nach meiner Abschiebung von West-Berlin aus meine Mutter anrief, sagte sie traurig: «Man hat uns unseren Sohn geraubt.» Da wurde mir schlagartig bewusst, dass die Freiheit des Westens nur eine halbe Freiheit ist, solange die Mauer steht.

In den Siebzigerjahren wurden Sie von Mitstudenten verraten. Bestimmte die Angst das Handeln der Menschen in der DDR?

Ja, und zwar massgeblich, in vielen Abstufungen. Auch mein Handeln war von Angst geprägt, einer Angst, die gezielt vom Staat geschürt war, durch Überwachung, Einschüchterung oder Schikanieren der Bürger. Die Angst war der Kitt der Diktatur. Auf Dauer zermürbt das die Menschen und macht sie gefügig. Viele Menschen in der DDR haben sich so angepasst, um zu überleben. Das kann man ihnen nicht ständig zum Vorwurf machen. Meine damaligen Mitstudenten sahen keine andere Wahl, wollten sie nicht ihr Studium gefährden.

Mit diesen Erfahrungen muss es für Sie letztlich eine Genugtuung sein, die Hinterlassenschaft der Stasi verwalten zu können.

Ich würde es so ausdrücken: Es ist ein gutes Gefühl, weil die Menschenrechte gesiegt haben. Ich sass sechs Monate in Stasi-Haft. Nie in meinem Leben fühlte ich mich so ohnmächtig wie in dieser Zelle. Als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen stehe ich stellvertretend für die Tausendenden von politischen Häftlingen in der DDR. Zu meinen Aufgaben gehört es auch, Aufarbeitung zu gewährleisten. Die politischen Häftlinge und andere Opfer des SED-Regimes sollen eine angemessene Würdigung erhalten.

Viele Menschen in Ostdeutschland trauern der DDR nach. Können Sie diese «Ostalgie» verstehen?

Es geht meist nicht um «Ostalgie». Es ist oft die Sehnsucht nach Geborgenheit und Heimat und nach der vermeintlichen Einfachheit eines vom Staat organisierten Lebens. Dieses Denken geht oft einher mit einer Verklärung der Vergangenheit. Schauen Sie sich nur die Städte an, in welchem desolaten Zustand sie sich zu DDR-Zeiten befanden. Heute hat sich das Bild umgedreht: Die Städte im Osten sind oft in einem besseren Zustand als manche Städte im Westen.

Hinweis

Ricardo Tarli, Operationsgebiet Schweiz. Die dunklen Geschäfte der Stasi, Verlag Orell Füssli, Zürich 2015.

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