Ägypten
Demonstrant «bedankt» sich bei der Polizei für Prügel

Aufnahmen von Polizisten, die auf einen halbnackten Demonstranten einprügeln, schüren das Feuer in Kairos Strassen zusätzlich. Bizarr: Wenig später behauptet das Prügelopfer, die Sicherheitskräfte hätten ihn beschützen wollen.

Markus Symank
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Ägyptische Polizisten prügeln auf einen Mann ein

Ägyptische Polizisten prügeln auf einen Mann ein

Keystone

Nach einem neuen Fall exzessiver Polizeigewalt in Ägypten hat das Oppositionsbündnis Nationale Heilsfront die sofortige Entlassung des Innenministers Mohammed Ibrahim gefordert. Auch bekräftigte es das Bündnis seine Entschlossenheit, das «Regime der Tyrannei» zu stürzen. Präsident Mohammed Mursi müsse wegen Mord und Folter vor Gericht gestellt werden, sagte der Sprecher der Heilsfront, Chaled Dawud.

Die Prügelattacke der Sicherheitskräfte war von einem ägyptischen Fernsehsender am Freitag live ausgestrahlt worden. Während 75 quälend langen Sekunden zeigt der Videoausschnitt, wie eine Gruppe Bereitschaftspolizisten auf einen halbnackten Demonstranten mit Stocken einschlägt und ihn über den Boden schleift. Anschliessend zerren die Polizisten das 50-jährige Opfer in einen Einsatzwagen. Der Vorfall soll sich nur wenige Blöcke vom Präsidentenpalast in Kairo entfernt zugetragen haben. Das Büro von Präsident Mohammed Mursi nannte das Video «schockierend», sprach jedoch von einem Einzelfall.

Doch kein Einzelfall

Die jüngste Attacke prügelwütiger Polizisten erinnert fatal an die ebenfalls auf Video aufgenommene Misshandlung einer Demonstrantin durch Sicherheitskräfte vor etwas mehr als einem Jahr. Im Dezember 2011 hatten Bereitschaftspolizisten im Zentrum Kairos eine am Boden liegende Frau zuerst halb entkleidet und dann mit Fusstritten malträtiert.

Die Ähnlichkeit der beiden Attacken führt schmerzlich vor Augen, dass eine Reform der ägyptischen Sicherheitskräfte weiter auf sich warten lässt. Das Ende der Polizeigewalt war eine der Hauptforderungen des Volksaufstandes vor zwei Jahren gewesen. Nach dem Sturz Husni Mubaraks stellten sowohl die Militärregierung als auch später die Islamisten eine Umstrukturierung des Sicherheitsapparats in Aussicht.

Die Reformversprechen führten zu zahlreichen Personalrochaden an der Spitze des Innenministeriums; der derzeitige Innenminister ist noch keinen Monat im Amt. Doch an den Ausbildungsmethoden und der Befehlsstruktur innerhalb der Sicherheitskräfte änderte sich wenig. «Die regierende Muslimbruderschaft zeigt kein Interesse daran, das Innenministerium umzukrempeln», sagt Dalia Youssef, Vorstandsmitglied der Nichtregierungsorganisation Polizei und Volk für Ägypten gegenüber der «Nordwestschweiz». Unter den mehrheitlich anti-islamistischen Offizieren gehe deshalb das Gerücht um, die Muslimbrüder wollten das Ministerium absichtlich zum Kollaps bringen, um an dessen Stelle einen neuen Sicherheitsapparat mit Leuten aus den eigenen Reihen aufzubauen.

Rechtsfreier Raum

Das auf Korruption und Vetternwirtschaft beruhende Netzwerk hochrangiger Polizeioffiziere wiederum schirmt sich erfolgreich gegen jeden juristischen Zugriff ab: Bis heute sitzen wegen der Tötung von mehr als 800 Demonstranten während der Revolution nur der vormalige Innenminister Habib al-Adli sowie zwei Polizeioffiziere eine Haftstrafe ab. Solange unter den Sicherheitskräften das Gefühl vorherrsche, sich in einem rechtsfreien Raum zu bewegen, werde es weiterhin brutale Übergriffe geben, sagt Dalia Youssef. Sie warnt, dass dadurch auch unter den Demonstranten die Gewaltbereitschaft steige.

In der Mittelmeerstadt Port Said feuerten Regierungsgegner vergangene Woche mit scharfer Munition auf Polizisten. In Kairo formierten sich krawallbereite Jugendliche zu einem «Schwarzen Block». Dessen Ziel ist es, Vergeltung für die Opfer der Revolution zu üben. Als Ministerpräsident Hischam Kandil am Samstag den Tahrirplatz im Zentrum der Hauptstadt besuchen wollte, bewarfen Demonstranten seinen Fahrzugkonvoi mit Steinen und Flaschen. Kandil machte auf der Stelle kehrt.

Prügelopfer dankt Polizisten

Die Gewaltattacken und Einschüchterungsversuche der Polizisten machen indes auch vor Krankenhaustüren nicht halt. Nachdem die Familie des jüngsten Prügelopfers am Samstag zuerst schwere Vorwürfe gegen das Innenministerium erhoben hatte, teilte dieses mit, das Opfer wegen angeblichen Besitzes von Brandbomben anzuzeigen.

Wenig später meldete sich der Demonstrant vom Polizeikrankenhaus aus selbst zu Wort. In einer bizarren Wende der Ereignisse dankte der Schwerverletzte den Polizisten. Diese hätten ihn lediglich vor gewalttätigen Regierungsgegnern schützen wollen. Menschenrechtler werfen den Sicherheitskräften nun vor, den Mann nicht nur körperlich gefoltert, sondern unter Androhung weiterer Gewalt auch mental missbraucht zu haben.