Analyse
Demütigung für May – Grossbritannien geht geschwächt in Brexit-Verhandlungen

Was bedeutet die Demütigung für Premier Theresa May? Die Analyse.

Sebastian Borger, London
Sebastian Borger, London
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Theresa May tritt am Freitagnachmittag vor die Medien und erklärt, dass sie eine Regierung bilden wolle.
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May bei ihrer kurzen öffentlichen Erklärung, nachdem die Queen ihr den Auftrag zur Regierungsbildung gegeben hat. Rechts von ihr Ehemann Philip May.
Um 11 Uhr wollte Theresa May eine öffentliche Stellungnahme abgeben. Diese ist auf den Nachmittag verschoben worden. Die Medien vor dem Haus der Premierministerin an der 10 Downing Street müssen sich also gedulden.
Hoch gepokert und verloren: Premierministerin May verlässt am Morgen nach der Wahl das Hauptquartier der Tories in London - ihre Partei hat bei den vorgezogenen Vorwahlen die Mehrheit im Unterhaus verloren.
Theresa May hat mit ihren Torys die absolute Mehrheit verloren.
May will offenbar eine Minderheitsregierung mit Duldung der nordirischen DUP (Democratic Unionist Party) bilden. Im Bild Arlene Foster, Regierungschefin der nordirischen Regionalregierung und DUP-Vorsitzende.
May will die Queen um Erlaubnis für die Regierungsbildung bitten.
Fühlt sich im Hoch: Jeremy Corby, Herausforderer von May und Chef der Labour-Partei.
Jeremy Corby: Seine Partei will eine Minderheitsregierung bilden, heisst es am Freitagmorgen.
Nicola Sturgeon Die schottische Regierungschefin sieht die Schottische Nationalpartei (SNP) trotz heftiger Verluste als Siegerin der Parlamentswahl in Grossbritannien.
Sturgeon strebt ein zweites Referendum über Schottlands Unabhängigkeit an. Sie begründet dies mit dem EU-Austritt Grossbritanniens, den eine Mehrheit der Schotten abgelehnt hat.
10 Downing Strett am Freitagmorgen - hier wohnt die Premierministerin Theresa May.
Medienschaffende vor der 10 Downing Street am Freitagmorgen. Sie warten auf ein Statement von Premierministerin Theresa May.
Kurioser Kandidat: "Lord Buckethead" in Maidenhaed neben Premierministerin Theresa May.
Noch ein kurioser Kandidat: "Elmo" kämpft für Väterrechte, hier an einer Wahlstation.
Tim Farron von den "Liberal Democrats". Die kleine Partei holte bei den letzten Wahlen 13 Sitze und wird zulegen.
So macht man das also - Auszählung in Corbyns Wahlkreis im Norden Londons
Jeremy Corbyn, der Herausforderer von Theresa May, hat gut lachen. Am Donnerstagabend zeigte er sich schon optimistisch.
Theresa May und ihr Mann Philipp haben ihre Stimme in Maidenhead westlich von London abgegeben.
May nach der Stimmabgabe. Im Hintergrund winkt TV-Charakter Elmo.
Die Polizei überwacht ein Wahllokal in Sonning in der Nähe von Reading.
Labour-Chef Jeremy Corbyn hat derweil in London gewählt.

Theresa May tritt am Freitagnachmittag vor die Medien und erklärt, dass sie eine Regierung bilden wolle.

EPA

Beinahe konnte einem Theresa May Leid tun. Mit eingefrorener Miene stand die Premierministerin im Auszählungszentrum von Maidenhead ganz rechts in der langen Reihe der dreizehn Kandidaten ihres Wahlkreises. Während die teils bescheidenen Ergebnisse für die zwölf anderen verlesen wurden - 3, 16 und 69 lauteten die Tiefstmarken -, arbeitete es im Gesicht der mit 37718 Stimmen wiedergewählten Abgeordneten. Als die 60-Jährige endlich ihre Dankesrede halten konnte, schien sie zeitweilig mit der Fassung zu kämpfen. Zweimal binnen einer Minute sprach die konservative Parteichefin davon, das Land brauche “eine Stabilitätsperiode”.

Ach wirklich? Genau mit diesem Argument hatte May nach ihrer Machtübernahme im vergangenen Juli monatelang Nachfragen nach vorgezogenen Neuwahlen abgewehrt. Tatsächlich verfügten die Torys im Unterhaus über eine Mehrheit von 17 Mandaten, bei allen wichtigen Themen erhielten sie zudem stets die Unterstützung der nordirischen Unionisten. Für den offiziellen EU-Austritt nach Artikel 50 des Lissabon-Vertrages, das wichtigste Projekt ihrer Amtszeit, stimmten vier Fünftel aller Abgeordneten. Stabiler geht es kaum.

Trotzdem brach die 60-Jährige Mitte April ihr Wort und eine vorgezogene Neuwahl vom Zaun. Den anschliessenden Wahlkampf bezeichneten am Freitag selbst viele Torys wie die knapp wiedergewählte Ex-Staatssekretärin Anna Soubry als "furchtbar": Roboterhaft wiederholte May die Parolen, die der australische Wahlkampfleiter Lynton Crosby vorgab, sprach von "stabiler und starker Führung". Bereits vier Tage nach Veröffentlichung des Programms für die nächste Legislaturperiode musste sie nach heftigen Protesten der eigenen Klientel von einem der Eckpunkte, der Reform der Altenpflege, wieder Abstand nehmen. Ihre Weigerung, an einer TV-Debatte gegen ihren Herausforderer Jeremy Corbyn teilzunehmen, liess sie arrogant erscheinen.

Mitleid wäre verfehlt

Am Donnerstag erhielt die Premierministerin die Quittung: Der von ihr angestrebte Erdrutschsieg blieb aus, aller Voraussicht nach haben die Torys trotz Stimmenzuwachs von sechs Prozent (43) Mandate verloren, die prognostizierten 318 Mandate reichen nicht zur eigenen Mehrheit im neuen Unterhaus. Die Wähler haben May gedemütigt - und Mitleid für sie wäre verfehlt.

Hingegen gebührt Labour-Boss Corbyn hoher Respekt: Unbeirrt von brutalen Angriffen der rechten Boulevardpresse und dem passiven Widerstand großer Teile der bisherigen Fraktion verfolgte der linke Veteran, 68, seine Kampagne: hoffnungsvoll, dynamisch, mit klar umrissenen Reformideen wie der Verstaatlichung von Eisenbahn und Post sowie mehr Geld für Schulen und Krankenhäuser. Mag die Finanzierung solcher Vorhaben auch mehr als vage geblieben sein - erstmals seit einem Vierteljahrhundert kämpfte die alte Arbeiterpartei von einer klar linken Position aus, die in vielerlei Hinsicht dem kontinentaleuropäischen Mainstream entspricht. Corbyn gelang es vor allem, die junge Generation mitzureissen und, viel wichtiger, zum Gang an die Wahlurne zu bewegen. Zehn Prozent Zuwachs auf 40 Prozent der Stimmen sowie rund 30 Mandatsgewinne waren der Lohn. Die Wahl komme "einer Revanche der Jugend für den Brexit" gleich, glaubt der konservative Ex-Parlamentarier und Autor Matthew Parris.

Wie es mit dem schwierigsten Vorhaben der nächsten Monate nun weitergehen soll? Wenn alle Stimmen ausgezählt sind, dürfte May mit Hilfe kleinerer Parteien im Amt bleiben können. Eine Position der Stärke sieht anders aus, die Verhandlungen mit Brüssel werden mit der angeschlagenen Regierungschefin nicht leichter werden. Innerparteiliche Rivalen wie Boris Johnson und David Davis bereiten sich darauf vor, die waidwunde Parteichefin aus dem Feld zu schlagen. Eine weitere Neuwahl in den kommenden zwölf Monate wäre alles Andere als eine Überraschung.