DEN HAAG: Giftanschlag von Salisbury: «London wird sich entschuldigen müssen»

Im Konflikt um die Nervengift-Attacke in Grossbritannien ist heute der Exekutivrat der Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen in Den Haag zusammengekommen. Obwohl die Ermittlungen noch im Gang sind, feiert Russland bereits.

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Ermittlungen nach dem Giftanschlag von letzter Woche auf den Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter im englischen Salisbury. (Bild: Chris J. Ratcliffe/Getty (10. März 2018))

Ermittlungen nach dem Giftanschlag von letzter Woche auf den Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter im englischen Salisbury. (Bild: Chris J. Ratcliffe/Getty (10. März 2018))

Die Ermittlungen seien zusammengebrochen, erklärte gestern der russische Senator Alexei Puschkow der Nachrichtenagentur RIA Nowosti. Aber Grossbritannien gestehe das nie ein. Das wäre «der Ruin für das politische Systems Grossbritanniens. Sie sind zu weit gegangen.»

Im Fall Sergei Skripals gibt sich Russland wieder betont forsch. Einen Monat nach der Vergiftung des russischen Ex-Doppelagenten und seiner Tochter Julia tagte gestern in Den Haag der Exekutivrat der Organisation zum Verbot von Chemiewaffen (OPCW), die russische Seite hatte die Sondersitzung beantragt.

Man verhandelte hinter verschlossenen Türen. Und niemand erwartete als Ergebnis einen Schiedsspruch, wer in dem erbitterten Streit um den Giftgasanschlag recht hat: Die britische Seite und ihre westlichen Verbündeten, die den russischen Staat für das Verbrechen verantwortlich machten und deshalb in den vergangenen Wochen über 130 russische Diplomaten ausgewiesen hatten. Oder Moskau, das alle Vorwürfe von sich weist und mit dem «symmetrischen Rauswurf» westlicher Diplomaten konterte.

Eindeutige Beweise fehlen immer noch

Das verbale Hauen und Stechen ging aber auch in Den Haag weiter. Die britische Delegation, geführt vom Chemiewaffenexperten John Foggo, twitterte, Russland habe den «perversen» Vorschlag gemacht, gemeinsam zu ermitteln, ein Ablenkungsmanöver, das man zurückgewiesen habe. «Es gibt in der Chemiewaffenkonvention keinen Punkt, der dem Opfer vorschreibt, den wahrscheinlichen Verbrecher zu gemeinsamen Ermittlungen einzuladen», hiess es in einer Verlautbarung der britischen Regierung. Die russische Botschaft in Den Haag twitterte ihrerseits, 14 Mitgliedländer unterstützten eine gemeinsame Erklärung an die OPCW. Aber abgesehen von dem Inhalt, war gestern zu Redaktionsschluss unklar, ob 14 von 41 Stimmen im Exekutivrat für eine Mehrheit reichten. Zurzeit analysieren OPCW-Spezialisten in England das Blut der Opfer und den eingesetzten Kampfstoff, auch die Kriminalermittlungen sind noch im vollen Gange.

Russland aber scheint gewillt zu sein, jedes Resultat der OPCW-Sondersitzung als Sieg zu feiern. Präsident Wladimir Putin machte schon am Vorabend in Ankara deutlich, dass man die Tagesordnung dominiere: «Als Minimum haben wir 20 Fragen zur Debatte gestellt, und ich hoffe, dass in dieser Diskussion der Schlusspunkt unter das gesetzt wird, was geschehen ist.»

Auch Putins Sprecher Dmitri Peskow verbreitete Siegesgewissheit: «London wird sich auf irgendeine Weise bei der russischen Seite entschuldigen müssen.» Zahlreiche russische Medien meldeten gestern, die Briten hätten das Fehlen jedes Beweises eingestanden, dass das Nervengift aus Russland stamme. Zuvor hatte Gary Aitkenhead, Chef des staatlichen «Labors für Verteidigungsforschung und -technologie» dem Sender Sky News erklärt, man habe das Gift eindeutig als den Nervenkampfstoff Nowi­tschok identifiziert, dessen hochkomplizierte Herstellung wohl nur für einen Staat möglich sei.

Den genauen Herkunftsort sei chemisch nicht zu bestimmen, aber die Regierung besitze eine Reihe andere Quellen, um diesen zu überprüfen. Eindeutige Beweise fehlen bisher weiter.

Stefan Scholl, Moskau