Den vergessenen Nordkatalanen bleibt nur die Solidarität

Stefan Brändle, Paris
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Frankreich Eigentlich müsste derzeit jeder Pariser Chefredaktor einen «envoyé spécial», einen Sonderberichterstatter nach Südfrankreich schicken: Mit den Vorgängen in Barcelona stellt sich unweigerlich die Frage, wie es um die «Nordkatalanen» bestellt sei. So nennen sich die französischen Katalanen seit der Teilung im Pyrenäenfrieden 1659.

Doch die Pariser Medien berichten kaum über die Katalanen im eigenen Land. Als gute Anhänger des Zentralstaates stehen sie ohnehin auf der Seite der Regierung in Madrid. Aber nicht nur deshalb übergehen sie die Katalanen im eigenen Land schlicht. Der Pariser Nabel fürchtet sich historisch bedingt vor den Zentrifugalkräften in den Randregionen: Autonomieforderungen in Korsika, dem Elsass oder dem Baskenland werden aus Prinzip abgelehnt. Die französische Republik ist laut dem ersten Artikel der Verfassung «unteilbar».

Das Katalanische ist in der Stadt Perpignan und dem Departement Pyrénées-Orientales gut vertreten, was sich auch in den rotgelben Flaggen der Körperschaften äussert. Sprache und Kulturgut werden ohne Aggressivität, aber mit Beharrlichkeit hochgehalten. Bei Rugbyspielen wird gerne das katalanische Anti-Franco-Lied L’Estaca gesungen. Mehr als diese Folklore wird den Katalanen aber nicht zugestanden. Und da sie mit rund 100 000 Vertretern nicht zahlreich sind, vermögen sie sich politisch kaum je durchzusetzen. Vor einem Jahr verlangten 10000 Katalanen bei einer Demonstration, dass die Region bei der Territorialreform den Zusatz «pays catalan» erhalte. Doch in der neugebildeten Region «Occitanie» mit 5,8 Millionen Einwohnern und Grossstädten wie Toulouse und Montpellier verhallte diese Forderung ungehört. Wenig zahlreich, erliegen die französischen Katalanen aber auch nicht der Radikalisierung. Ihr Anführer Jordi Vera sagt von sich, er liebe Frankreich wie jeder andere Franzose. Das hindert ihn nicht, eine stärkere Autonomie für die «Nordkatalanen» zu fordern. Chancen hat das Anliegen nicht; die Gegend ist eine der ärmsten Frankreichs und auf Hilfe aus Paris angewiesen.

Umso offener zeigen sich die Nordkatalanen mit ihren Brüdern und Schwestern in Barcelona solidarisch. Für deren Referendum lagerten sie Wahlurnen und druckten Millionen von Wahlzetteln, um sie zum Abstimmungstag in Nacht und Nebel über die Grenze zu schaffen. Im Dorf Pézilla-la-Rivière veröffentlichte der versammelte Gemeinderat ein Foto mit der Aufschrift: «Urnen beissen nicht». Nach den Einsätzen der spanischen Polizei vor den Wahlbüros protestierten in Perpignan Hunderte französischer Katalanen vor dem spanischen Konsulat. Ohne dass die Pariser Medien darüber berichteten.

Stefan Brändle, Paris