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«Der Alltag in den USA ist etwas weniger unbegrenzt als viele glauben»

Renzo Ruf (39), Korrespondent in den USA
Renzo Ruf, Korrespondent in der USA, für unsere Zeitung. (Bild: pd)

Renzo Ruf, Korrespondent in der USA, für unsere Zeitung. (Bild: pd)

Renzo Ruf (39) lebt seit 2009 als Korrespondent in den Vereinigten Staaten. Der gebürtige Berner aus dem Emmental lebt mit seiner amerikanischen Ehefrau und den beiden gemeinsamen Kindern in einem Vorort von Washington im Staat Virginia. Der ausgebildete Historiker ist Fan der Baseball-Mannschaft Washington Nationals. Bei den meistens mehrere Stunden dauernden Spielen geniesst er die Entschleunigung des Alltags.

Renzo Ruf, mit Ihnen würden viele Leute aus der Schweiz sofort tauschen. Mancher sieht in den USA das gelobte Land, jenes der unbegrenzten Möglichkeiten. Da Sie seit 2009 bereits zum zweiten Mal in den USA leben, wird schon was dran sein?

Renzo Ruf: Amerika ist ein grossartiges Land mit einer gewaltigen Dimension und entsprechend vielen Leuten. Die Arbeit hier ist spannend, weil ständig etwas passiert. Das Bild der USA in der Schweiz und in Deutschland ist aber stark von TV, Kino und Populärkultur geprägt. Wenn man hier lebt, sieht alles etwas anders aus.

Anders und besser?

Ruf: Verschieden. Mir gefällt es gut hier. Der Alltag ist jedoch etwas weniger unbegrenzt, als viele Schweizer glauben. Die staatliche Bürokratie etwa erschwert uns das Leben hier um einiges. Als Schweizer ist man verwöhnt. Banale Dinge, wie einen Fahrausweis zu verlängern, brauchen viel Zeit. Und das Ausfüllen der Steuererklärung kommt einem Hindernislauf gleich. Für einen Normalbürger ist es praktisch unmöglich. Darüber weiss man in der Schweiz nur wenig. Zu diesem Thema gibt es natürlich keine TV-Serie.

Ist ja auch nicht die Lieblingsdisziplin der Leute. Was uns dafür vorgesetzt wird, sind Polizisten, die zulangen. Insbesondere wenn sie dunkelhäutige Personen festnehmen. Ist es wirklich so krass?

Ruf: Das Problem ist, dass in den Medien aus Einzelfällen auf das ganze System geschlossen wird.

Dann stimmt es nicht, dass US-Polizisten resolut einschreiten?

Ruf: Amerikanische Polizeikräfte greifen sicher schneller zur Waffe als Ordnungshüter in vergleichbaren Ländern. Aber das hat eine Vorgeschichte. In den 1980er- und 1990er-Jahren litten die Grossstädte in Amerika unter Drogenkriminalität. Es herrschte praktisch Anarchie. New York war eine fremde Welt. Daraus kann man ableiten, dass es für gewisse Sicherheitskräfte im Einsatz um Leben und Tod ging. Das stimmt zwar heute nicht mehr immer, aber viele haben das noch im Kopf.

Und der Vorwurf des Rassismus?

Ruf: Rassisten gibt es in den USA bestimmt. Aber die gibt es in jedem anderen Land auch. Zur angeblichen Polizeigewalt: Als Schweizer hat man ein anderes Verhältnis zur Polizei als ein Schwarzer, der in einem Armenviertel aufgewachsen ist. Viele Afroamerikaner haben wohl nie die Erfahrung gemacht, dass die Polizei auch für sie da ist, und es keinen Sinn macht, sich ihr zu widersetzen. Etwa bei einer Kontrolle.

Washington galt vor einigen Jahren als gefährliche Stadt. Wie steht es heute um die Hauptstadt der USA?

Ruf: In einigen Vierteln sollten sich Weisse nicht hineinbegehen, vor allem nicht am Abend oder in der Nacht.

Reiten wir noch etwas auf den Klischees rum. Den Amis wird nachgesagt, sie seien oberflächlich. Erleben Sie das so?

Ruf: Sie sind zumindest sehr schnell mit Vertraulichkeiten. Die gehen mit offenen Armen auf Fremde zu und erzählen ihr halbes Leben ohne Hemmungen. Dem Schweizer, der in dem Land unterwegs ist, kann nichts Besseres passieren. Und für uns Journalisten ist es super.

Und beim nächsten Treffen erkennen sie den Fremden nicht mehr?

Ruf: Das ist etwas krass formuliert. Wenn Ihnen ein Amerikaner sagt, dass es schön sei, Sie zu sehen und dass er Sie wieder treffen wolle, dann meint der das nicht so, wie Sie als Schweizer dies verstehen. Dass sind Floskeln zur Begrüssung.

Wie kommt der Schweizer Journalist Renzo Ruf bei den Amerikanern an?

Ruf: Das fragen Sie am besten die Amerikaner. Aber ich habe vorwiegend positive Erfahrungen gemacht. Einige erzählen von ihren Schweizer Vorfahren oder davon, dass sie selber schon in der Schweiz waren oder einmal hin möchten. Viele haben ziemlich einen Pik auf ihre grossen Medien. Aber die meisten US-Bürger sind stolz darauf, dass sich Ausländer für ihr Land interessieren.

Und wegen des Steuerstreits werden Sie als Schweizer nicht dumm angesprochen?

Ruf: Das interessiert die wenigsten. Höchstens jene, die sich einen Anwalt leisten können, der ihnen erklärt wie man Steuern hinterzieht. Das ist ja eben nicht so einfach.

Es stehen bald wieder Wahlen an. Können Sie mit hohen Politikern reden?

Ruf: Bei allem, was mit der Regierung zu tun hat, ist es für ausländische Journalisten fast ein Ding der Unmöglichkeit, Personen direkt zu befragen. Im Normalfall werden unsere Anfragen nicht beantwortet. Im Parlament kann man versuchen, einem Volksvertreter abzupassen. Im Wahlkampf muss man aber grosses Glück haben.

Ist das nicht frustrierend?

Ruf: Nein, es ist nicht mein Bestreben, exklusive Interviews zu bekommen. Ich erkläre lieber Zusammenhänge des Steuerstreits zwischen der Schweiz und den USA oder ähnliche Geschichten.

Welche Jobs sind sonst noch cool?

Ruf: Für eine Story fuhr ich an den Golf von Mexiko, wo 2010 die Ölbohrplattform Deepwater Horizon explodierte. Ich machte mir ein Bild vor Ort, welche Folgen dies zum Beispiel für den Immobilienmarkt hatte. Es ist spannend, eine Region zu besuchen, wenn das grosse Medienecho zum Ereignis vorüber ist.

Und wie geht unser USA-Korrespondent den Arbeitstag an?

Ruf: Ich stehe morgens um 5 Uhr auf wegen der Zeitverschiebung ist das nötig. Ich informiere mich in der «Washington Post», der «New York Times» und dem «Wall Street Journal». Zudem kämme ich das Internet durch und suche nach Storys, die für die Schweiz interessant sein könnten. Weil ich zu Hause arbeite, renne ich auch öfter den Kindern hinterher.

Aktuell hatten Sie mit der Fifa ja eini­ges zu tun. Interessiert das Theater im Soccer die Amis überhaupt?

Ruf: Das Medienecho ist jedenfalls recht gross. Dass die WM nach Katar ging, obwohl Amerika ein viel besseres Dossier vorwies, ist natürlich schon in den Köpfen. Es hat auch sehr viele junge Leute, die Fussball spielen.

Interessiert Sie Fussball, oder sind Sie ein Amerikaner geworden?

Ruf: Meine Sportart ist Baseball. 20 Minuten von meinem Wohnort entfernt tragen die Washington Nationals ihre Heimspiele aus. Ich finde den Sport inter­essant. Auch weil man sich viel Zeit dafür nehmen muss. Es ist erfrischend, bis zu drei Stunden im Stadion zu sitzen und etwas zu geniessen, das nicht so hektisch wie der Alltag ist. Zudem wird es nie soweit kommen, dass die Schweizer Nationalmannschaft gegen die USA antritt und ich mich ernsthaft für ein Team entscheiden müsste.

Was soll ich Ihnen mitbringen, wenn ich Sie besuche?

Ruf: Käse und Kirsch. Ein Caquelon habe ich. Und Ovomaltine wäre gut. Die hier schmeckt nämlich wie Nesquick. Ich war ein Ovo-Kind und freunde mich nur schwer mit anderem an.

Interview Roger Rüegger

Die Menschen hinter den News

Renzo Ruf

Korrespondent in: USA Alter: 39 Jahre

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