Moskau
Der Anfang vom Ende der Sowjetunion

Vor 20 Jahren scheiterte der Putschversuch kommunistischer Hardliner. Der Putsch war nach drei Tagen vorbei und in Wahrheit war es die Geburtsstunde des neuen Russland.

Ann-Dorit Boy, Moskau
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UDSSR Militärputsch Demonstranten versuchen am 19. August einen Panzer zu stoppen
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 Menschen laufen am 21. August 1991 durch die Strassen Moskaus
UDSSR Augustputsch 1991
 Boris Jelzin mit dem Victory-Zeichen auf dem Balkon des russischen Regierungsgebäudes
 Der russische Präsident bezeugt am 24. August mit der Faust in der Luft Solidarität mit den gefallenen Opfern des Kremel-Putschs
 Jelzin spricht am Lenin-Platz in Tula zu 12'000 Anhängern

UDSSR Militärputsch Demonstranten versuchen am 19. August einen Panzer zu stoppen

Keystone

Als im Fernsehen plötzlich auf allen Kanälen Tschaikowskis Ballett «Schwanensee» flimmerte, ahnten viele Russen, dass etwas nicht stimmte an diesem heissen Montag im August 1991. In der Vergangenheit hatten die kommunistischen Machthaber das Volk mit klassischer Musik hingehalten, wenn ein Parteichef gestorben war.

Diesmal, so hiess es in einem im Radio verbreiteten Communiqué der staatlichen Nachrichtenagentur TASS, sollte Michail Gorbatschow, Präsident der Sowjetunion, krank sein, der Notstand musste ausgerufen werden. Dies behauptete ein selbst ernanntes Notstandskomitee, das unter anderem aus Verteidigungsminister Walentin Pawlow, KGB-Chef Wladimir Krjutschkow und Innenminister Boris Pugo bestand.

Junta will Gorbatschow stürzen

Rasant verbreiteten sich Gerüchte in Moskau. Gorbatschew sei nicht nur krank, sondern tot – ermordet. Dann rollten Panzer in die stille Innenstadt. Die Unsicherheit wuchs, hatten doch die Putschisten fast alle Medien und Radiosender zumindest am Anfang unter ihre Kontrolle gebracht.

Heute weiss man, was wirklich geschah: Die konservative Junta wollte Gorbatschow stürzen, seine Reformen von Glasnost und Perestroika stoppen, vor allem aber die Unterzeichnung des neu ausgehandelten Unionsvertrages verhindern, der am 20. August unterschrieben werden sollte und von dem die Putschisten fürchteten, dass er den Sowjetrepubliken zu viel Souveränität einräumen würde.

In der Zwickmühle zwischen halb garen Reformen, den immer drängenderen Unabhängigkeitsbestrebungen der Mitgliedsstaaten, dem Wunsch nach Machterhalt für die kommunistische Partei und einer sich verschärfenden Wirtschaftskrise war Gorbatschows Sowjetunion de facto unregierbar geworden.

Sein Versuch einer teilweisen Demokratisierung erzürnte die Konservativen und befriedigte auch nicht die demokratischen Reformer, die sich einen schnelleren Wandel wünschten. Am 18. August 1991 wurde der sowjetische Präsident auf der Halbinsel Krim, wo er in den Ferien war, von Putschisten festgesetzt und drei Tage lang isoliert. In der Zwischenzeit wollten sie den Lauf der Geschichte in ihre Hände nehmen, doch der Putsch erwies sich schnell als chancenlos.

Weil sich Militärangehörige, Geheimdienstler und Journalisten den Befehlen der Junta widersetzten, kamen im Laufe des Tages doch mehr und mehr Nachrichtenfetzen ans Licht. Menschen eilten zum Weissen Haus, dem Sitz der Regierung, und bauten Barrikaden auf.

Drinnen sass Boris Jelzin, Präsident der russischen Teilrepublik, mit einigen Vertrauten und informierte Verbündete im In- und Ausland über das Geschehen. Zwei Militäreinheiten der Putschisten wechselten die Seiten und fuhren zur Verteidigung des Regierungssitzes vor.

Als Jelzin dies hörte, kletterte auf einen der Panzer und las ohne Mikrofon die Erklärung vor, die er bereits in alle Welt gefaxt hatte. Jelzin forderte die Rückkehr Gorbatschows, rief die Menschen zum Widerstand gegen die kriminellen Putschisten auf, und appellierte an das Militär: «Werdet nicht zur blinden Waffe des verbrecherischen Willens von Abenteurern!»

Nach 3 Tagen war der Putsch vorbei

Das Bild ging um die Welt, Jelzin hatte den Kampf der Symbole gegen die ewig gestrigen Putschisten gewonnen. Deren Wortführer waren bei einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz am Abend blass und zitternd den Fragen der Journalisten ausgewichen. Nach nur drei Tagen war der Putsch niedergeschlagen.

Gorbatschow kehrte nach Moskau zurück, aber die Machtverhältnisse hatten sich umgekehrt. Nicht mehr der Kreml, sondern das Weisse Haus Jelzins war zur Schaltzentrale geworden. Denkmäler früherer Sowjetführer wurden abgebaut, die Kommunistische Partei und der Geheimdienst aufgelöst. Im Dezember trat Gorbatschow zurück, die Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten besiegelte das Ende der Sowjetunion.

Russen bedauern Ende der UdSSR

So war der Putsch in Wahrheit die Geburtsstunde des neuen Russland. Allerdings wissen viele Russen bis heute nicht, ob sie sich darüber freuen sollen. Zu den Demonstrationen der Menschenrechtsorganisationen, die das Ende des Sowjetregimes feiern, werden auch in diesem Jahr nur wenige kommen. Laut Umfragen bedauern bis zu 50 Prozent der Russen den Zerfall der Sowjetunion, auch deshalb, weil viele soziale Probleme des Landes trotz des neuen Reichtums durch Gas und Öl nicht gelöst wurden.

Russlands einflussreichster Politiker, Premier Wladimir Putin, hält sich mit einer öffentlichen Beurteilung der Ereignisse zurück. Zum Putsch sagte er einst, dass es für ihn nicht infrage gekommen sei, sich auf die Seite der Putschisten zu stellen. Andererseits nannte er später den Untergang der Sowjetunion die «grösste geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts». Gorbatschow hat wohl nicht Unrecht, wenn er Putin heute vorwirft, das Land mit seiner autoritären Regierungspartei zurück in die Vergangenheit zu zerren.