Der anonyme Mitarbeiter der Regierung Trump, der mit einem Meinungsbeitrag in der «New York Times» für Aufsehen sorgte, enthüllt seinen Namen

Miles Taylor heisst der Mann, der vor zwei Jahren in der «New York Times» unter dem Pseudonym «Anonymous» über eine Widerstandsbewegung sprach, die versuche, die Arbeit der Regierung von Präsident Donald Trump zu behindern.

Renzo Ruf aus Washington
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Kaum hatte die «New York Times» in der Ausgabe vom 6. September 2018 den Artikel eines anonymen Verfassers veröffentlichte, in dem über einen Aufstand von aufrechten Patrioten im Zentrum der amerikanischen Macht die Rede war, schossen die Spekulationen ins Kraut. War der Meinungsbeitrag von Vizepräsident Mike Pence verfasst worden, der sich unter dem Deckmantel «Anonymous» von seinem Chef, Präsident Donald Trump, zu distanzieren versuchte? Oder steckte hinter der Bezeichnung «hochrangiger Offizieller», mit dem die «Times» die Verfasserin bezeichnete, ein weibliches Aushängeschild der Regierung wie die damalige UNO-Botschafterin Nikki Haley oder die Trump-Vertraute Kellyanne Conway?

Alles falsch, wie sich am Mittwoch herausstellte. Der Autor des Beitrags, der seine «Warnung» vor der destruktiven Arbeit Trumps vor einem Jahr auch in Buchform packte, handelte es sich um einen Mitarbeiter des Sicherheitsministeriums, der zuletzt kurze Zeit über als Stabschef der Behörde gearbeitet hatte. Miles Taylor, so heisst der Mann, outete sich mit einem Beitrag auf der Plattform «Medium».

Regelmässigen Fernsehzuschauern ist der junge Mann nicht ganz unbekannt. Im Sommer 2020 schloss sich Taylor der Gruppierung «Republican Voters Against Trump» an und warnte in einem Wahlwerbespot vor einer zweiten Amtszeit des Präsidenten. Weil er mit eigenen Augen gesehen habe, wie chaotisch und planlos die Regierung während seinem Gastspiel im Sicherheitsministerium (das von 2017 bis Juni 2019 dauerte) agierte, stiess diese Aktion auf grossen Widerhall. Taylor kommentiert seither regelmässig das Zeitgeschehen auf dem Nachrichtensender CNN und ruft zur Wahl von Trump-Kontrahent Joe Biden auf.

Allein: Taylor war eben auch ein Mitarbeiter der Regierung Trump, selbst wenn die Bezeichnung «hochrangig» für den Posten, den er ausübte, nicht allzu präzis klingt. (Zum Zeitpunkt der Publikation seines Artikels war er hochrangiger Berater im Sicherheitsministerium, stand aber nicht an der Spitze der Bürokratie.) Unter der Ministerin Kirstjen Nielsen zeigte sich Taylor mitverantwortlich für die Umsetzung der einwanderungspolitischen Ideen des Präsidenten – zum Beispiel für den kaltherzigen, menschenunwürdigen Plan, Kindern von ihren Eltern zu trennen, nachdem sie ohne gültige Bewilligung amerikanischen Boden betreten hatte. Diese Politik der Abschreckung sorgte im Frühjahr 2018 für grosse Empörung, selbst unter Republikanern. Noch heute sucht das Sicherheitsministerium vergeblich nach den Eltern von mehr als 500 Kindern.

In ersten Reaktionen zeigten sich einflussreiche Washingtoner Journalisten erstaunt darüber, dass Taylor derart lange abgestritten hatte, «Anonymous» zu sein — um nun, weniger als eine Woche vor dem Wahltag, seinen Deckmantel zu lüften. Während eines langen Interviews auf dem Nachrichtensender «CNN» behauptete der ehemalige Bürokrat, er habe dies getan, damit ihn Präsident Trump nicht persönlich angreifen könne, um abzulenken.

Das Weisse Haus wiederum sah sich bestätigt. Taylor sei bloss ein «verstimmter» Wichtigtuer, der während seiner Amtszeit als Stabschef des Sicherheitsministeriums überfordert gewesen, und deshalb gefeuert worden sei, sagte Kayleigh McEnany, die Sprecherin des Präsidenten, in einer Stellungnahme. Und Trump behauptete erneut, er habe keine Ahnung, wer Taylor sei. Während eines Wahlkampfauftrittes sagte er aber: «Dieser Kerl sollte meiner Meinung aber nach strafrechtlich verfolgt werden».