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Politischer Gefangener hofft auf Aufmerksamkeit durch WM

Dem ukrainischen Aktivisten Oleg Senzow geht es im russischen Straflager immer schlechter. Die Fussball-WM ist seine letzte Chance.
Inna Hartwich, Moskau
Filmemacher Oleg Senzow. (Bild: AP (Rostov, 25. August 2015))

Filmemacher Oleg Senzow. (Bild: AP (Rostov, 25. August 2015))

Sie stehen meistens allein auf der Strasse, vor Gerichten, neben Behörden, bei Festivals. Sie halten Plakate in die Höhe, ob in Iwanowo unweit von Moskau oder in Ust-Kut in Sibirien. «Freiheit für Oleg Senzow» fordern sie, bevor Polizisten sie verscheuchen. Sie wollen das nun jeden Tag tun, irgendwo in Russland – und natürlich an den Austragungs­orten der Fussball-Weltmeisterschaft. Während der Kreml der ganzen Welt ein «wunderbares Fest» verspricht, stirbt der ukrainische Filmemacher und Aktivist Senzow hinter dem Polarkreis in Russland einen langsamen, einen qualvollen Tod. «Eine Tragödie», hat es Russlands Kulturminister Wladimir Medinski gestern genannt. «Eine, die selbst gewählt ist.»

Oleg Senzow hatte einst auf der Krim einen Computerclub und drehte unbedeutende Filme – bis ihm mit «Gamer» (2012) ein internationaler Erfolg gelang. Seinen zweiten Spielfilm konnte er nicht mehr fertigstellen. In der Ukraine begann mit der Revolution auf dem Maidan in Kiew der politische Umbruch. In seiner Heimatstadt Simferopol organisierte Senzow Autokorsos für die Freiheit in seinem Land, versorgte ukrainische Soldaten auf der Krim, kritisierte die Landnahme durch die Russen. Im Frühjahr 2014 nahm ihn der russische Geheimdienst auf der Krim fest und überstellte ihn nach Russland. Im August 2015 verurteilte ihn ein russisches Gericht zu 20 Jahren Lagerhaft – «strenges Regime». Die Anklage warf ihm vor, der Kopf einer terroristischen Vereinigung zu sein.

In der Besserungskolonie Nummer 8 (im Volksmund «Eisbär» genannt), knapp 4300 Kilometer von Moskau weg, ist er vor einem Monat in den Hungerstreik getreten – um damit die Freilassung von knapp 70 ukrainischen politischen Gefangenen in Russland zu fordern, sich nicht eingeschlossen. Lieber sterbe er und setze damit ein Zeichen, als 16 weitere Jahre sinnlos im Straflager zu verbringen, liess er die Öffentlichkeit durch seinen Anwalt wissen.

Einmal im Monat darf er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern telefonieren. Sie berichten von zunehmender Schwäche Senzows, von ausgefallenen Haaren und Zähnen. Der 41-Jährige befindet sich mittlerweile auf der Krankenstation der Kolonie, er bekommt Wasser, Vitamine und Traubenzucker. Sollten seine Organe versagen, werde er zwangsernährt, teilte die Kolonieleitung bereits vor Wochen mit. In einem Brief an die russischen Menschenrechtler Tatjana und Nikolai Schtschur hatte Senzow vor vier Tagen mitgeteilt, er werde gut versorgt. «Der Tod tritt nach 45 bis 73 Tagen Hungerstreik ein, fehlen Eiweisse, versagt der Herzmuskel, das Immunsystem kollabiert. Verliert der Mensch in kurzer Zeit 30 Prozent seines Gewichts, wird es lebensbedrohlich», sagte die amerikanische Wissenschafterin Caroline Apovian, die die Auswirkungen von Hungerstreiks erforscht, in einem Interview mit einer russischen Internetzeitung. Der sowjetische Dissident Anatoli Martschenko, der durch seinen Hungerstreik die Freilassung aller politischen Gefangenen der Sowjetunion forderte, war 1986 nach 117 Tagen gestorben.

Proteste von russischen wie internationalen Kulturschaf­fenden, die Fragen westlicher Politiker nach Senzow bei ihren Treffen mit dem russischen Präsidenten sind bislang ins Leere gelaufen. Auch während seiner «Bürgerstunde» vor einer Woche gab sich Wladimir Putin hart. Senzow sei ein Terrorist, die russische Justiz arbeite unabhängig. Die Hoffnung auf Freilassung im Zuge eines Gefangenenaustauschs zwischen Russland und der Ukraine hat sich zerschlagen. Nun setzen die Unterstützer auf den öffentlichen internationalen Druck während der WM. Die Spiele sind Senzows letzte Chance.

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