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Der Brexit reicht ihm nicht: Nigel Farage kämpft jetzt gegen das System

Nigel Farage könnte mit seiner Brexit-Partei über 30 Prozent bei den EU-Wahlen holen. Dabei es geht ihm nicht mehr bloss um den EU-Austritt Grossbritanniens. Er kämpft jetzt gegen das System.
Remo Hess, Brüssel
Nigel Farage will mit einer neuen Partei ins EU-Parlament einziehen. (Bild: Leon Neal/Getty, London, 23. April 2019)

Nigel Farage will mit einer neuen Partei ins EU-Parlament einziehen. (Bild: Leon Neal/Getty, London, 23. April 2019)

Er ist wieder da. Da, wo er hingehört. In den Pubs, auf den Marktplätzen der Provinz, in den Fernseh-Talkshows: Der Brexit-Ultra Nigel Farage zieht durchs Vereinigte Königreich und in den Umfragen an den etablierten Parteien vorbei. Auf satte 34 Prozent soll es seine wenige Wochen alte Brexit-Partei laut einer Umfrage bei den Europawahlen bringen. Das wäre mehr als Labour (21 Prozent) und Tory (11 Prozent) zusammen. Nigel Farage ist auf dem Höhepunkt seiner Macht. Und das heisst für das britische Establishment nichts Gutes.

Dabei hatte der heute 55-Jährige nach gewonnener Brexit-Abstimmung im Juni 2016 eigentlich genug gehabt. Ausgelaugt war er, der Auftrag erledigt. «Ich will mein Leben zurück», klagte Farage damals und gab nur wenige Tage nach dem historischen Volksentscheid den Vorsitz seiner United Kingdom Independence Party (Ukip) ab. 2018 trat er aus der von ihm gegründeten Partei aus, weil sie immer mehr nach rechts abdriftete und mit der als rassistisch geltenden English Defense League (EDL) anbandelte. Aber nach dem Aufschub des EU-Austritts, dem endlosen Lamentieren der britischen Parlamentarier und der erneuten Teilnahme Grossbritanniens an den EU-Wahlen, begibt er sich jetzt zurück in die Kampfzone. Und es geht ihm nicht mehr bloss um den Brexit. Es geht ums Ganze.

Kuriosum in Brüssel

Als Farage im Jahr 1999 für Ukip ins EU-Parlament gewählt wurde, wurde er lange als Sonderling und Polit-Clown verspottet. Tatsächlich kommt der oft im Tweet-Anzug gekleidete ehemalige Rohstoffhändler mit seinem altmodischen Auftreten und seiner «very british»-Attitüde als Kuriosum im Brüsseler Politzirkus daher. Um politische Korrektheit schert er sich ebenso wenig wie um das Rauchverbot in seinem Büro im EU-Parlament. Mitunter ist Farage bereits am Nachmittag in einem der Pubs im EU-Quartier anzutreffen. Eine Zigarette und ein Pint englisches Pale Ale gehören zu seinen Accessoires.

Der normale Parlamentsbetrieb interessiert den Ur-Brexiteer herzlich wenig. Nimmt er für einmal an der Plenardebatte teil, gehören seine Schmähreden auf die EU aber zum Spektakulärsten, was es im EU-Parlament zu hören gibt. Von den 751 Abgeordneten kann wohl höchstens Guy Verhofstadt, der belgische Super-Europäer und Liberalen-Chef, Farage rhetorisch das Wasser reichen. Die beiden sind so etwas wie Erzfeinde: Farage bezeichnet Verhofstadt «Fanatiker» und «Hohepriester der EU-Sekte». Verhofstadt nennt den Briten im Gegenzug «die grösste Verschwendung an EU-Geldern seit Bestehen der Union».

Sein geschliffenes Mundwerk ist ohne Zweifel Farages grösstes Kapital. Dabei schreckt er nicht davor zurück, die Meinungsfreiheit bis an die Grenze zur Lüge und gelegentlich darüber hinaus auszureizen. Wenn «den Leuten nach dem Maul reden» gemeinhin als Populismus bezeichnet wird, so beherrscht Farage dies wie kaum ein anderer. Unvergessen ist zum Beispiel seine Plakatkampagne während des Brexit-Abstimmungskampfes, wo er mit Bildern einer Flüchtlingskarawane vor der EU-Personenfreizügigkeit warnte. Berührungsängste kennt Nigel Farage nicht.

«Fertig mit Mister Nice Guy»

Das gilt auch, wenn es um US-Präsident Donald Trump geht. Farage war zusammen mit weiteren Brexit-Vorkämpfern der erste europäische Politiker, der Trump nach seinem Wahlsieg einlud. Farage hat seit 2016 viel Zeit in den USA verbracht. Was er dort gelernt hat? «Dass Politik viel weniger langweilig sein sollte», so Farage. Und so ist der neue Farage, wie er nun mit seiner Brexit-Party auftritt, ein anderer. Er ist ernsthafter, weniger Clown, noch aggressiver und kompromissloser geworden. «Fertig mit Mister Nice Guy», versprach er seinen Anhängern bei einem Auftritt. Ein andermal sprach er davon, dass er «ein Gewehr in die Hand nehmen» werde, wenn der Brexit nicht endlich zustande komme.

Im Grunde geht es ihm aber um Grösseres: «Unsere Einschätzung ist, dass Brexit-Wähler heute viel mehr als den Brexit wollen. Sie wollen einen fundamentalen Wechsel und Veränderung», so Farage im Interview mit dem «Daily Telegraph». Er zielt konkret darauf, die Frustration und die Wut aufzusaugen, die sich im Vereinigten Königreich über das Versagen der Politik beim Brexit breitgemacht hat. Er bedient das Narrativ einer abgehobenen, volksverachtenden Politelite in einem kaputten System, welches schon Trump an die Macht katapultierte. So sagt er Sätze wie: «Das Parlament schmiedet eine Koalition gegen das Volk, und ich bete dafür, dass sie nicht damit durchkommen.» Wie die Umfragewerte zeigen, scheint seine Strategie aufzugehen.

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