Der «Charlie Hebdo»-Prozess beginnt – und Frankreich droht neue Terrorgefahr

In Paris beginnt heute der Prozess der Charlie Hebdo-Anschläge von 2015. Vor Gericht stehen 14 Komplizen und Mitläufer. Dem Satiremagazin droht derweil erneut das Aus.

Stefan Brändle aus Paris
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Die Anschläge auf die Satire-Redaktion Charlie Hebdo trieben in Frankreich im Winter 2015 vier Millionen Menschen auf die Strasse.

Die Anschläge auf die Satire-Redaktion Charlie Hebdo trieben in Frankreich im Winter 2015 vier Millionen Menschen auf die Strasse.

Bild: Keystone

Am 7. Januar 2015 platzten zwei schwarz gekleidete Attentäter – heute als die «Kouachi-Brüder» bekannt – in die wöchentliche Redaktionssitzung des Pariser Satiremagazins «Charlie Hebdo». Mit ihren Kalaschnikows erschossen sie zwölf Anwesende, darunter mehrere landesweit bekannte Zeichner, die immer wieder Mohammed-Karikaturen publiziert hatten.

Ein dritter Terrorist, Amédy Coulibaly, hat einen Tag später im Pariser Vorort Montrouge eine Polizistin ermordet. Nochmal einen Tag später nahm er im Supermarkt «Hyper Cacher» Geiseln und erschoss vier jüdische Kunden, bevor er von Elitepolizisten selber neutralisiert wurde. Fast zur gleichen Zeit stellte die Polizei Saïd und Chérif Kouachi in einem Firmengebäude im Osten von Paris und erschoss die beiden.

Frankreich stand unter Schock. Am 11. Januar zeigten auf der Strasse fast vier Millionen Menschen den Slogan «Je suis Charlie». Mit dem politisch unkorrekten Satiremagazin war das ganze Freiheits- und Laizismus-Konzept der französischen Republik getroffen. Der Anschlag wirkte wie ein Auslöser für weitere, noch mörderische Anschläge, darunter auf das Pariser Konzertlokal Bataclan am 13. November 2015 oder an der Promenade des Anglais in Nizza am 14. Juli 2016.

Frankreichs neue Ermittler vereitelten sechs Terroranschläge

Jetzt wird das Trauma von Januar 2015 erstmals aufgearbeitet. Die Justiz hat lange ermittelt und bringt in dem schwer gesicherten Schwurgericht vierzehn Hintermänner der Charlie-Hebdo-Anschläge auf die plexiglasgeschützte Anklagebank. Die drei Hauptattentäter sind tot. Coulibalys Braut Hayet Boumedienne wurde 2019 in Syrien gesichtet, zwei weitere Mithelfer sollen dort umgekommen sein. Von den Angeklagten muss sich einer wegen direkter Komplizenschaft verantworten, die übrigen sollen logistische Hilfe geleistet haben.

In diesem Gerichtssaal in Paris wird über das Schicksal der 14 Angeklägten entschieden.

In diesem Gerichtssaal in Paris wird über das Schicksal der 14 Angeklägten entschieden.

Bild: Keystone

Die Verhandlungen, die voraussichtlich bis im November dauern, müssen klären, ob die Angeklagten wegen «Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung» verurteilt werden sollen. Sämtliche Angeklagten bestreiten, von den Terrorplänen gewusst zu haben. Dutzende Anwälte und 200 Zivilkläger werden sich wochenlang damit beschäftigen.

Die Terrorwelle, die Frankreich nach dem Charlie-Hebdo-Attentat überrollt hatte, ist inzwischen verebbt. Sicherlich auch, weil tausende neue Ermittler, darunter in erster Linie Informatiker, angeheuert wurden. Sie verfolgen gut 10 000 französische Salafisten und andere Radikalisierte. In den kommenden zwei Jahren gelangen in Frankreich zudem 150 weitere verurteilte Terroristen wieder auf freien Fuss. Währenddessen ist die Zahl der Dschihad-Anschläge europaweit seit 2017 von 33 auf 21 zurückgegangen. In Frankreich sind in den letzten Monaten «mindestens ein halbes Dutzend Anschläge vereitelt» worden, wie Anti-Terror-Staatsanwalt Jean-François Ricard machte am Montag publik machte.

Charlie Hebdo zeigt die alten Mohammed-Karikaturen wieder

Solche besorgniserregenden Angaben bewirken derzeit kaum mehr als ein Schulterzucken. Frankreich ist zu sehr mit Covid und Wirtschaftskrise beschäftigt. Als ein Alleintäter im April in Romans-sur-Isère zwei Passanten erstach und die Staatsanwaltschaft von einem «religiösen» Motiv ausging, sorgte das kaum für Schlagzeilen.

Das gilt auch für Charlie Hebdo selbst. Das Satiremagazin macht und provoziert tapfer weiter. Doch die Auflage ist wieder auf 50 000 gesunken, nachdem sie nach Januar 2015 von gerade noch 20 000 auf 180 000 hochgeschnellt war. Eine 2016 lancierte Ausgabe auf Deutsch wurde nach weniger als einem Jahr eingestellt.

«Charlie» hat sein eigenes Trauma bis heute nicht überwunden. Aber Chefredaktor Laurent Sourisseau, der den Anschlag mit einem Schuss in die rechte Schulter überlebt hat, lässt nicht locker. In seiner neuen Ausgabe bringt «Riss», wie er nur genannt wird, die früheren Mohammed-Zeichnungen von neuem. Es sind zwar keine neuen Karikaturen darunter. Der Hinweis dazu ist aber klar: «Wir geben nie auf.»