Der Frieden in Nordirland bleibt eine Illusion

Am Rande von schweren Ausschreitungen in der Stadt Derry ist in der Nacht zum Karfreitag eine junge Journalistin erschossen worden. Die Polizei vermutet eine terroristische Splittergruppe namens «Neue IRA» hinter dem Anschlag.

Sebastian Borger, London
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Eine Razzia im Stadtteil Creggan brachte binnen kurzer Zeit Dutzende von Demonstranten auf die Strasse. Sie attackierten die Beamten mit Steinen und Molotowcocktails.(Niall Carson/AP, Derry, 18. April 2019)

Eine Razzia im Stadtteil Creggan brachte binnen kurzer Zeit Dutzende von Demonstranten auf die Strasse. Sie attackierten die Beamten mit Steinen und Molotowcocktails.(Niall Carson/AP, Derry, 18. April 2019)

Ein politisch motivierter Mord ­erschüttert Nordirland. Am Rande eines Polizeieinsatzes in einem Republikanerviertel der Stadt Derry (Londonderry) hat in der Nacht zum Karfreitag ein unbekannter Täter bis zu zehn Schüsse auf die Beamten abgefeuert. Im Kopf getroffen wurde eine junge Belfaster Journalistin, Lyra McKee, die in der Nähe eines ­Polizeiwagens stand. Im örtlichen Krankenhaus erlag die 29-Jährige ihren Verletzungen. Die Kriminalpolizei vermutet eine terroristische Splittergruppe namens «Neue IRA» hinter dem Anschlag. Premierministerin Theresa May sprach von einem «schockierenden, sinnlosen Mord».

Terroristische Streiter für die Einheit der irischen Insel berufen sich seit langem auf die Irisch-Republikanische Armee, die nach dem Osteraufstand von 1916 am Kampf um die Unabhängigkeit Irlands von Grossbritannien beteiligt war. Die Terrortruppe «Offizielle IRA» hat im Gefolge des Karfreitagsabkommens von 1998 ihre Selbstauflösung erklärt. Schon damals gab es Splittergruppen wie die «Real IRA», die der Beendigung des bewaffneten Kampfes nicht zustimmen mochten.

Molotowcocktails und Steine gegen Beamte

Sicherheitsexperten zufolge formierte sich die «Neue IRA» vor sieben Jahren aus Überresten der «Real IRA» sowie einer paramilitärischen Gruppe namens «Republikanische Aktion gegen Drogen». Stets sind in jenen Zellen die Übergänge zwischen politischer Aktion und Kriminalität fliessend. Nach Angaben der Polizei ging der Staatsschutz Hinweisen nach, denen zufolge militante ­Republikaner in der katholisch-republikanischen Hochburg Derry Waffen gebunkert hatten. Die Razzia im Stadtteil Creggan brachte binnen kurzer Zeit Dutzende von Demonstranten auf die Strasse. Sie attackierten die Beamten mit Steinen und Molotowcocktails, zwei Autos gingen in Flammen auf. «Derry heute Abend. Totaler Wahnsinn», lautete Lyra McKees letzter Tweet vom Tatort; das dazugehörige Foto zeigt im Hintergrund eine Rauchsäule, im Vordergrund die Einsatzfahrzeuge der Polizei.

«Nur weil wir nicht mehr im Krieg sind, bedeutet das nicht, dass der Schatten der Gewalt den Raum verlassen hat»: Lyra McKee, nordirische Journalistin

Wenig später trat gemäss ­Augenzeugen der Unbekannte auf die Strasse und feuerte jene Schüsse ab, von denen einer der jungen Journalistin die tödliche Verletzung beibrachte. Der Täter habe damit grosse Schuld auf sich geladen, sagte der örtliche Priester Joseph Gormley bei einer emotionalen Ansprache am Morgen des Karfreitags: «Sie sind hier nicht willkommen, wir wollen das nicht.» In Belfast einigten sich die streitenden Parteien Nordirlands auf eine gemeinsame Erklärung: Der Mord stelle «eine Attacke auf uns alle, auf den Frieden und den demokratischen Prozess» dar. Zur Einigkeit trug gewiss die Anwesenheit von Nancy Pelosi bei; die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses erkundigt sich dieser Tage mit einer Kongressdelegation nach dem Fortschreiten des Versöhnungsprozesses in Irland. Sie teile die Trauer und die Entschlossenheit, den Täter der Gerechtigkeit zu überführen», liess Pelosi verlauten.

Staatsschützer sind besorgt

Die verstorbene nordirische Journalistin Lyra McKee. (Jess Lowe/EPA)

Die verstorbene nordirische Journalistin Lyra McKee. (Jess Lowe/EPA)

McKee galt als «eine der vielversprechendsten Journalistinnen» Nordirlands, hiess es in einer Stellungnahme des Berufsverbandes NUJ. Vor fünf Jahren erregte sie Aufsehen mit einem Artikel, der die Schwierigkeit von Homosexuellen in der tiefkonservativen Provinz beschrieb. Sie widmete sich ausserdem den tiefsitzenden physischen und psychischen Hinterlassenschaften des 30 Jahre währenden Bürgerkrieges, bei dem mehr als 3500 Menschen ums ­Leben kamen und Zehntausende verletzt wurden. «Nur weil wir nicht mehr im Krieg sind, bedeutet das noch lange nicht, dass der Schatten der Gewalt den Raum verlassen hat», schrieb die Autorin zweier Bücher über die «Illusion» des Friedens in Nordirland. Staatsschützer warnen seit Monaten davor, dass das politische Vakuum in Belfast sowie die hitzige Brexit-Debatte um die innerirische Grenze zum Wiederaufflammen der ethnisch-religiösen Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten führen könnte.

Die Grosse Koalition aus der katholisch-republikanischen Sinn Féin und der Protestantenpartei DUP führte in Nordirland knapp zehn Jahre lang die Geschäfte, ehe die Regierung vor mehr als zwei Jahren zerbrach. Neuwahlen zum Belfaster Regionalparlament änderten nichts am Patt. Bis heute trennen in Belfast bis zu vier Meter hohe «Friedenswälle» die verfeindeten Volksgruppen. Die «Neue IRA» brüstete sich zuletzt mit Paketbomben, die in Manchester und London gefunden wurden. Vor dem Landgericht von Derry explodierte zu Jahresbeginn eine Bombe, bei der nur durch Zufall niemand zu Schaden kam.