Dominique Strauss-Kahn
Der ganz grosse Skandal?

az-Chefredaktor Christian Dorer im Wochenkommentar über Verschwörungstheorien rund um die Verhaftung von Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn.

Christian Dorer
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Hier in Begleitung von Reportern: Dominique Strauss-Kahn (Archivbild)
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Skandal um IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn
 Strauss-Kahn soll vor eineinhalb Wochen ein Zimmermädchen in einem New Yorker Hotel überfallen und zum Oralsex gezwungen haben.
 Wo die neue Wohnung ist, ist offiziell unbekannt. Der Franzose darf sie aber vor seinem Prozess nur für Arzt, Synagoge oder Anwalts- und Gerichtstermine verlassen.
 In eine ursprünglich ausgesuchte Wohnung hatte "DSK" gar nicht erst einziehen können, weil sich die Nachbarn querlegten.
 Die Tage des inhaftierten Dominique Strauss-Kahn als IWF-Chef scheinen gezählt.
 Einen Nachfolgekandidaten haben die USA bislang nicht ins Spiel gebracht.
 Strauss-Kahn sei «offensichtlich nicht in der Lage», den IWF zu lenken, sagte US-Finanzminister Timothy Geithner in New York.
 Strauss-Kahn ist wegen sechs Straftaten angeklagt, für die er mehr als 70 Jahre Haft bekommen kann.

Hier in Begleitung von Reportern: Dominique Strauss-Kahn (Archivbild)

Keystone

Am Swiss Economic Forum traf sich zwei Tage lang die Wirtschaftselite des Landes. An den Stehtischchen neben dem offiziellen Programm kamen die Gespräche immer wieder auf das Thema, das die Finanzwelt diese Woche am meisten bewegt hat: die unfassbare Geschichte rund um die Verhaftung des inzwischen zurückgetretenen IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn – DSK genannt. Müssten die Manager in Interlaken über sein Schicksal entscheiden, so könnte er ruhiger schlafen: Irgendetwas sei faul an dieser Geschichte, so die vorherrschende Meinung. Das sehen auch die Franzosen so: In einer Umfrage gaben 57 Prozent an, sie seien «sehr oder ziemlich stark überzeugt», DSK sei Opfer eines Komplotts geworden.

Tatsächlich gibt es mächtige Kreise, die wohl heimlich die Champagner-Korken haben knallen lassen, weil DSK für immer ausgeschaltet ist – völlig unabhängig davon, wie die Sache ausgeht: Wer derart vorgeführt wird, ist politisch tot. Frohlocken kann insbesondere Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, weil er seinen ärgsten Widersacher für die Wahlen 2012 los ist. Frohlocken können aber auch alle jene, denen DSK.s entschlossenes Durchgreifen für eine Stabilisierung des europäischen Finanzsystems nicht passte.

Sicher ist bisher bloss: Irgendetwas ist zwischen dem mächtigen IWF-Direktor und dem Zimmermädchen passiert. Er habe sich nackt auf sie gestürzt und sie vergewaltigt, lautet ihre Version. Sie seien sich im gegenseitigen Einvernehmen näher gekommen, lautet seine Version.

Gegen DSK spricht: Erst behauptet er, er habe ein Alibi – dann ist es plötzlich freiwilliger Sex. Nun tauchen ähnliche Geschichten aus der Vergangenheit auf, die bisher unter den Teppich gekehrt wurden.

Für DSK spricht: Erst macht die Polizei falsche Zeitangaben und muss diese korrigieren. Dann behauptet sie, DSK habe das Zimmer fluchtartig verlassen, und muss das korrigieren. Ein Jungpolitiker aus der Sarkozy-Partei vermeldet die Verhaftung von DSK auf Twitter als Erster – wie kann er davon wissen?

Dass Strauss-Kahn schöne Frauen nicht nur anschaut, ist noch kein Beweis gegen ihn: Macht macht sexy, mächtige Männer üben auf manche Frauen eine besondere Faszination aus. Dagegen ist nichts einzuwenden, solange zwei Menschen Dinge tun, die beiden Spass machen. Selbst wenn ein US-Präsident eine Affäre mit einer Praktikantin hat, so ist das ein Problem zwischen dem Präsidenten und seiner Frau, aber nicht der Öffentlichkeit. Bei DSK liegt die Sache anders: Hier lautet der Vorwurf Vergewaltigung.

Vielleicht sind bei DSK alle Sicherungen durchgebrannt, vielleicht ist er Allmachtsallüren erlegen, vor denen sich mächtige Menschen hüten müssen: dass sie plötzlich meinen, alles sei möglich, weil ihr Umfeld ihnen unterwürfig ergeben ist. Oder dann läuft eine ganz üble Sache gegen DSK. Das wäre der ganz grosse Skandal – aber ungewiss, ob er jemals ans Licht käme.