Reportage
Der gescheiterte Rückkehrer Lamine warnt vor Europa, doch das interessiert im Senegal keinen

Was die Leute sich über Lamine erzählen, ist schnell gesagt: 16 Jahre alt sei er gewesen, als er ein Flüchtlingsboot von Senegal nach Spanien lenkte. Geschafft habe er das in vier Tagen. So schnell wie keiner sonst. Es ist eine Heldengeschichte. Sie endet mit der Ankunft in Spanien. Den Rest will niemand hören. Die Wahrheit auch nicht.

Aline Wüst (Text) und Jonathan Voellmy (Fotos)
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Lamine kam mit dem Schiff von Senegal nach Spanien: Die Überfahrt war eine Meisterleistung - das neue Leben in Spanien die Hölle.

Lamine kam mit dem Schiff von Senegal nach Spanien: Die Überfahrt war eine Meisterleistung - das neue Leben in Spanien die Hölle.

Jonathan Voellmy

Dakar, Senegal. Lamine (25) tritt in den Hof des einstöckigen Hauses, wo seine Tante in Eimern Kleider wäscht. Kinder mit Rotz im Gesicht kommen ihm entgegen, er streichelt einem Buben über den Kopf, geht weiter in sein Zimmer. Vier Bretterwände, drei Betten. Die Luft ist schwer. Auf Lamines Bett liegt ein Bruder. Brüder gibt es viele, weil die Männer hier viele Frauen haben und ein Bruder von der gleichen Mutter sein kann – aber nicht sein muss. Oder vom gleichen Vater, aber von dessen dritter Frau. Der Sohn vom Onkel ist auch ein Bruder und der beste Freund ist wie ein Bruder. Der Bruder auf dem Bett schwitzt schlafend.

Lamines Onkel am Strand in Dakar. Der Geistheiler hat bei einem Motorradunfall ein Bein verloren. Darum ist sein Traum von Europa geplatzt. Stattdessen betet er nun für Senegalesen, die aufgebrochen sind.

Lamines Onkel am Strand in Dakar. Der Geistheiler hat bei einem Motorradunfall ein Bein verloren. Darum ist sein Traum von Europa geplatzt. Stattdessen betet er nun für Senegalesen, die aufgebrochen sind.

Jonathan Voellmy

Lamine geht durch einen schmalen Durchgang in einen zweiten Hof. Dieser Hof ist schmal und lang. Eine Wäscheleine ist darin gespannt. Hier sitzen Lamines andere Brüder. Hier ist ihr Treffpunkt. Einer wedelt der Holzkohle Luft zu. Er ist daran, Tee zu machen. Teemachen dauert.

Warum bist du damals gegangen, Lamine?

Lamine: «Es kamen Leute zurück aus Europa, die hatten dort viel Geld verdient. Alle wollten gehen. Ich auch. Das war 2006. Ein Mann kam damals zu mir und fragte mich, ob ich mit ihm eine Pirogue (senegalesisches Fischerboot) nach Spanien steuern würde. Nach ein paar Tagen kam er wieder. Er sagte: Morgen fahren wir. Ich war einverstanden. Ich erzählte es meiner Mutter. Sie wollte nicht, dass ich gehe. Sie hatte Angst. Ich sagte: Ich bin ein Mann, mir passiert nichts. Dann sagte sie, dass ich vorsichtig sein soll, weil das nicht mein Land sei dort. Europa sei nicht das Gleiche wie der Senegal. Ich solle sehr vorsichtig sein. Das hat sie mir gesagt. Sie weinte nicht, als ich ging.

Bevor ich mein Quartier verliess, sass ich noch mit meinen Freunden zusammen. Sie wünschten mir Glück. Sie beneideten mich. Einer meiner Freunde wollte auch mitkommen. Er konnte nicht, weil ein älterer Bruder von ihm gegangen und nicht angekommen ist. Ich nahm einen Bus und war um Mitternacht in der Stadt Mbour. Ich hatte Zigaretten und eine Jacke dabei. Ich bezahlte nichts für die Reise, weil ich mithalf, das Boot zu lenken. Ich war 16 Jahre alt. Wir sind um zwei Uhr nachts losgefahren. Es war am
11. Dezember 2006. Wir waren ungefähr 40 Leute. Wir hatten ein GPS.»

Der Teemacher hat die Kohle zum Glühen gebracht. Lamine erzählt in Spanisch. Niemand versteht etwas. Die Männer bleiben trotzdem im Hof, sitzen angelehnt an die Mauer des Nachbarhauses. Dieses Haus ist dreistöckig – der Nachbar war in Europa. Im Hof gibt es zwei Plastikstühle, zwei niedrige Holzbänkchen, den Sandboden. Die jungen Männer tragen Baseballcaps, Jeans, Badesandalen, die aus China kommen, und einen rasierten Schädel. Jeder hier will nach Europa. Weil es im Senegal ausser Frieden gar nichts gebe. Sie würden heute noch gehen. Egal, ob mit Boot oder Bus – Hauptsache ankommen. Doch das Geld für die Reise fehlt. Einer mit einem leeren Wasserkanister in der Hand tritt in den Hof. Die Männer rücken zusammen. Der 16-Jährige setzt sich auf den Kanister. Er will nach Deutschland.

Mehrere Generationen leben hier im gleichen Haus.

Mehrere Generationen leben hier im gleichen Haus.

Jonathan Voellmy

Erzähl von der Reise über Meer

Lamine: «Ich erinnere mich, wie wir an der Insel N’Gor vorbeifuhren. Wir sahen die Lichter dieser Insel, die gleich vor Dakar liegt. Hier waren wir oft zum Fischen. Ich sagte: Schaut, da ist der Senegal. Ab jetzt gibt es keinen Senegal mehr, jetzt gibt es nur noch Europa. Vor dem Meer hatte ich keine Angst. Ich arbeite schon, seit ich elf Jahre alt bin, auf einer Pirogue. Doch viele Männer kannten die Bewegungen des Schiffs in den Wellen nicht. Sie erbrachen sich. Wir gaben ihnen Kaffee. Nach zwei Tagen hatte ich ein wenig Angst. Ich zeigte es nicht. Hätte ich es gezeigt, hätten die Männer, die das Meer nicht kannten, noch mehr Angst gehabt. Ich tat so, als wäre alles kein Problem. Ich fuhr immer nachts. Nach fünf Tagen auf dem Meer begann ich mir Sorgen zu machen wegen des Treibstoffes. Wir hatten insgesamt 13 Kanister Benzin.»

Karte Senegal-Spanien

Karte Senegal-Spanien

Nordwestschweiz

Welche Erinnerungen hast du an die Zeit auf dem Boot?

Lamine: «Wir hatten Reis, Fisch und Baguette dabei. Das Baguette verdarb schnell. Viele Männer wollten nach zwei Tagen nicht mehr essen, viele weinten. Einige wollten umkehren. Es gab Männer, die wollten ins Meer springen. Wir nahmen einen Strick und fesselten sie. Denen, die sich erbrachen, half es, wenn ich die Geschwindigkeit hin und wieder auf die erste Stufe drosselte. Dann fällt die Pirogue nicht so hart zwischen zwei Wellen. Am siebten Tag ging unser Treibstoff aus. Alle dachten, wir werden sterben. Die Leute wurden verrückt. Sie wollten den Besitzer der Pirogue töten. Um ehrlich zu sein, ich bin auch durchgedreht. Ich habe an meine Mutter gedacht, die ich zurückgelassen habe, und an meinen Bruder, der noch zu klein war, um für sie zu sorgen.

Meine Mutter war allein. Mein Vater ging nach Europa, als ich noch ein Baby war. Wie haben seither nie mehr etwas von ihm gehört. Manche sagen auch, er sei zu den Rebellen gegangen. Ich weiss es nicht. Ich drehte wirklich fast durch. Zwei Tage waren wir ohne Treibstoff auf dem Meer. Wir hatten fast kein Wasser mehr. Irgendwann kam mir die Idee, den Reifen an der Aussenseite der Pirogue abzureissen. Er dient dort als Schutz. Wir befestigten ihn an einer Stange und zündeten ihn mit dem letzten Rest des Benzins in den Kanistern an. Es gab viel Rauch.

Dann sahen wir weit weg einen Helikopter. Wir waren nicht sicher, ob er uns gesehen hatte. Das war am Morgen. Am Nachmittag kam ein Schiff. Es rettete uns. Manche konnte nicht mehr aufstehen, sie hatten keine Kraft mehr, weil wir fast zehn Tage gesessen sind. Sie wurden ins Schiff getragen. Dort gaben sie uns Kleider, Wasser und Essen. Im Schiff schlief ich nicht. Es dauerte etwa vier Stunden, bis wir Spanien erreichten. Als wir im Camp ankamen, schlief ich zwei Tage lang. Ich hatte Kopfweh.»

Der Muezzin ruft zum Gebet. Nur einer erhebt sich. Die anderen Männer im Hof bleiben sitzen. Auch der, der auf dem Wasserkanister sitzt und nach Deutschland will. Er ist Fussballspieler. Er würde gern Geld verdienen in Europa mit Fussballspielen. Er würde aber auch gegrillten Fisch verkaufen oder Gürtel oder Kleider. Eine Frau mit Zöpfchen tritt aus dem Durchgang. Sie braucht den Kanister, auf dem der Fussballer sitzt. Ein Sturm hat letztes Jahr die Leitungen im Quartier zerstört. Die Frau muss Wasser holen gehen. Der Fussballer steht auf, reicht ihr den Kanister, lehnt sich an die Wand, sagt, sobald er Geld habe, nehme er den Bus Richtung Marokko, von dort weiter nach Libyen, da suche er sich ein Boot nach Italien. Solange er minderjährig sei, bringe ihn das «Rote Kreuz» nach der Ankunft in Europa in ein Camp, dort könne er eine Ausbildung machen – das habe er im Fernsehen gesehen. Er werde bald 17, er habe nicht mehr viel Zeit. Einer der Männer verabschiedet sich wortlos. Der Fussballer übernimmt den freien Plastikstuhl.

Wie ist Europa?

Lamine: «Nach unserer Rettung vom Boot brachten sie uns in ein Camp auf den Kanarischen Inseln. Dort muss jeder mindestens einen Monat bleiben. Sie lassen dich nicht einfach nach Europa rein. Zuerst wollen sie dein Blut untersuchen. Sie schauen, ob du krank bist oder sonst irgendetwas nicht gut ist mit dir. Später konnte ich mit dem Flugzeug nach Valencia. Dort bekam ich ein Busticket nach Pamplona, wo mich ein Freund meines Onkels abholte. Ich war zwei Jahre dort. Ich habe nichts gemacht. Ich sass nur da. Man darf nur mit Papieren arbeiten in Spanien. Ich hatte keine. Manchmal habe ich gefälschte DVDs verkauft. Aber ich kann nicht gut verhandeln mit Leuten. Ich bin Fischer. Weil es in Pamplona keine Arbeit gab, ging ich nach Almeria. Dort habe ich Tomaten abgeschnitten. 30 Euro bekam ich pro Tag. Ich konnte nicht jeden Tag arbeiten. Wenn es keine Arbeit gab, gab es auch kein Essen. Andere Senegalesen halfen mir nicht. Jeder, der dir hilft, will auch etwas dafür. Ich wollte nicht betteln. Ich sagte mir: Ich bin ein Mann, besser ich schlafe auf der Strasse, als jemanden darum zu bitten, in seinem Haus zu schlafen.»

Lamines Onkel tritt aus dem schmalen Durchgang in den Hof. Der Fussballer überlässt ihm seinen Plastikstuhl. Der Onkel hat nur ein Bein. Er ist ein Marabout, ein Heiler. Er lässt sich in den Stuhl fallen. Der Stuhl sinkt ein bisschen tiefer in den Sand. Der Onkel stellt den Stock hinter sich an die Wand. Es war ein Motorradunfall. Ein Teufel sei vor ihm über die Strasse gegangen, habe ihn vom Motorrad geschubst. Eigentlich trage er ein Amulett gegen Attacken von bösen Geistern, aber an diesem Tag habe er es nicht getragen. Lamine gibt dem Onkel ein Gläschen Tee weiter. Der Onkel will nach Deutschland oder in die Schweiz. Aber er kann nicht, weil ihm ein Bein fehlt. Der Fussballer spricht noch immer über Europa. Er hat ein bisschen Bartwuchs. Das gefällt ihm. Er benutzt eine Creme, damit der Bart stärker wächst. Dann entschuldigt er sich. Er muss Fussball spielen gehen.

Warum bist du in den Senegal zurückgekehrt?

Lamine: «Ein Freund von mir hatte einen entzündeten Zahn. Er hat mich gefragt, ob ich für ihn seine DVDs verkaufen könne. In den Plantagen gab es gerade keine Arbeit. Ich dachte, das ist besser als rumsitzen. Ich ging mit den DVDs in ein Café und bestellte mir einen Kaffee mit Milch. Ein Spanier mit langen Haaren kam rein, ein Zigeuner. Ich sass an der Bar. Er sagte, schau mal der Schwarze da, schaut mal den Scheissneger. Alle Leute im Café schauten mich an.

Der Zigeuner dachte wohl, er ist mutig. Ich sagte ihm, er solle mich nicht so nennen. Er sagte es nochmals. Da habe ich ihm eine reingehauen. Die Polizei kam. Sie fragten nach meinen Papieren. Ich hatte keine. Ich hatte auch keinen Pass. Der Zigeuner hatte Schnittwunden. Ich weiss nicht woher. Ich habe ihn mit den Fäusten geschlagen. Die anderen Gäste hätten sagen können, was passiert ist. Niemand sagte etwas. Sie brachten mich nach Madrid. Salamanca heisst das Gefängnis. Aber dreieinhalb Jahre nur Fussball spielen und schlafen. So eine Scheisse war das. Dafür bin ich nicht nach Europa. Ein bisschen schreiben und lesen habe ich noch gelernt. Aus dem Gefängnis musste ich direkt zurück nach Dakar.

Die erste Person, die ich frühmorgens traf, war mein Grossvater. Er weinte, als er mich sah. Meine Mutter war enttäuscht, weil ich ohne Geld zurückkam. Die Leute im Quartier erzählten, dass ich Drogen verkauft hätte und deshalb in Europa im Gefängnis gewesen sei. Die erste Zeit hier war nicht einfach. Aber ich bin dann wieder raus aufs Meer, habe gefischt. Das kann ich.»

Neben dem Teemacher sitzt der, der als Schneider arbeitet. Er trägt eine Sonnenbrille. Er will nach England. Er sagt oft «nice», wenn er etwas gut findet. Der Schneider hat seine Musikbox mitgenommen. Er steckt einen USB-Stick in die Box. Geübt bewegt er den Stick auf und ab bis muslimische Gesänge erklingen. Sachte stellt der Schneider die Box in den Sand. Er wiegt den Kopf zur Musik.

Eine Frau tritt aus dem Durchgang in den Hof. Sie will die trockene Wäsche von der Leine holen. Die Männer erheben sich, schieben die zwei Plastikstühle zur Seite, damit die Frau zur Wäsche kommt. Die Musikbox fällt in den Sand. Die Gesänge verstummen. Die Frau hängt die Wäsche ab und verschwindet im Durchgang. Der Schneider fingert wieder am USB-Stick herum. Wackelkontakt.

Via Kanarische Inseln nach Europa

Via Kanarische Inseln erreichten bis vor wenigen Jahren die meisten Bootsflüchtlinge Europa. Die Kanaren gehören zum EU-Mitglied Spanien. 2006 registrierte die EU-Aussengrenzagentur Frontex 32 000 irreguläre Migranten auf der Inselgruppe, die sich 100 bis 500 Kilometer vor der marokkanischen Küste erstreckt. Die Migranten waren in Senegal, Mauretanien oder Marokko gestartet und wagten den weiten Weg über den Atlantik in langen Fischerbooten aus Holz.

Meist waren es Wirtschaftsmigranten auf der Suche nach einem besseren Leben in Europa. Sie kamen nicht nur aus Senegal oder Marokko, sondern auch aus Niger, Nigeria oder Mali. Die Zahlen gingen nach 2006 stetig zurück. Im Jahr 2010 landeten gerade noch 200 Bootsflüchtlinge auf den Kanaren.

Während immer mehr Flüchtlinge das zentrale Mittelmeer (Libyen-Italien) und die Ägäis (Türkei-Griechenland) überquerten, registrierte Frontex letztes Jahr mit rund 900 erstmals auch auf den Kanaren wieder etwas mehr irreguläre Ankünfte. (dfu)

Was tust du nun?

Lamine: «Ich arbeite auf dem Meer auf einer Pirogue. Manchmal gibt es Fische und manchmal nicht. Weit draussen hat es oft grosse Schiffe. Es sind Japaner und Chinesen. Ich glaube auch Russen. Sie können viele Fische auf einmal fangen. Wenn wir von einer Nacht auf dem Meer zurückkommen, zieht der Besitzer des Boots vom Ertrag zuerst den Anteil fürs Benzin ab. Vom Rest bekommt er zwei Anteile. Was übrig bleibt, teilen wir Arbeiter unter uns. Das sind ungefähr 20 Leute.

In den vergangenen Wochen haben wir nur wenig gefangen. Oft hatte es zu viel Wind und wir konnten nicht rausfahren. Wenn wir essen, machen wir eine grosse Platte mit Reis und Fisch. Jeder nimmt sich von der Platte, bis sie leer ist. Es ist meist nicht genug. Aber wir sind Afrikaner, wir sind uns das gewohnt. Für die Kinder ist es nicht gut. Auch für unsere Mütter nicht.»

Willst du wieder nach Europa?

Lamine: «Ich will diese Zeit vergessen. Meine Freunde, die gehen wollen, die wissen nichts über Europa. Aber wir, die wir da waren, wir wissen, wie wir gelitten haben. Das interessiert die, die gehen wollen nicht. Jeder will Europa selber sehen. Jeder will sein Glück versuchen. Ich selber würde nie mehr in einem Boot nach Europa fahren. Aber wenn mir jemand ein Flugticket geben würde, wer weiss, vielleicht würde ich es nochmals versuchen. Nicht in Spanien. Auch nicht in Frankreich oder Italien. Aber vielleicht in Deutschland. Oder in Amerika. Weisst du, das Leben hier ist hart. Die, die nicht hier leben, wissen nicht, wie hart es ist. Aber wir, die wir hier leben, wir wissen es.»

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