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Österreichisches Dorf wird dank slowakischen Familien gerettet

Ein konservativer Bürgermeister schmiedet einen Plan, um sein Dorf zu retten. Slowakische Familien sollen das Leben in Wolfsthal beleben. Zehn Jahre später zeigt sich: Es hat funktioniert.
Eva Konzett, Wolfsthal
Die Grossstadt im Blick: die slowakische Hauptstadt Bratislava, vom österreichischen 1400-Seelen-Dorf Wolfsthal aus fotografiert. (Bild: Peter Chrenka/Getty)

Die Grossstadt im Blick: die slowakische Hauptstadt Bratislava, vom österreichischen 1400-Seelen-Dorf Wolfsthal aus fotografiert. (Bild: Peter Chrenka/Getty)

Sie haben den Mann noch aus dem zerbeulten PKW geborgen, doch zu helfen ist ihm nicht mehr. Beim Versuch, mit einem PKW durch den Grenzstreifen zu rasen, war der junge Ostdeutsche gegen den Schlagbaum geknallt. Am niederösterreichischen Grenzübergang Berg-Bratislava, zwischen Österreich und der sozialistischen Tschechoslowakei, beugt sich der Zöllner Gerhard Schödinger an diesem Apriltag 1989 über das letzte Opfer des Eisernen Vorhangs in Österreich.

Fast 30 Jahre später schüttelt Schödinger rund einen Kilometer entfernt vor der Kirche des Ortes Wolfsthal die Hände der Ankommenden als Bürgermeister, um sie zum traditionellen Weihnachtskonzert zu begrüssen. Schödinger, Jahrgang 1962, seit der Jugend Mitglied der christlichsozialen Volkspartei ÖVP, Zöllner und Polizist, kennt jeden. Den Alt­eingesessenen sagt der gross gewachsene Mann mit weissem Haar «Grüss Gott!». Die anderen begrüsst er mit «Dobrý deň!». Mehr als ein Drittel der Wolfsthaler stammt heute aus der slowakischen Hauptstadt Bratislava, deren Plattenbausiedlungen von Wolfsthal mit freiem Auge zu sehen sind. Schödinger hat den Zuzug der Slowaken gefördert. «Ich wollte das Dorf retten,» sagt er.

Auch in Wien, nur eine Autostunde von Wolfsthal entfernt, hat die Bundesregierung aus ÖVP und FPÖ das Thema Migration ganz oben auf die Agenda gesetzt. Vor wenigen Wochen erst hat Bundeskanzler Sebastian Kurz mit der Bekanntgabe, den UN-Migrationspakt nicht mittragen zu wollen, europaweit aufhorchen lassen. Die FPÖ hat das Migrationsthema von der Rechtsaussen-Opposition überhaupt in die Regierung gehievt. Gleichzeitig ist die ÖVP beim Thema Zuwanderung auf eine deutlich schärfere Linie eingeschwenkt. Die FPÖ wiederum ist für ihre europaskeptische Haltung bekannt. Was davon kommt in Wolfsthal bei ÖVP-Bürgermeister Schödinger an? Er verschränkt die Arme und lehnt sich zurück: «Ich bin keiner, der mit der Meute heult.» Der Ort wolle konkrete Lösungen, keine Feindbilder. Parteizugehörigkeit hin oder her.

Wolfsthal wirkt mit seinen niedrigen Häusern und schmalen Strassen wie in die flachen Felder und Windräderparks hineingesetzt. Der Bahnhof ist so bescheiden, dass er keine überdachten, ja gar keine Perrons hat. Doch diese Geschichte handelt nicht vom abgehängten Hinterland, von Bauerndörfern, die im dritten Jahrtausend nicht mehr Schritt mit der Zeit halten können. Diese Geschichte erzählt von einem kühnen Plan im europäischen Binnengrenzgebiet. Und sie beginnt hinter den Bahnhofgleisen, da, wo heute ein schmuckes Einfamilienhaus neben dem anderen steht, in den Farben und Formen der Fertigteilhauskataloge, mit akkurat gestutzten Hecken und Familienvans in der Einfahrt.

Billige Bauparzellen

Familienkutschen fuhren in jenen Tagen selten durch das Dorf. Kinder gab es nur noch wenige. Als Schödinger Wolfsthal 2005 übernimmt, ähnelt es vielen Ortschaften hier in der Gegend: strukturschwach, schrumpfend, mit veralteter ­Infrastruktur. Bis 1989 lagen hier die letzten vergessenen Winkel der demokrati­schen Welt, und als sie nach der EU-Osterweiterung ins geografische Herz der EU rücken, ist es ein Herz zwischen Birkenalleen und Heuballen. Als Arbeitgeber taugte neben den eigenen Höfen nur die Eisenbahn. Während über der Grenze in der Slowakei und den anderen EU-Anwärtern ab der Jahrtausendwende die Goldgräberstimmung einsetzt, in Bratislava die Mieten und Häuserpreise durch die Decke gehen, stolpern die Gemeinden auf der österreichischen Seite dahin. «Ich habe Kinder gebraucht. Junge Familien mit Kindern!», erklärt Schödinger. Wenn es keinen Kindergarten mehr gibt, wenn die Schulen schliessen, dann ist der Niedergang eines Dorfes besiegelt. Schödinger weiss das. So kauft er den Bauern das Ackerland ab und lässt es zu Bauland umwidmen, parzelliert die Grundstücke auf 500, 600 Quadratmeter. Gross genug für ein Häuschen und ein bisschen Garten, aber zu eng für eine Villa. Schödinger stellt am Dorfeingang gut sichtbar für die Autofahrer ein paar Holzschilder auf: «Bauplätze billig zu vergeben». Er habe damals nicht nur an die Slowaken gedacht, erinnert er sich. Er hätte die Parzellen jedem gegeben. Doch als die Slowaken in Scharen anklopfen, macht er auch da keinen Unterschied.

Für die Slowaken ist das Bauland in Wolfsthal billiger als im Speckgürtel Bratislavas. Die Zuziehenden sehen für ihre Kinder die Möglichkeit, mit der deutschen Sprache aufzuwachsen, sie sehen die grosszügige Natur. Und für sich selbst sehen sie wenig Nachteile: Nach Bratislava zum Arbeitsplatz fährt man mit dem Auto oder mit dem Bus in wenigen Minuten. Etwas mehr als 700 Einwohner haben Schödinger 2005 zum Bürgermeister gewählt. Heute zählt das Dorf 1400 Menschen. Acht Klassen hat die Volksschule jetzt.

Schödinger ist ein ruhiger Mann. Aber einer, der sich durchsetzt. Und einer, der mit diesem Grenzland hier ­verhaftet ist. In seiner Kindheit spielte er in Sichtweite auf Bratislava, rechts der Stadtteil Karlova Ves, links Devín. An der Grenze hat er gearbeitet, dort hat er am 1. Januar 1990 seine Frau kennen gelernt, als er mit Neujahrsgrüssen und Keksen in der Hand zu den slowakischen Kollegen rübergegangen ist. Später wechselt er zur Polizei, steigt zum Leiter des ös­terreichisch-slowakisch Polizeikooperationszentrums auf, lernt Slowakisch.

Vorbehalte der Alteingesessenen

Doch wo Schödinger mit einer Mauer im Rücken aufwuchs, ist Bratislava für die Dorfjugend heute die Grossstadt in Griffweite, vor allem seit dem Schengenbeitritt der Slowakei 2007. Das Nachtleben, das das Dorf nicht bietet, Geschäfte, wie man sie auf dem Land nicht kennt, das alles findet sie nur ein paar Minuten entfernt. Und das slowakische Taxi fährt auch für wenige Euro in der Nacht zurück. «Die grösste Katastrophe, wirklich das Schlimmste für uns, wären Grenzkontrollen», sagt der Bürgermeister. Das System würde sofort herunterfahren. Der Alltag käme zum Erliegen.

Wolfthal ist nicht der einzige Ort in der Gegend, in den Slowaken gekommen sind. Hier aber hat Schödinger versucht, den Zuzug mitzugestalten, hat ­jeden Einzelnen zu sich eingeladen, der einen Bauplatz kaufen wollte, hat mit der Slowakin Zusanna Ondrisová, die seit 2010 hier lebt, eine Stimme der Neowolfsthaler in den Gemeinderat ­geholt. Doch reicht das aus, um als langsam gewachsene Dorfgemeinschaft so viel Neues zu verdauen? Wie gehen die einen, die seit der Geburt die ungeschriebenen Gesetze des Ortes verinnerlicht haben, mit den Neuen um, die diese erst lernen müssen?

Nach dem Weihnachtskonzert haben sich die Wolfsthaler bei Glühwein und den ungarischen Teigkrapfen Làngos versammelt. Im Gemeindezentrum schenken vorne die sozialdemokratischen Pensionisten und hinten die christlichsozialen Senioren Kaffee aus, reden alle miteinander. Doch wo während des Konzerts noch da und dort ­Slowakisch getuschelt wurde, wo eine gebürtige Slowakin das Solo sang, ist jetzt fast nur noch Deutsch zu hören. Am Abend bleiben die Wolfsthaler unter sich. «Wir haben ein bisschen gebraucht, um uns daran zu gewöhnen, dass wir nun in die Mitte gerückt sind», sagt eine pensionierte Frau. Manche Slowaken seien eben das Dorfleben nicht gewöhnt. Das sich Einbringen. Den ­Zusammenhalt. Und nicht jede Mutter freut sich über die vielen slowakischen Kinder im Kindergarten: «Die unsrigen fühlen sich jetzt ausgegrenzt.» Schödinger ist nicht naiv. Er kennt diese Aus­sagen. Doch an den Urnen geben die Wolfsthaler seinem Kurs recht. Schödinger regiert mit absoluter Mehrheit und das dritte Mal in Folge.

Der Bürgermeister ist auf die Bundesstrasse B9 in Richtung Grenze gefahren. Das Zollhäuschen hat man abgerissen. Schödinger deutet mit seinem Arm nach links zu einem heruntergekommenen Casino. Dort hatte der Ostdeutsche gelegen. «Als ich den Mann sterben sah, habe ich die Macht der Freiheit verstanden», sagt er. Der Opel des Bürgermeisters rollt weiter. Nieselregen klopft gegen die Windschutzscheibe. Draussen picken Raben nach Futter in der feuchten Erde. «Wir sind schon längst in der Slowakei. Man hat gar nichts bemerkt!», sagt Schödinger plötzlich. Das ist seine Vision. Das ist sein Leben. Nicht weniger. Und nicht mehr: «Herr Schödinger, ist Wolfsthal drauf und dran, ein Vorort von Bratislava zu werden?» «Wolfsthal ist Wolfsthal. Und wird nie etwas anderes sein.»

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