Irak
Der Irak ist ein Scherbenhaufen

Es ist, als hätte man die Zeit um mindestens acht Jahre zurückgedreht: Der Irak befindet sich – wie schon zwischen Mitte 2006 und Mitte 2007 – am Rand eines Bürgerkriegs.

Dagmar Heuberger
Merken
Drucken
Teilen
Ein Mädchen in einem irakischen Flüchtlingscamp.

Ein Mädchen in einem irakischen Flüchtlingscamp.

Keystone

Damals erduldete das Land die blutigste Phase seit dem Beginn der amerikanischen Besetzung 2003. Allein im Jahr 2006 starb alle 15 Minuten ein Zivilist an den Folgen von Gewalt und Anarchie. So weit ist es heute zum Glück (noch) nicht. Aber die Situation ist brandgefährlich: Kämpfer der islamistischen Terrorgruppe Isis nehmen Stadt um Stadt ein, sie marschieren auf Bagdad zu. Ihr Ziel – der Name sagt es – ist die Errichtung eines islamischen Staates in Irak und Syrien. Sie schüchtern die Bevölkerung ein, verbreiten Hassbotschaften und stellen grauenvolle Hinrichtungsvideos ins Internet. Wobei unklar bleibt, ob die Aufnahmen echt sind.

Der Irak sei «kein perfekter Ort, aber wenigstens souverän, stabil und selbstständig», sagte US-Präsident Barack Obama, als Ende 2011 die letzten amerikanischen Soldaten aus dem Zweistromland abzogen. Das war im besten Fall beschönigend, eine Selbsttäuschung; im schlechtesten Fall war es schlicht blauäugig. Unmittelbar nach dem Abzug der Amerikaner verschlechterte sich die Sicherheitslage wieder. Schlimmer noch: Der Irak wurde zum Spielball von Extremisten.

Die amerikanische Irak-Politik der letzten zehn Jahre ist eine Abfolge von Irrtümern, Fehleinschätzungen, Lügen, Naivität und – Dummheit. Es begann 2003 mit George W. Bushs Krieg gegen Saddam Hussein. Unter dem Vorwand, der Irak besitze Atomwaffen und unterstütze die Terrororganisation al-Kaida, liess der US-Präsident Truppen einmarschieren. Keine dieser Behauptungen traf zu – das waren die Lügen und die Dummheit. Bush ging es denn auch in erster Linie um «Regime Change»: Er wollte Saddam stürzen und den Irakern Demokratie und Freiheit bringen. Das war der Irrtum.

Als Bush am 1. Mai 2003 auf dem Flugzeugträger USS «Abraham Lincoln» unter dem Transparent «Mission accomplished» stolz das Ende des Irak-Krieges verkündete, war der Auftrag überhaupt nicht «accomplished» – erfüllt. Im Gegenteil: Die Probleme begannen erst. Denn die meisten Iraker sahen in den Amerikanern nicht Befreier, sondern Besatzer; sie empfingen sie nicht mit Blumen, sondern mit Waffen. Das Land versank im Bürgerkrieg, Hunderttausende starben. Erst als Washington Mitte 2007 einen Strategiewechsel vollzog und die Truppen um 20 000 Mann aufstockte, wurde die Sicherheitslage besser.

Ebenso dornenreich war die Sache mit der Demokratie. Nach Saddams Sturz brauchten die Amerikaner einen Regierungschef. Sie fanden ihn in Nuri al-Maliki. Doch der erwies sich als wenig zuverlässig – ähnlich wie der zunächst hochgelobte, später aber verpönte Hamid Karsai in Afghanistan. Mit Maliki kam ein Schiite an die Macht, ein Vertreter jener irakischen Bevölkerungsmehrheit, die unter dem Sunniten Saddam jahrzehntelang unterdrückt und benachteiligt worden war.

Und was tat Maliki? Das Gleiche, das die Sunniten zuvor mit den Schiiten gemacht hatten: Statt die sunnitische Minderheit in den neuen Irak zu integrieren, diskriminierte er sie – aus Angst vor einem Umsturz und um des eigenen Machterhalts willen. Die Folge: Die jahrhundertealten religiösen Gräben rissen auf – und zwar tiefer und grausamer als unter Saddam.

Heute ist Der Irak ein religiös und gesellschaftlich total zerrissener Staat. Er wurde nie befriedet, hat sich (abgesehen von den ölreichen Kurdengebieten) wirtschaftlich nie erholt, staatliche Strukturen fehlen. Der Irak ist ein Scherbenhaufen – ein «failed state». Das ist genau der Nährboden, auf dem fundamentalistische Organisationen wie Isis gedeihen. Und zwar nicht nur im Irak, sondern auch in anderen Ländern des Mittleren Ostens. Ob in Tunesien, Libyen, Ägypten oder Syrien: Überall wo diktatorische Regimes gestürzt wurden, ist die junge Demokratie ein zartes Pflänzchen, das von Islamisten bedroht wird – ein Pflänzchen, das viel Zeit und Geduld braucht, wenn es gedeihen soll.

Politisch von noch grösserer Tragweite sind zwei weitere Schlussfolgerungen aus dem Vormarsch der Islamisten im Irak. Einerseits droht das Land zu einem Hort des Terrorismus zu werden, was die ohnehin schon labile Region noch mehr destabilisieren dürfte. Andererseits wird immer deutlicher, dass ausgerechnet Iran, der Erzfeind der USA, unentbehrlich ist, um Ordnung zu schaffen. Denn das schiitische Regime in Teheran will nicht zulassen, dass die sunnitische Isis ihren Einflussbereich ausdehnt. Iran wird damit zur Regionalmacht. Und den Amerikanern bleibt keine andere Wahl, als das zu akzeptieren. Welch traurige Bilanz: Washington hat im Irak alles falsch gemacht.