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Unruhen im Südirak: «Der Iran mischt kräftig mit in Basra»

Seit Wochen erschüttern Unruhen den Süden des Irak. Der Politiker Mohamad Eltai erklärt, wieso viele Bürger rund um die Metropole Basra genug haben von der Zentralregierung in Bagdad.
Interview: Martin Gehlen, Tunis
Der irakische Politiker Mohamad Eltai. (Bild: Katharina Eglau)

Der irakische Politiker Mohamad Eltai. (Bild: Katharina Eglau)

Mohamad Eltai (60) gehört zu den bekanntesten Gesichtern von Basra. Von 2014 bis 2018 sass er als unabhängiger Abgeordneter im Parlament in Bagdad. Mehr als zehn Jahre lang moderierte er im Fernsehsender Al-Fayhaa eine eigene Talkshow, die die Missstände in der südirakischen Metropole aufs Korn nahm.

Mohamad Eltai, seit drei Wochen erschüttern schwere Unruhen Basra und den Süden Iraks. Bisher gab es 14 Tote. Wie ist die Lage im Augenblick?

Die Leute haben die Nase voll von der jahrelangen Diskriminierung durch Bagdad. Die Region um Basra liefert durch ihr Öl 80 Prozent der Einnahmen für das 100-Milliarden-Dollar-Staatsbudget, ohne irgendetwas dafür zurückzubekommen. Seit dem Sturz von Saddam Hussein 2003 gab es keine grösseren Investitionen mehr, kein neues Krankenhaus, kein Ausbau von Schulen oder Hochschulen. Dauernd gibt es Stromausfälle. 30 Prozent der Bewohner von Basra leben in Armut. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 25 Prozent. Die ausländischen Ölfirmen vor Ort beschäftigen unsere Leute nicht, auch wenn diese gut qualifiziert sind. Wir haben nichts von dem Öl in unserem Boden ausser Luftverschmutzung und Lungenkrankheiten.

Welche Rolle spielt die Wasserkrise?

Unser Wasser wird immer salziger, die Farmer verlieren mehr und mehr von ihren Ernten. Euphrat und Tigris führen wegen der vielen Staudämme in der Türkei und im Iran kaum noch Wasser, so dass das Mündungsgebiet des Shatt al-Arab durch einflutendes Meerwasser salziger und salziger wird. Aber auch im Zentralirak gibt es Regionen, die viel zu viel Flusswasser für ihre Felder abzweigen, so dass für uns nur der dreckige, salzige Rest übrig bleibt.

Wie gehen die Sicherheitskräfte derzeit vor?

Bagdads Spezialbrigaden haben in Basra mehr als 50 Strassensperren errichtet. Das ist wie eine Okkupation durch eine fremde Macht. Jede Nacht machen Greifkommandos Razzien, verhaften Anführer der Demonstranten und misshandeln sie. Sie kamen auch zu mir nach Hause, um mich einzuschüchtern. Leider beteiligen sich an diesen Jagden auch schiitische Milizen aus Basra, obwohl sie in derselben Misere leben wie der Rest der Bevölkerung. Diese Milizen werden gesteuert von irakischen Parteien, die dem Iran nahestehen. Der Iran mischt kräftig mit in Basra, um seine Machtstellung im schiitischen Süden zu sichern. Der Irak kauft pro Jahr für 12 bis 14 Milliarden Dollar Waren im Iran ein, dieses Geschäft soll nicht gefährdet werden.

Premierminister Haidar al-Abadi flog zu Beginn der Unruhen nach Basra und versuchte, die Wogen zu glätten. Was hat er erreicht?

Abadi hat drei Milliarden Dollar versprochen, aber niemand traut ihm über den Weg. Überall in Basra sprühen Demonstranten «Aba­di ist ein Lügner» an die Mauern. Die politische Klasse in Bagdad hat durch ihre Unfähigkeit und Korruption das Vertrauen der Bevölkerung völlig verspielt. Das wird sich nur ändern, wenn endlich in Basra investiert wird und sich das Alltagsleben der Bürger bessert.

Wie geht es jetzt weiter in dem Konflikt? Welche Per­spektiven sehen Sie?

Die Leute werden immer wütender. Die Proteste weiten sich aus, seit die ersten Demonstranten durch die Einsatzkräfte getötet wurden. Die Bevölkerung ist auf den Beinen, obwohl die Regierung in Bagdad die Leute als von den USA oder Saudi-Arabien bezahlte Provokateure oder als ausländische Spione denunziert. Ich gehe davon aus, dass die Sicherheitskräfte die Demonstrationen in nächster Zeit mit aller Härte ersticken werden. Das wird die Entschlossenheit der Bevölkerung von Basra verstärken, sich von Bagdad loszusagen und für einen unabhängigen Süden zu kämpfen.

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