Korea

Der Konflikt am gelben Meer eskaliert

Nach dem Beschuss der südkoreanischen Insel Yeonpyeong spitzen sich die Spannungen zwischen Nord- und Südkorea zu. Beobachter vermuten, dass Nordkorea mit der Aktion den Druck auf die USA sowie Südkorea erhöhen will.

Daniel Kestenholz, Bangkok
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Korea-Krise

Die Lage zwischen Nord- und Südkorea droht zu eskalieren. In der bislang schärfsten Konfrontation seit dem Ende des Koreakrieges 1953 schoss die nordkoreanische Artillerie ohne Vorwarnung 200 Granaten auf die zu Südkorea gehörende Insel Yeonpyeong. Die knapp 1300 Bewohner des Eilands, das nur 15 Kilometer vor der nordkoreanischen Küste liegt, gingen in Bunkern in Deckung oder flohen in Fischerbooten.

Erstmals Zivilisten betroffen

USA: Das Weisse Haus lässt sich nicht provozieren

US-Präsident Barack Obama wurde kurz vor 4 Uhr unsanft aus dem Schlaf gerissen und durch Sicherheitsberater Tom Donilon über die neuste Eskapade des nordkoreanischen Regimes informiert. Bereits eine halbe Stunde später verschickte das Weisse Haus eine Stellungnahme, in der mit aller Schärfe gegen die Beschiessung der südkoreanischen Insel Yeonpyeong protestiert wurde. Es blieb allerdings bei einem Communiqué - militärisch reagierte die US-Regierung gestern nicht, obwohl in Südkorea 28000 amerikanische Soldaten stationiert sind. Aus dem Verteidigungsministerium hiess es, dass keine Manöver oder Truppenverschiebungen geplant seien, weil man sich durch die Nordkoreaner nicht provozieren lassen wolle. In Washington sorgt die Überraschungsattacke der Nordkoreaner dennoch für grosse Unruhe. Seit langem sind sich führende Diplomaten über einen Punkt einig: Niemand weiss mit letzter Gewissheit, was die Nordkoreaner im Schilde führen. Klar ist einzig, dass sie gerne für Unruhe sorgen. Erst am Samstag erregte ein Bericht eines amerikanischen Wissenschafters, wonach Pjöngjang die Uran-
Anreicherung wieder aufgenommen habe, in den USA für grosses Aufsehen. Dennoch gelang es dem Sonderbeauftragten des Aussenministeriums bisher nicht, im UNO-Sicherheitsrat einen Konsens über schärfere Sanktionen
herzustellen. (RR)

Südkoreanische Streitkräfte erwiderten das Feuer mit rund 80 Schüssen. Kampfjets kreisten über der Insel und die Marine schickte Kriegsschiffe ins Gebiet. Das südkoreanische Militär wurde in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Präsident Lee Myung Bak forderte nach einer Dringlichkeitssitzung mit seinem Sicherheitskabinett in einem unterirdischen Bunker eine «ernste» Antwort. Zugleich ist Südkorea darum bemüht, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Nordkorea wiederum droht mit weiteren «gnadenlosen Vergeltungsschlägen», wenn der Süden die umstrittene Seegrenze «auch nur 0,0001 Millimeter» verletze. Zuvor hatte Pjöngjang Seoul aufgefordert, Militärmanöver, die der Süden am Montag in der Region begonnen hatte, sofort zu beenden.

Wer hat zuerst geschossen

Umstritten ist noch, wer zuerst geschossen hat. Nordkorea behauptet, der Süden habe das Feuer eröffnet. Nordkorea habe auf den Beschuss mit Dutzenden Artilleriegeschossen reagieren müssen, meldete die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA.

Unklar ist auch der Grund für die Eskalation. Beobachter vermuten, dass Nordkorea mit der Aktion den Druck auf die USA sowie Südkorea erhöhen will, damit die Sechsparteien-gespräche über das Atomprogramm ohne Vorbedingungen wieder aufgenommen werden. Ein Sprecher des chinesischen Aussenministeriums in Peking sagte gestern denn auch, es sei «zwingend notwendig, dass die Gespräche so schnell wie möglich wieder beginnen». Damit liessen auch die Chinesen gewisse Sorge durchblicken, dass ihr Einfluss auf den schwierigen Verbündeten beschränkt ist. Der unprovozierte Angriff überrumpelte China offensichtlich. Die Situation, so der Sprecher in Peking ausweichend, müsse «zuerst noch bestätigt werden».

Grundproblem des Grenzkonflikts ist, dass Nordkorea die von der UNO nach dem Koreakrieg 1953 gezogene westliche Seegrenze nicht anerkennt.