Bolivien und der König, der nicht König sein will

Die Afrobolivianer sind stolz auf ihren König. Julio Pineda aber pflückt lieber auf seiner Plantage Kokablätter. Der Nachkomme von Sklaven ist der königlichen Pflichten überdrüssig.

Camilla Landbö, La Paz
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König Julio der Erste auf seinem offiziellen Königsfoto. Bild: Susana Girón

König Julio der Erste auf seinem offiziellen Königsfoto. Bild: Susana Girón

Es ist trocken und meist kühl, in La Paz auf 3600 Metern über Meer. Und karg. Die Bergketten, welche die bolivianische Stadt umringen, lassen kaum vermuten, dass zwei Autostunden entfernt Dschungel wuchert. Grün und warm, mit Affen, Papageien und grossen Sommervögeln. Los Yungas, so heissen die tiefer gelegenen subtropischen Täler. Dort soll es ein afrikanisches Königreich geben. Samt König – dem einzigen in Lateinamerika.

Seine Majestät Don Julio der Erste – mit dieser Betitelung und mit einer prächtigen goldenen Krone auf dem Haupt, einer roten Schärpe und einem Zepter erscheint der schwarzafrikanische König auf einem Foto auf der offiziellen Internetseite der Casa Real Afroboliviana – des Königshauses der Afrobolivianer.

Dass es auch Bolivianer afrikanischer Abstammung gibt, erfährt man spätestens in Coroico, im bekanntesten Yungas-Städtchen. Dort trifft man in den Strassen Afros, die auf dem Trottoir Ware anpreisen. Ja, sagen sie, wir kennen den König, er lebt dort drüben in Mururata. Sie zeigen auf die entfernt erscheinenden Täler gegenüber, wo man im Dickicht Dörfer nur erahnen kann.

Der Prinz auf dem Sklavenschiff

Als die Spanier Südamerika vor über 500 Jahren überrannten, freuten sich die Eroberer am meisten über die Bodenschätze. Gold und Silber, in Unmengen. Die Gier war geweckt. Und damit die Bereitschaft, den Kontinent und die Ureinwohner auszubeuten. Die Spanier zwangen die indigene Bevölkerung in die Minen. Diese schufteten die glitzernden Rohstoffe aus den Bergstollen heraus, unter unmenschlichsten Bedingungen. Lange hielten die Aymaras und Quechuas nicht durch, starben wie die Fliegen an Staub, Kälte, Hunger und Misshandlungen. Die Spanier hatten die fatale Idee, neue Arbeitskräfte in Afrika zu beschaffen. An der afrikanischen Westküste trieben sie Frauen und Männer auf die Schiffe, fuhren sie über den Atlantik, und diejenigen, welche die Überfahrt überlebten, wurden auf dem südamerikanischen Kontinent von den Häfen zu den Minen befördert.

In der riesigen Silbermine Cerro Rico in Potosí hielten es die Afrikaner noch weniger aus als die Indigenas. Die Sklaven erlitten auf über 4000 Metern über Meer einen klimatischen Schock. Auch sie verstarben rasch. Das kümmerte die Spanier wenig: Nachschub aus Afrika gab es immer – mehr als 200 Jahre lang. Erst um 1820 fuhren die letzten Schiffe mit afrikanischer Menschenware über den Atlantik. So soll es auch dem Prinzen Uchicho ergangen sein. Auf einem der letzten Schiffe habe man ihn nach Südamerika verfrachtet. Auch Uchicho krüppelte sich erst in der Silbermine von Potosí ab. Mit der Zeit aber verkauften die Sklaventreiber die Afrikaner an Grossgrundbesitzer in wärmeren Gebieten Boliviens. Vorwiegend in die Regionen Santa Cruz, Sucre, Cochabamba und in die Yungas. Nicht aus Nächstenliebe, sondern um die Arbeitskräfte länger einsetzen zu können. Auf den Feldern ernteten sie Zitrusfrüchte, Kaffee, Mais und Kokablätter.

Die Geschichte erzählt, dass niemand wusste, dass Uchicho aus königlichem Hause stammte. Eines Tages aber habe er sich in einem Fluss gebadet. Auf seinem Rücken waren tätowierte Symbole und Figuren zu sehen. Sogleich erkannten die anderen Sklaven die Zeichnungen, die nur ein Sohn aus afrikanischem Königshaus haben konnte. Sie boten dem Prinzen an, dass sie alle eine halbe Stunde pro Tag mehr arbeiteten, damit er selber von dieser Last befreit würde. 1832 krönte ihn die Sklavengemeinschaft zu ihrem König. Dazu schickte Uchichos Vater kurz vor seinem Ableben Krone und Schärpe nach Bolivien. Und so wurde das afrikanische Königreich in Südamerika weitergeführt.

Der König verkauft Bananen

Das Zuhause von Julio dem Ersten sieht man bereits beim Einbiegen in Mururata. Ein türkisfarbenes zweistöckiges Eckhäuschen. Im oberen Raum lebt das Königspaar. Im unteren führt Königin Angélica einen Laden. Vor dem Eingang türmen sich alte Holzkisten, in denen Bananen feilgeboten werden. Drinnen sitzt ein alter Mann in Karohemd und Baseballkappe an einem benutzten Holztisch. «Guten Abend, sind Sie der König?» Julio der Erste hebt müde seinen Kopf. Über den Besuch nicht sehr erfreut, nickt er und brummelt ein «buenas noches» – guten Abend. Hinter ihm sitzt Königin Angélica auf der untersten Stufe der Treppe, die nach oben in die Einzimmerwohnung führt. «Hätten Sie Zeit für ein Gespräch? Etwa morgen?» Der König zögert mit der Antwort, denkt nach. «Nein, ich habe keine Zeit, morgen muss ich arbeiten», sagt er. Stille im Raum. «Übermorgen?» Julio schaut seine Frau an, fragt: «Wann kommt der Arzt ins Dorf?» Königin Angélica erhebt sich, sucht den Zettel, den man ihr ausgehändigt hat. Nun beginnt auch der König zwischen Papieren auf dem Tisch zu wühlen. Endlich gefunden, beleuchtet er ihn mit einer Taschenlampe. «Ah, Donnerstag», sagt er schliesslich. «Donnerstag geht also auch nicht.» Setzt sich wieder. Schweigt erneut. «Sind Sie müde davon, Interviews zu geben?» Der 76-Jährige schaut überrascht, überlegt, antwortet einsilbig: «Ja.» Unerwartet lächelt er. «Die Interviews sind am Ende immer lange.»

Uchicho, der erste König der Afrobolivianer, nahm den Nachnamen seines Herrn Pinedo an. Ihm folgte sein Sohn Bonifacio Pinedo, der bis 1954 über das Königreich in Bolivien regierte. Danach war der Thron lange Zeit unbesetzt, da Bonifacio nur Töchter auf die Welt gebracht hatte. Erst als ein männliches Enkelkind geboren wurde, kamen die Afrobolivianer wieder zu ihrer Majestät. Zu Julio Pinedo. Von der afrobolivianischen Gemeinschaft wurde der heute 66-Jährige 1992 zum Oberhaupt gekrönt.

«Don Julio», wie ihn die Leute nennen, ist in Mururata auf die Welt gekommen. Er arbeitet, seit er denken kann, auf seinen zwei Plantagen, die sich unweit des Dorfes befinden. Nebst Kokapflanzen kultiviert er auch Zitrusfrüchte und Kaffee. Mit den Einnahmen der Ernte und des Ladens kann das Königspaar leben. «Setzen Sie sich doch hin und stellen Sie mir die Fragen jetzt», sagt der König plötzlich. Hinter Don Julio sind an der Wand zwei Jahreskalender angeheftet, mit Fotos von wichtigen Persönlichkeiten aus Bolivien. Darauf glänzt auch er, im Königsgewand, neben Staatsoberhaupt Evo Morales. Daneben hängt eine Urkunde, die ihm der bolivianische Staat 2007 ausgehändigt hat. Seither ist er im Land offiziell als König anerkannt. «Hadern Sie mit Ihrem Schicksal, König zu sein?» «Meine Aufgabe ist es, die traditionelle Kultur der Afrobolivianer zu bewahren, sie den jüngeren Generationen weiterzuvermitteln», umgeht er erst die Frage. Dann räumt er ein, dass ihm eigentlich die Zeit zum Königsein fehle. «So wie jetzt.» Und lacht. Die Leute in den Afrodörfern erzählen, dass Don Julio schon als kleiner Junge scheu und introvertiert war. Obwohl sie auf ihn stolz sind, beklagen sie, dass er seine repräsentative Rolle als König nicht wahrnimmt, wie sie es sich wünschten.

Bessere Stellung dank Morales

Die tatsächliche Abschaffung der Sklaverei, sagen viele Bolivianer, kam erst mit der Revolution und der damit verbundenen Agrarreform 1952. Ländereien wurden neu verteilt, auch an die ehemaligen Sklaven, und die Leibeigenschaft verboten. Trotz aller Besserungen gehören viele Afrobolivianer immer noch zur armen und marginalisierten Bevölkerungsschicht. Dies gilt auch für die Nachkommen von Sklaven in anderen südamerikanischen Ländern.

Don Julio weiss nicht genau, woher er stammt. «Welches Land war es?», sagt er zu seiner Frau. «Kongo», antwortet sie. Unsicher fügt sie an: «Oder war es Senegal? Uganda?» Die Königsfamilie hat sich einigen DNA-Tests unterzogen. Auf der Internetseite des Königshauses wird als Ursprungsland Senegal angegeben. Am Ende konnten die Tests lediglich ein Gebiet in Afrika festlegen, das mehrere Länder einschliesst. Mit einer bolivianischen Dokumentarfilmerin war das Paar 2016 erstmals nach Afrika gereist. Wohin? Das Königspaar ist wieder überfragt. «War es Kongo?», sagt Doña Angélica. «Auf jeden Fall haben die Leute dort kein Spanisch gesprochen», sagt sie.

Die Afrobolivianer waren immer Rassismus ausgesetzt. Heute noch sagt man Reisenden in die Yungas als Witz: «Bring mir ein Negerlein mit, bitte.» Ein Witz, der früher keiner war. Noch vor rund 70 Jahren holte man sich aus dem Dschungel Haushaltshilfen afrikanischer Abstammung, oft Minderjährige. In La Paz lebten sie bei reichen Familien, putzten, kochten und hüteten die Kinder.

Unter der Regierung von Evo Morales hat sich die Situation der rund 25 000 afrikanischstämmigen Bürger merklich verbessert. Seit 2009 gelten die Afrobolivianer als eine der 36 anerkannten Nationen im «plurinationalen» Staat von Bolivien. Daraufhin wurden sie erstmals statistisch erfasst. Heute können sie auch Anzeige erstatten, wenn sie mit rassistischen Äusserungen beleidigt werden. Und seit 2010 sitzt mindestens ein Afroabgeordneter oder eine Afrosenatorin im Parlament. Davor undenkbar.

Die Nachfolge von Don Julio ist gesichert. Zwar haben er und Angélica keine Kinder. Jedoch wurde ihr Grossneffe Rolando Pinedo in der Afrogemeinschaft bereits zum Prinzen ernannt. Zurzeit lebt und arbeitet der 24-Jährige in La Paz. Wann er den Thron besteigt, ist offen. Die goldene prächtige Krone, das weiss man, liegt oben in der Einzimmerwohnung des Königspaars bereit, hinter einer Vitrine. König Julio der Erste zeigt sie jedoch ungern. Auch das weiss man.