Irak
Der «Kreuzkönig» ist zurück – hinter den ISIS-Terroristen steht ein Saddam-Vertrauter

Der Vormarsch der Terrororganisation ISIS im Irak versetzt die Welt in Angst. Als Drahtzieher des Aufstands aber gelten Angehörige des früheren Regimes von Saddam Hussein. Zum Beispiel Izzat Ibrahim al-Duri.

Peter Blunschi, watson.ch
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Izzat Ibrahim al-Duri (l.) zählte zum engsten Führungskreis um Diktator Saddam Hussein.

Izzat Ibrahim al-Duri (l.) zählte zum engsten Führungskreis um Diktator Saddam Hussein.

Keystone

Mit ihren schwarzen Fahnen und ihrer Brutalität sorgt die Gruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante/Gross-Syrien (ISIS) für Angst und Schrecken. Scheinbar mühelos haben die sunnitischen Extremisten mehrere irakische Städte überrannt. Die Welt verfolgt den Vormarsch der Dschihadisten mit Sorge und Erstaunen: Wie kann eine Organisation, die ein paar Tausend Kämpfer zählt, solche Erfolge erringen?

Die Antwort ist einfach und überraschend zugleich: ISIS kämpft nicht allein, sondern mit Gruppierungen aus dem Umfeld des 2003 von den Amerikanern gestürzten Diktators Saddam Hussein und seiner verbotenen Baath-Partei. Für den früheren deutschen CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer, einen ausgewiesenen Kenner der Region, ist die vermeintliche Dominanz von ISIS sogar nur ein PR-Trick. In Wirklichkeit sei die Terrorgruppe der «Juniorpartner des Aufstands», sagte er in einem Interview. Treibende Kraft sei die FNPI, «eine säkulare Koalition mehrerer Gruppen, die schon mit grossem Erfolg gegen die US-Armee gekämpft haben».

Der starke Mann in Mossul

Dies würde erklären, warum es der ISIS gelungen sein soll, die Millionenstadt Mossul problemlos einzunehmen. In Wirklichkeit gibt laut Todenhöfer die FNPI in der Sunniten-Hochburg den Ton an. Anführer der Vereinigung und starker Mann in Mossul sei Izzat Ibrahim al-Duri: «Sein Bild hängt jetzt an vielen öffentlichen Gebäuden.» Duri ist der höchste Vertraute von Saddam Hussein, der nie gefasst wurde. Im Kartenspiel, mit dem die Amerikaner nach dem Einmarsch 2003 die führenden Köpfe des Regimes suchten, ist er der Kreuzkönig. Sein Kopfgeld beträgt zehn Millionen Dollar.

Im Kartenset der Amerikaner ist Duri der Kreuzkönig (rechts)

Im Kartenset der Amerikaner ist Duri der Kreuzkönig (rechts)

K

Der General mit dem auffälligen roten Haar stammt wie viele Vertreter des früheren Regimes aus Tikrit. Nach dem Sturz Saddams konnte er untertauchen, im Kampf gegen die Amerikaner soll er eine zentrale Rolle gespielt haben. 2007 wurde er zum neuen Chef der Baath-Partei ernannt. Mehrfach wurden die Verhaftung oder der Tod des heute 71-Jährigen gemeldet, stets gab es wieder ein Lebenszeichen. Zuletzt tauchte Anfang 2013 eine Videobotschaft auf, in der Duri die Sunniten zum Kampf gegen die schiitische Regierung in Bagdad aufrief.

In dem Video wirkt Duri gebrechlich - er soll an Leukämie erkrankt sein. Für seine führende Rolle beim derzeitigen Aufstand gibt es dennoch zahlreiche Indizien. Die «New York Times» hat ihn als einen der Anführer identifiziert. Ein hoher Vertreter der Baath-Partei sagte der Zeitung, die Planung für die Offensive habe bereits vor zwei Jahren begonnen. Saddam Husseins Tochter Raghad, die im Exil in Jordanien lebt, sagte der Zeitung «Al-Quds al-Arabi», die Siege im Irak seien «den Kämpfern meines Vaters und meinem Onkel Izzat al-Duri zu verdanken».

Wie Feuer und Wasser

Duri wird als gläubiger Muslim beschrieben, was eher ungewöhnlich ist für die Baath-Partei, die sich als säkular und sozialistisch versteht. Deshalb konnten Saddam Hussein und Osama bin Laden trotz gemeinsamem Hass auf die USA nie zusammenfinden. Für die Annäherung an die ISIS, die einen Gottesstaat anstrebt, dürfte Izzat al-Duris Religiosität förderlich gewesen sein.

Trotzdem handelt es sich um ein reines und erst noch sehr labiles Zweckbündnis, betonte Jürgen Todenhöfer: «Hier haben sich Feuer und Wasser zusammengetan.» Absehbar ist deshalb, dass die derzeit auftrumpfenden Sunniten die Waffen irgendwann gegeneinander richten werden. Für die ohnehin unsichere Zukunft Iraks sind das schlechte Nachrichten.