Der «Kreuzritter» inszeniert sich als politischer Häftling

Er wollte als Märtyrer in die norwegische Geschichte eingehen, als entschlossener Kämpfer, der für seine politische Überzeugung hinter Gitter muss. Das Osloer Bezirksgericht tat dem rechtsextremen Amokläufer Anders Behring Breivik den Gefallen.

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Sieht sich als moderner Kreuzritter: Anders Behring Breivik. (Bild: Keystone)

Sieht sich als moderner Kreuzritter: Anders Behring Breivik. (Bild: Keystone)

Wegen Terrorismus' und Mordes an 77 Menschen in Oslo und auf der Insel Ut∅ya im Sommer vergangenen Jahres muss der 33-Jährige wohl den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen.

Dabei gab es Hinweise, das der geständige Attentäter in einer anderen Welt lebt. Breivik glaubte sich an der Spitze einer Widerstandsbewegung, die mit Waffengewalt gegen die Islamisierung Europas kämpft.
Allerdings konnten die Ermittler keine Hinweise auf die selbst ernannten Tempelritter finden. Alles deutet daraufhin, dass Breivik mit seiner kruden Weltsicht alleine dastand und sich das radikale Netzwerk lediglich einbildete.

In seinem Manifest mit dem Titel «2083. Eine Europäische Unabhängigkeitserklärung» schwadroniert er gegen Muslime und Marxisten. Seinen schweren Bombenanschlag im Osloer Regierungsviertel und die Menschenjagd auf Utoya rechtfertigte er mit dem Kriegszustand, in dem sich Europa seiner Auffassung nach befindet.

Hip-Hop und Graffiti
Als Jugendlicher war Breivik noch ein Hip-Hop-Fan, der in weiten Hosen und Kapuzenpullovern nachts aus dem Fenster stieg, um Graffiti zu sprühen. Er habe dann zu sich gefunden, dieses Leben abgelegt und entschieden, seinem Dasein Bedeutung einzuhauchen, schreibt Breivik in seinem Manifest weiter. Er wolle sich zum selbstlosen Kreuzritter machen, der die Gesellschaft vor sich selbst beschützt.

Das Nato-Bombardement auf Serbien 1999 habe «den Ausschlag gegeben» zu seiner Leidenschaft für seine eigene Kultur, da er mit dem serbischen Vorgehen gegen die albanischen Muslime im Kosovo sympathisiert habe, erklärt Breivik in dem Traktat. Ein Jahr später habe er realisiert, dass das, was er «Islamisierung Europas» nannte, nicht mit friedlichen Mitteln aufzuhalten sei.

Breivik machte Muslime und Marxisten dafür verantwortlich, Europa angeblich kulturell zu unterwandern. Von September 2009 bis Oktober 2010 schrieb Breivik mehr als 70 Einträge auf Dokument.no, einer norwegischen Website mit kritischen Beiträgen zum Islam und zu Immigration.

«Viel gelesen, aber nicht wirklich verdaut»
Im Dezember 2009 tauchte Breivik bei einem Treffen auf, das von Mitarbeitern der Website organisiert wurde. «Er war ein bisschen seltsam. Wie man aus seinen Beiträgen ersehen konnte, hatte er offensichtlich viel gelesen, es aber nicht wirklich verdaut», sagte Hans Rustad, Herausgeber der Internetseite.

Seine Erziehung in einem Mittelklasse-Haushalt bezeichnete Breivik selbst als privilegiert, auch wenn sich seine Eltern scheiden liessen, als er ein Jahr alt war, und er als Jugendlicher den Kontakt zu seinem Vater verlor. Die Eltern trennten sich, als die Familie in London lebte, wo der Vater in den 1970er Jahren als Diplomat für die norwegische Botschaft arbeitete.

Beide Elternteile hätten die norwegische Arbeiterpartei unterstützt, erklärte Breivik. Diese betrachtete der Sohn als von Marxisten infiltriert - und nahm sie schliesslich als selbst ernannter Kreuzritter bei ihrem Jugendlager auf Utoya mit verheerender Konsequenz ins Visier.

Nun wird Breivik sein Leben im Gefängnis Ila am Rande von Oslo fristen. Er dürfte sich als politischer Gefangener sehen, der für seine Überzeugung hinter Gitter muss. Während des Prozesses konnte er sich noch einmal als jener edle Kreuzritter inszenieren, als der er sich selbst sieht. Für die Opfer hingegen ist er ein feiger Mörder, der nun seine gerechte Strafe erhalten hat. (sda)