US-Wahlen
Der Lack des mächtigsten Mannes der Welt ist ab

Das neue Buch von Bob Woodward über Präsident Barack Obama ist vernichtend. E szeichnet ein harsches Bild eiens Politikers, der zu sehr auf seine schönen Worte vertraut.

Renzo Ruf, Washington
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«Man kann Washington nicht von innen ändern. Man muss es von aussen ändern.»: Barack Obama im Oval Office. pete Souza/white house

«Man kann Washington nicht von innen ändern. Man muss es von aussen ändern.»: Barack Obama im Oval Office. pete Souza/white house

Mit entwaffnender Ehrlichkeit hat Barack Obama diese Woche eingeräumt, dass er eines seiner zentralen Wahlversprechen nicht gehalten hat: Es ist ihm in den fast vier Jahren im Weissen Haus nicht gelungen, die Gesprächskultur in der US-Hauptstadt zu verbessern. «Die wichtigste Lektion, die ich gelernt habe», sagte der Präsident am Donnerstag während eines Fernsehauftritts, «ist, dass man Washington nicht von innen ändern kann. Man muss es von aussen ändern.»

Das sind überraschende Worte für einen Politiker, der gemeinhin als der «mächtigste Mann der Welt» beschrieben wird. Wer sich allerdings das neuste Buch des Star-Journalisten Bob Woodward zu Gemüte führt, wird über Obamas Aussage nicht weiter erstaunt sein. Denn das 428 Seiten starke Werk zeigt bisweilen ausufernd auf, wie schlecht dem mitreissenden Wahlkämpfer Obama die Transformation zum geschickten Politiker und Verhandlungsführer gelungen ist. Treffend hat der langjährige Angestellte der «Washington Post» das Buch «The Price of Politics» benannt. Gemeint ist: «Der Preis, den man in der Politik bezahlen muss».

Dramatische Verhandlungen

Das Buch dreht sich um die Bestrebungen von Demokraten und Republikaner, den tiefroten Staatshaushalt der USA zu sanieren. Im Zentrum stehen dabei die dramatischen Tage im Sommer 2011, als die grösste Volkswirtschaft knapp an einem Staatsbankrott vorbeischrammt, weil sich die beiden Parteien lange nicht auf die Anhebung der Schuldengrenze einigen konnten. Seitenweise zitiert Woodward, der mit allen wichtigen Akteuren in Washington per Du ist, aus den Verhandlungen, in denen Obama mit hochrangigen Parlamentariern der Demokraten und Republikanern hinter verschlossenen Türen um Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen rang.

Das ist nicht neu: Im Nachgang zum Seilziehen im vorigen Sommer haben diverse Publikationen bereits ausgebreitet, woran ein umfassender Kompromiss zwischen Republikanern und Demokraten scheiterte. Woodward legt seinen Fokus deshalb auf Obama und dessen Verhandlungstaktik -- und äussert seine Enttäuschung über die mangelnde Führungskraft des Präsidenten. Der Star-Journalist schreibt dazu, mit Verweis auf Quellen im Umfeld von John Boehner, dem nominellen Anführer der Republikaner im Repräsentantenhaus: «Allein die Tatsache, dass Obama glaubte, dies könnte produktiv sein, war für Boehners Leute ein Zeichen dafür, dass der Präsident schlicht keine Ahnung hat, wie das Parlament funktioniert und wie Verhandlungen geführt werden.» Denn laut einer der goldenen Regeln in Washington verhandeln Führungskräfte nie direkt mit dem Präsidenten um Details. Vielmehr geben sie ihren Untergebenen einen Rahmen vor, der dann in zähen Sitzungen von Beratern und Experten mit Leben gefüllt wird.

Woodward zeichnet damit ein harsches Bild von Obama: Ein Politiker, der glaubt, mittels schöner Worte ein eingespieltes politisches System ändern zu können – und viel zu lange nicht registrierte, dass dieser Ansatz auch angesichts eines kompromisslosen Oppositionskurses der Republikaner nicht funktioniert.

Obamas grösstes Handicap

Detailliert zeigt der Journalist auf, dass sich letztlich die Unnahbarkeit und Arroganz des Demokraten als sein grösstes Handicap herausstellte. Obama weigerte sich von Beginn an, einflussreiche Figuren zu umgarnen, und persönliche Beziehungen mit
Boehner oder den führenden Demokraten im Repräsentantenhaus (Nancy Pelosi) und im Senat (Harry Reid) aufzubauen. Auch seine freundlichen Kontakte mit führenden Geschäftsleuten beschränkten sich auf ein absolutes Minimum. Für dieses Verhalten zahlte Obama im Hochsommer 2011, als er dringend auf Verbündete angewiesen war, einen hohen Preis.

Woodward nimmt zwar auch die Republikaner nicht von seiner Kritik aus – er beschreibt die Machtkämpfe zwischen Boehner und seiner Nummer zwei, Mehrheitsführer Eric Cantor, ebenfalls im Detail. Aber letztlich rüffelt der normalerweise unparteiische «Washington Post»-Journalist vor allem den Präsidenten, der während einer grossen Bewährungsprobe versagt habe.

Bob Woodward: The Price of Politics. New York: Simon & Schuster, 2012.428 Seiten. CHF 29.40.