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SPD-Veteran: «Wir müssen dahin gehen, wo es weht tut»

Henning Scherf ist der letzte Bremer Regierungschef, der seiner SPD Werte von mehr als 40 Prozent einbrachte. Nun droht die Partei ihre letzte Bastion zu verlieren. Besuch bei einem Genossen, der visionärer denkt als viele seiner Parteifreunde.
Christoph Reichmuth, Bremen
Der Bremer Altbürgermeister Henning Scherf (SPD) vor dem Eingang zum Bremer Rathaus. Bild: Imago

Der Bremer Altbürgermeister Henning Scherf (SPD) vor dem Eingang zum Bremer Rathaus. Bild: Imago

Henning Scherf, 80, erscheint mit leichter Verspätung zum Termin in der Bibliothek des Bremer Rathauses, eines der bedeutendsten Bauwerke der Gotik in ganz Europa. Durch die Fenster geht der Blick auf den mittelalterlichen Marktplatz, gegenüber der Bibliothek erhebt sich imposant der St.-Petri-Dom. Auf dem Tisch ist das Kännchen mit dem heissen Wasser bereit für den ehemaligen Bremer Stadtvater, der hier von 1995 bis 2005 das Sagen hatte. Scherf trinkt jeden Morgen heisses Wasser. Das hält ihn fit.

Das Interview sollte 30 Minuten dauern. Nach etwa zwei Stunden endet das Gespräch auch nur deshalb, weil Henning Scherf zum nächsten Termin aufbrechen muss. «Ich hoffe, Sie können was mit meinem Gerede anfangen», sagt er zum Abschied und lacht.

Zuversicht als Mittel gegen Angst und Schrecken

Scherf ist ein Riese, nicht nur wegen seiner Körpergrösse von 2,04 Metern. Der 80-jährige ist auch politisch ein Gigant. Jedenfalls für seine SPD, die bundesweit taumelt. Der Jurist ist der letzte Bremer Regierungschef, der seiner Partei Werte von über 40 Prozent beschert hatte – er schaffte Zugewinne auch dann, wenn im Bund die Genossen schrumpften. Alleine seines hohen Alters wegen steht Scherf auch für eine einstmals so stolze Bundes-SPD, die noch Leute wie Willy Brandt und Helmut Schmidt in ihren Reihen hatte.

Diese glorreichere Epoche hat er noch selbst erlebt und mitgestaltet, von 1984 bis 1999 gehörte er dem Bundesvorstand der SPD an. Die Zeiten haben gedreht, inzwischen ist Bremen so etwas wie die letzte Bastion der Genossen. Seit 1946 regieren die Sozialdemokraten ohne Unterbruch in der 0,5-Millionen-Metropole im hohen Norden, keine andere Partei kann eine derartige Konstanz in einem Bundesland oder Stadtstaat vorweisen, nicht einmal die CSU in Bayern. Nun werden die Bremer wieder zur Wahlurne gerufen, am 26. Mai. Zeitgleich mit den Europawahlen wird die Bremer Bürgschaft neu zusammengestellt.

Scherf ist ein besonnener Analytiker, ein Visionär, der den gesellschaftlichen Herausforderungen seinen ungebrochenen Optimismus entgegensetzt. Ein Mann mit Jahrgang 1938 hat stets die verheerende Deutsche Geschichte im Blick, wenn er über Politik sinniert. Die SPD brauche ein zukunftsgewandtes Gegenmodell zu Nationalismus und Ausgrenzung, zum gegenwärtigen «Krisengewurschtel» in Berlin, sinniert er. Zuversicht als Mittel gegen jene politischen Kräfte, die Angst und Schrecken verbreiten. Bisweilen klingt, was Scherf erzählt, wie die Utopie ­einer perfekten Gesellschaft, in der Ungerechtigkeit überwunden ist, in der alle den weiten Blick eines Hanseaten haben, in der die bunte Gesellschaft in Harmonie vereint ist: «Nach vorne schauen kann man nur, wenn man eine Perspektive hat und man den Menschen Zuversicht vermittelt auf das, was kommen wird», meint Scherf. «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht mit den Angstmachern in einen Wettlauf geraten.»

Scherfs Worte sind als Mahnung an die gesamte SPD zu verstehen. Das Erscheinungsbild der SPD Deutschland, die noch immer damit beschäftigt ist, ihre Vergangenheit der Schröder-Jahre aufzuarbeiten, gefällt Scherf nicht. Das klassische SPD-Milieu sei geschrumpft, in der Dienstleistungsgesellschaft seien neue Herausforderungen zutage getreten. «Wir müssen dahin gehen, wo es weht tut», bemüht Scherf, der grosse Fan von Werder Bremen, eine Floskel aus der Welt des Fussballs.

Ein Grüner Kanzler – «Kein Albtraum»

Normalerweise wäre die Wahl im kleinsten Bundesland national von begrenztem Interesse. Doch für die Genossen sieht es für Bremer Verhältnisse düster aus. Sie rutschen unter die 30-Prozent-Marke, rangieren in jüngsten Umfragen mit 25 Prozent sogar hinter der CDU. Die Sozialdemokraten könnten erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg die Macht in Bremen verlieren.

Das wäre nicht nur für die Bremer SPD eine mittlere Katastrophe, es wäre für die Bundes-SPD mit ihrer Parteichefin Andrea Nahles ein herber Dämpfer. Die 48-jährige Nahles ist kaum ein Jahr im Amt, doch der Druck auf sie wächst mit jeder schlechten Wahlumfrage, mit jeder Wahlniederlage. Und nach Wahlverlusten sowohl bei den Europawahlen als auch in Bremen sieht es düster aus für die im Bund laut Umfragen auf 16 Prozent zusammengeschrumpfte Partei. Als die Genossen 2005 eine Wahl in einer ihrer Herzkammern verloren hatten, in Nordrhein-Westfalen, verlor die Parteiführung um Gerhard Schröder die Nerven und rief nationale Neuwahlen aus. Nun könnte als letztes auch die rote Hochburg Bremen fallen – mit ungeahnten Folgen.

Die grosse Koalition in Berlin sei «durch kein Ereignis ge­fährdet», beteuert Parteichefin Andrea Nahles zwar. Doch in der Politik kann der Wind rasch ­drehen. Deutschland blickt am 26. Mai daher nicht nur nach Brüssel, sondern gebannt in die Hansestadt Bremen. Scherf glaubt nicht an ein Ende der grossen Koalition in Berlin, er glaubt auch nicht, dass die Genossen den Bürgermeister verlieren werden. Die Konstellation spricht für die SPD. Notfalls schmiedet sie mit Grünen und Linken ein Bündnis, um im Bremer Rathaus an der Macht zu bleiben. Und Kanzlerin Merkel, so schätzt es der Doyen der Bremer SPD ein, hält durch bis 2021.

Er hielte es auch für unklug, würde die Bundes-SPD die Regierung mit Blick auf die eigene Schwäche verlassen. Scherf sagt, seine Partei brauche Zeit, um bis 2021 eine Kandidatur für die Bundestagswahl aufbauen zu können. «Wir sind nicht gut aufgestellt im Augenblick», sagt Scherf. Der 1963 in die SPD eingetretene Scherf lässt keine Zweifel daran, dass er die amtierende Parteichefin Nahles nicht für die geeignete Kandidatin hält. «Unser Kandidat muss Zukunft ausstrahlen, Aufbruch vermitteln, neugierig machen.» Scherf sinniert über ein künftiges linkes Regierungsbündnis, auch im Bund: ein Bündnis aus Grünen, der SPD und der Linkspartei. «Ich würde eine solche Konstellation nicht ausschliessen», meint Scherf. Und formuliert ein Szenario, das kein Parteistratege im Willy-Brandt-Haus offen auszusprechen wagte: «Ich kann mir sogar vorstellen, dass die Grünen den Kanzler stellen. Eine solche Konstellation, die die SPD als Partner sieht, ist für mich kein Albtraum.»

Es ist klar, wen Scherf als möglichen Bundeskanzler in Betracht zieht: den populären Grünen-Chef Robert Habeck. Doch lieber träumt Scherf von einem sozialdemokratischen Kanzler, einer SPD-Kanzlerin. «Eine Mischung aus Emmanuel Macron, Barack Obama und Justin Trudeau ist es, was wir in unserem Land auch bräuchten», meint Scherf. «Dann müsste diese Person noch weiblich sein. Das würde mir grosse Freude machen.» Nur, wer könnte für die Genossen diese Rolle übernehmen? Ein Mann vom Schlage eines Henning Scherf könnten die Sozialdemokraten von heute gut gebrauchen.

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