Der Mann, der die Welt verpackte: Verhüllungskünstler Christo ist tot

Der Künstler Christo, der vor 25 Jahren auch das Reichstagsgebäude in Berlin verhüllte, ist tot. Er starb in New York im Alter von 84 Jahren, wie auf seiner Website mitgeteilt wurde und sein Büro am Sonntagabend der Deutschen Presse-Agentur bestätigte.

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Der Mann, der die Welt verpackte: Der gebürtige Bulgarier Christo verstarb im Alter von 84 Jahren.

Der Mann, der die Welt verpackte: Der gebürtige Bulgarier Christo verstarb im Alter von 84 Jahren.

Karl Mathis / EPA
(dpa)

Wer glaubte, dass Christo in seinem silbern verpackten Berliner Reichstag oder seinen leuchtend gelben, schwimmenden Stegen auf einem See in Italien irgendeine tiefere Bedeutung sah, der irrte. «Es ist total irrational und sinnlos», sagte der bulgarisch-amerikanischer Verpackungskünstler 2014 über seine Arbeiten. Doch die Schönheit seiner in abstrakte Objekte verwandelten Gebäude und Landschaften faszinierte Millionen. Nun ist Christo am Sonntag im Alter von 84 Jahren in New York gestorben.

Die noch nicht ganz vollendete Installation «Umgebene Inseln» Christos in Miami im Mai 1983.

Die noch nicht ganz vollendete Installation «Umgebene Inseln» Christos in Miami im Mai 1983.

Bild. Kathy Willens / AP

Stets war es ein Spiel aus Form und Farbe, wenn der am 13. Juni 1935 als Christo Vladimiroff Javacheff im bulgarischen Gabrovo geborene Künstler wieder ein Stück Welt mit Kunststoffbahnen überzog.

Zu den berühmtesten seiner weltweit realisierten Projekte zählten die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park («The Gates»), die schwimmende, mit Nylongewebe bezogene Stege auf dem Wasser des Iseo-Sees in der Lombardei («Floating Piers») sowie der 1995 verhüllte Berliner Reichstag und die verpackte Pont Neuf in Paris.

Zu Christos berühmtesten realisierten Projekten zählten die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park («The Gates»).
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Christo auf seiner Installation The Floating Piers auf dem Iseo-See im Norden Italiens, Juni 2016.
Die Installation «The Floating Piers» von 2016 in Italien.
1995 verpackte Christo den Reichstag in Berlin.
Christo und seine Frau Jeane-Claude verpackten auch die Schweiz: Hier ein paar Bäume des Berower Park in Riehen BS.

Zu Christos berühmtesten realisierten Projekten zählten die safranfarbenen Tore im New Yorker Central Park («The Gates»).

KEYSTONE/EPA/KEITH BEDFORD

Christo und Frau Jeanne-Claude waren ein Duo

Die teils aus vielen Kilometern Entfernung sichtbaren Installationen, etwa der «Valley Curtain» in Colorado oder gelben und blauen Riesen-Sonnenschirme in Japan und Kalifornien («The Umbrellas»), entstanden bald nur noch im Team. Mit seiner Frau Jeanne-Claude, mit der er seit den 90er Jahren stets als Duo auftrat, kämpfte Christo von ersten Plänen bis zur Realisierung eines Projekts teils mehrere Jahrzehnte. Die aus Casablanca in Marokko stammende und am selben Tag wie Christo geborene Jeanne-Claude war 2009 im Alter von 74 Jahren in New York an einer Hirnblutung gestorben.

«Jeanne-Claude und ich, wir machen diese Dinge für uns selbst», gab der Künstler mit dem weissen Kraushaar zu verstehen. «Wenn es jemand mag, ist es nur ein Bonus. Wir machen Dinge, die uns visuell gefallen.» Der Weg sei dabei das Ziel: «Diese Projekte bringen uns an Orte, die so viel reicher sind als die Kunstwelt oder die Galerie oder das Museum. Wir können mit vielen verschiedenen Menschen arbeiten. Es ist ein Abenteuer und sehr aufregend und töricht.»

Christo und seine Frau Jeanne-Claude bei der Eröffnung der Installation «The Gates» im New Yorker Central Park 2005.

Christo und seine Frau Jeanne-Claude bei der Eröffnung der Installation «The Gates» im New Yorker Central Park 2005.

Richard Drew / AP

Die Ehe der beiden war auch eine aus Sozialismus und Kapitalismus: Der in Bulgarien marxistisch geschulte Christo, der weder Gelder von Sponsoren noch staatliche Subventionen akzeptierte, konnte die kostenlose Kunst für Millionen erst durch den Unternehmergeist seiner Frau verwirklichen. 2005 lehnten sie das Kaufangebot eines Finanziers über 50 Millionen Dollar für die 7500 orangefarbenen Tore und Stoffe aus dem Central Park ab. Christo soll auf das Angebot gesagt haben:

«Ich würde sie auch für 100 Millionen nicht verkaufen.»

Deshalb und auch wegen der über Kilometer sichtbaren, visuellen Durchschlagskraft der Werke begeisterte das Paar. Unvergessen ist in Deutschland vor allem der in silberne Stoffbahnen verhüllte, mit blauen Seilen verschnürte Berliner Reichstag. Das Spektakel über zwei Wochen im Jahr 1995 sei nicht weniger gewesen als ein nachgeholtes Sommerfest zum Mauerfall, erinnerte sich Rüdiger Schaper vom Berliner «Tagesspiegel» zum 20. Jubiläum. Mit einem als «Big Air Package» getauften Luftpaket im Gasometer Oberhausen verwirklichte Christo im Jahr 2013 ein Projekt erstmals ohne seine Frau.

Protest gegen Trump

Die finanzielle Unabhängigkeit verschaffte Christo viel Freiraum in seinen jahrelangen Bemühungen, ein Projekt teils gegen Widerstand von Umweltschützern und trotz Auflagen von Baubehörden umzusetzen. So gab er 2017 im offenen Protest gegen US-Präsident Donald Trump die Arbeit «Over The River» im Staat Colorado auf, in das er über 20 Jahre rund 15 Millionen Dollar investiert hatte. Das Terrain am Arkansas River hätte er von der US-Regierung unter Trump mieten müssen.

Die Vergänglichkeit der temporären Grossinstallationen erinnerte stets auch an die Flüchtigkeit des Lebens selbst. «Es ist irgendwie naiv und arrogant, zu glauben, dass dieses Ding für immer bleibt, für die Ewigkeit», bemerkte Christo zur Zeit der Reichstagsverhüllung.

Leuchtende Kunststoffflächen, Bauwerke und Landstriche, wie zu überdimensionalen Geschenken oder Paketsendungen verpackt - faszinierende Bilder werden von Christos Arbeit in Erinnerung bleiben. Das heute fast keine mehr davon zu sehen ist, dürfte ihre Pracht nur verstärkt haben. «All diese Projekte haben eine starke Dimension des Fehlens, der Zurückhaltung», sagte Christo zur Reichstagsverhüllung.

«Sie werden verschwinden, wie unsere Kindheit, unser Leben.»

Erst das mache die Erfahrung so intensiv.

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Der Künstler Christo hat im Londoner Hyde Park sein erstes grosses Aussenprojekt in Grossbritannien vorgestellt: Mitten auf der Serpentine, einem künstlichen See im zentralen Hyde Park, schwimmt «The Mastaba» - eine gigantische Skulptur aus 7506 gestapelten Ölfässern.