Der milde Winter passt den Mäusen – Ernteausfälle sind vorprogrammiert

Die Mäusepopulationen sind im Vergleich zum Vorjahr fast überall im Kanton Luzern angestiegen. Im Entlebuch befinden sich die Bestände sogar in der Massenvermehrungsphase. Den Bauern bleibt nichts anders übrig, als auf einen Zusammenbruch der Population zu warten.

Julian Spörri
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Das Bejagen der Mäuse durch herkömmliche Fallen reicht oftmals nicht aus, um sich gegen eine Plage zu wehren.

Das Bejagen der Mäuse durch herkömmliche Fallen reicht oftmals nicht aus, um sich gegen eine Plage zu wehren.

Symbolbild: Urs Flüeler(Keystone

Im Kanton Luzern legen die Schermauspopulationen weiter zu. Dies geht aus einer Erhebung von Agroscope und der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaus (AGFF) hervor, welche jedes Frühjahr die Dichte der Mäusepopulationen an rund 50 Standorten in der Deutschschweiz messen. An den Stationen Alberswil, Ebnet (Entlebuch), Eschenbach, Escholzmatt und Malters sind die Bestände im Vergleich zum Vorjahr gewachsen. Einzig auf der östlichen Seite des Luzerner Mittellandbeckens, am Standort Retschwil (Hitzkirch), entspannt sich die Situation etwas.

Die grösste Dichte gibt es derzeit in Ebnet mit zirka 225 Mäusen pro Hektare, gefolgt von Malters mit deren 200. Flächen mit zwischen 200 und 300 Mäusen pro Hektare teilt die AGFF in die Klasse «beinahe Totalschaden» ein, alles darüber wird unter «Totalschaden» aufgeführt. In diesem Fall ist die Wiese vollkommen sanierungsbedürftig mit mindestens 50 Prozent braunen Lücken im Pflanzenbestand. 

Winter war über drei Grad zu warm

Unweigerlich drängt sich die Frage auf, ob die steigenden Mäusezahlen mit dem milden Winter zu tun haben, der in Luzern der wärmste seit Messbeginn ist. Gemäss Meteo Schweiz lagen die Temperaturen um 3,1 Grad über dem Durchschnitt der Jahre 1981 - 2010.

Cornel Stutz, zuständig für das Schermausradar bei Agroscope, betont, dass die Sterblichkeitsrate der Mäuse im Winter auch bei kalten Temperaturen gering sei. «Entscheidend ist aber, dass die Reproduktion gedrosselt oder gar eingestellt wird. Der milde Winter spielt den Nagern in die Hände, weil sie früher als sonst mit der Vermehrung beginnen können.» Ein Mäuse-Weibchen bringt gewöhnlich bis zu fünf Würfe mit zwei bis acht Jungen zur Welt. Diese sind bereits nach fünf Wochen geschlechtsreif. Dadurch können ein bis zwei zusätzlich Würfe pro Jahr zu einer Verdoppelung der Schermauspopulation führen. Stutz führt aus: «Einer im Herbst bereits mittelgrossen Schermauspopulation kann ein milder Winter dazu verhelfen, im Frühling in die Massenvermehrungsphase überzugehen.» Im Kanton Luzern ist eine solche derzeit im Entlebuch im Gange.

Im Zusammenhang mit den letzten Jahren gibt beim Luzerner Bäuerinnen und Bauernverband (LBV) eine weitere Entwicklung Anlass zur Sorge: «Die Mäusepopulationen zeigen zwar von Jahr zu Jahr natürliche Schwankungen. Man kann aber feststellen, dass die Zyklen kürzer geworden sind und die Peaks immer näher nebeneinander liegen», sagt Stefan Heller, Geschäftsführer des LBV. «Ich vermute, dass dies auch an den wärmeren Wintertemperaturen liegt.»

Ein milder Winter hat zwar auch seine positiven Seiten, weil die Gräser besser wachsen und die Winterfütterungszeit kürzer wird. «Die Fütterungskosten im Stall sind dreimal grösser als jene auf der Wiese», bestätigt Heller. «Davon zu schliessen, dass uns der Klimawandel nützt, wäre aber verwegen. Schliesslich überwintern nicht nur die Mäuse besser, sondern auch Schädlinge, die ebenfalls grosse Ernteausfällen verursachen.»

Bekämpfung lohnt sich aus wirtschaftlicher Sicht nicht

Für die Bauern bleibt nichts anders übrig, als auf einen Zusammenbruch der Mäusepopulation zu warten. An allen Luzerner Messstationen wird der kritische Schwellenwert von rund 40 Mäusen pro Hektare überschritten. Ab diesem lohnt sich die Bekämpfung mit herkömmlichen Methoden wie Fallen oder der Vergasung mit Kohlenmonoxid nicht mehr. «Der Zeitaufwand ist zu gross und mit der nächsten Generation Jungtiere werden die leergemausten Flächen gleich wieder von Neuem besiedelt», sagt Cornel Stutz. Nur bei besonders wertvollen Flächen, wie etwa einer Obstanlage, könne eine direkte Bekämpfung allenfalls Sinn machen. Die Ertragsausfälle und Sanierungsmassnahmen in der Höhe von mehreren hundert Franken pro Hektare tragen die Landwirte selber. Eine Versicherung gegen Mäuseschäden ist Stutz nicht bekannt.

Stefan Heller sagt, dass für die Luzerner Bauern die Förderung der natürlichen Feinde im Zentrum stehe. Dazu gehört beispielsweise das Hermelin, welches direkt in die Gänge geht und die Mäuse frisst. Aber auch Greifvögel, Füchse, Eulen und Wildkatzen helfen, den Mäusebestand zu senken.

Ab 2021 ist Entspannung in Sicht 

Angesichts des Klimawandels ist auch zukünftig mit milderen Wintern zur rechnen. Stutz schliesst aber aus, dass die Mäusebestände deshalb auf einem konstant hohen Niveau verharren werden: «Die Populationen brechen alle fünf bis sieben Jahre zusammen. Der Hauptauslöser dafür ist wahrscheinlich ein Dichtestress. Wenn zu viele Nager auf einer Fläche vorhanden sind, gehen sie aufeinander los und verteidigen ihren Bau.» Seit dem Tiefpunkt im Jahr 2016 sind die Bestände im Kanton Luzern am wachsen. Laut Stutz dürfte sich in Anbetracht der zyklischen Verhaltensweise ab 2021 ein Populationsrückgang abzeichnen.

Ungewöhnliche Vögel sind zu beobachten

Bei der Schweizerischen Vogelwarte Sempach häufen sich diesen Winter Beobachtungen von Vogelarten, welche normalerweise in den Süden ziehen. Gemäss Mediensprecher Michael Schaad wurden beispielsweise im Kanton Luzern viele Schwarzkehlchen in der Wauwilerebene und bei Sursee gesichtet. Schweizweit gesehen waren bei dieser Art im aktuellen Winter Höchstzahlen zu verzeichnen. Ebenfalls sei eine starke Präsenz von Staren im Mittelland zu beobachten. Schaad erklärt: «Die Kurzstreckenzieher können flexibler auf das Klima reagieren und in einem milden Winter in der Schweiz verbleiben. Im Unterschied dazu ist dies bei Langstreckenziehern wie den Rauchschwalben nicht der Fall, weil sie bereits Ende Sommer in afrikanische Winterquartiere fliegen.»

Gleichzeitig ist feststellbar, dass gewisse Vögel aus dem Norden fehlen. So überwintern weniger Schellenten oder Sturmmöwen in der Schweiz. «Es handelt sich um Arten, die früher aus Nordosteuropa zu uns kamen, weil hier die Gewässer im Winter nicht zufrieren», sagt Schaad. «Nun finden diese Arten dank höherer Temperaturen auch weiter nördlich genug Nahrung zum Überwintern.» (jus)

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