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Der Mythos der Mauer

«Mauer» ruft die Vorstellung einer Wehranlage hervor. Ein Blick zurück zeigt aber: Meist dienten die Bauwerke anderen Zwecken.
Christoph Bopp
Die Chinesische Mauer soll zur Abwehr von Nomadenstämmen gebaut worden sein. Bild: Andy Wong/AP (Peking, 16. September 2018)

Die Chinesische Mauer soll zur Abwehr von Nomadenstämmen gebaut worden sein. Bild: Andy Wong/AP (Peking, 16. September 2018)

Die am Öl reich gewordenen Wüstensöhne in Dubai bauen Türme. Donald Trump baut eine Mauer. Mehr als Paläste oder Tempel und Kirchen taugen Türme und Mauern dazu, ­einen Superlativ für sich zu reklamieren. Das grösste Bauwerk der Welt? Der Mythos sagt: der Turm zu Babel. Und die Geschichte sagt: die Grosse Mauer in China.

Franz Kafka hat in einem Text («Beim Bau der Chinesischen Mauer») die beiden Bauvorhaben miteinander in Verbindung gebracht. Mit zwei interessanten Ideen: Die eine war, dass die Mauer vielleicht als Fundament gedacht werden könnte für einen neuen Turm zu Babel, der dann wirklich vollendet werden könnte. Die andere Idee ist etwas komplizierter. Sie ging dahin, dass die Grosse Mauer vielleicht – wer sollte denn das wissen? – nur ein Stückwerk war, unvollendet, denn man musste sie ja an vielen Orten beginnen, weil der Mensch es nicht erträgt, an einem Bauwerk zu arbeiten, von dem er nur weiss, dass er dessen Vollendung weder erleben noch sich vorstellen kann. Wie kann denn, was den «im Abglanz der göttlichen Mächte Pläne zeichnenden Händen der Führerschaft» entstammt, unvollkommen sein? Natürlich, fährt Kafka fort, wäre es für die Führerschaft ein Leichtes, diesen Eindruck nicht aufkommen zu lassen. Also müsse man annehmen, dass die Unvollkommenheit gewollt war. «Sonderbare Folgerung!» ruft Kafkas Erzähler aus. Und doch entspreche er einem vernünftigen Grundsatz: Man solle mit allen Kräften versuchen, die Pläne der Führerschaft zu verstehen. Aber nur bis zu einem gewissen Grad. Und dann mit Denken aufhören.

Donald Trump hat – vielleicht sogar bewusst – mit seinem Mauerprojekt auch die Verbindung zweier weit auseinanderliegender Ideen vollbracht. Er befeuert den Mythos der «Grossen Mauer»: die prinzipielle Nicht-Vollendung – und befriedigt gleichzeitig den Wunsch nach der einfachsten aller Lösungen: Lasst uns eine Mauer bauen, damit die bösen Menschen draussen bleiben.

In den Schulbüchern steht, die Chinesische Mauer habe der Abwehr von Nomadenstämmen gedient. Gegen die beweglichen Reiterheere, die überall auftauchen können, eine kilometerlange Mauer zu errichten? Also ist der Gedanke plausibler, die Mauer eher im symbolischen Sinn zu sehen. Sie trennt die sesshaften Han-Chinesen, welche ihre Äcker bebauen, von den umherschweifenden Hirten und Nomaden und markiert damit eine Kulturgrenze. So leben wir hier, und so leben sie draussen.

Beim anderen grossen Grenzprojekt der Vergangenheit, der Limes-Befestigungen der Römer, liegt der Fall ein bisschen anders. Caesar eroberte Gallien und seine Nachfolger den Rest der Welt. Die Nordgrenze des Römischen Reiches an die Elbe zu legen, das mussten sie allerdings aufgeben. Während des Prinzipats von Kaiser Hadrian (117-138) wurde das Ende des römischen Expansionsdrangs sichtbar: Die Grenze wurde markiert und befestigt.

Der Limes war aber nicht nur als Wehranlage konzipiert. Sondern er diente als Steuerungsinstrument für Verkehr, Handel und Einwanderung. Von ihm aus betrieben die dort stationierten Truppen auch eine weitreichende Vorfeldaufklärung. Der Limes bestand aus einer Linie von Wachttürmen, später mit Palisaden oder Mauern verbunden. Dahinter lagen Kastelle, Stützpunkte für Legionäre, Hilfstruppen und vor allem für Reiter­abteilungen.

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