Der neue Kalte Krieg: Washington und Peking streiten über die «Labortheorie» – unter anderem mit Lego-Videos

China und die USA schieben sich gegenseitig die Schuld an der Krise zu. Ein neues Geheimpapier verschärft die Situation jetzt zusätzlich.

Fabian Hock und Samuel Schumacher
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Im November 2017 schritten Donald Trump und Xi Jinping in Peking noch gemeinsam über den roten Teppich. Damit ists jetzt vorbei.

Im November 2017 schritten Donald Trump und Xi Jinping in Peking noch gemeinsam über den roten Teppich. Damit ists jetzt vorbei.

Bild: EPA

250'000 Menschenleben hat die Coronapandemie weltweit bereits gefordert – und die Spannung zwischen China und Amerika stark erhöht. Beobachter fürchten einen neuen Kalten Krieg. Am Wochenende spitzte sich der Konflikt zwischen den beiden grössten Volkswirtschaften der Welt nochmals zu. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wieso wachsen die Spannungen zwischen China und den USA?

Weil beide Seiten einander die Schuld für die Coronakrise in die Schuhe schieben wollen. US-Präsident Donald Trump sagte am Sonntag auf Fox News, China habe einen «schrecklichen Fehler» gemacht und versuche jetzt, alles zu vertuschen. Zwei neue Untersuchungen heizen den Konflikt weiter an. Das amerikanische Heimatschutzministerium behauptet, China habe die Coronagefahr bewusst heruntergespielt, um Schutzmasken horten zu können.

China kontert die amerikanischen Vorwürfe mit Legomännchen. In einem jüngst verbreiteten animierten Video der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua stehen sich ein vorbildlich mit Maske geschützter chinesischer Krieger und eine am Tropf hängende amerikanische Freiheitsstatue gegenüber. Knapp zwei Minuten lang entlarvt die chinesische Figur darin das stümperhafte Vorgehen der Amerikaner, während China doch alles unternommen habe, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen.

Das jüngste Futter für den Konflikt lieferte aber die Geheimdienstallianz «Five Eyes», zu der neben den US-Geheimdiensten auch jene von Kanada, Australien, Grossbritannien und Neuseeland gehören. Sie hat in einem Geheimpapier ein vernichtendes Urteil über Chinas Coronapolitik gefällt.

Was steht im Papier der «Five Eyes»-Geheimdienste?

Die australische Zeitung «Saturday Telegraph» hat Auszüge aus dem 15-seitigen Dossier veröffentlicht. Es hält fest, China habe die Gefahr lange vertuscht und damit die ganze Welt in Gefahr gebracht. Peking habe einen «Anschlag auf die internationale Transparenz» verübt, der Zehntausende Menschenleben gefordert habe.

Die Warnungen der Mediziner aus Wuhan habe man unterdrückt. China habe wichtige Virusproben vernichtet und lange bestritten, dass Mensch-zu- Mensch-Ansteckungen möglich seien.

Was ist dran an der Theorie, dass das Virus aus einem Labor in Wuhan entwichen ist?

Sogar US-Präsident Donald Trump stützt die Theorie. Die «Five Eyes»-Geheimdienste kommen allerdings – wie auch die meisten Wissenschafter – zum Schluss, dass das Virus nicht menschgemacht sei und mit grosser Wahrscheinlichkeit auf einem Markt von einem Tier auf den Menschen übergesprungen sei.

Trotzdem behauptete auch der US-Aussenminister Mike Pompeo am Sonntag in einem Interview mit dem Fernsehsender ABC, man habe «eine bedeutende Anzahl Belege» für die Labortheorie. China verhindert bislang eine internationale Untersuchung vor Ort.

Wieso verbreitet die US-Regierung diese Theorie?

Der Zusammenbruch der US-Wirtschaft (mehr als 30 Millionen Amerikaner haben seit Mitte März ihren Job verloren) raubt Trump seine Wiederwahl-Botschaft, Amerika «wieder grossartig» gemacht zu haben. Die Plattform Politico schreibt, Trumps Beraterteam fokussiere deshalb voll auf das Feindbild China.

Letztlich werde es im Wahlkampf nur darum gehen, wer härter mit China umspringe. Trumps Team hat bereits vorgesorgt und mit Blick auf den demokratischen Herausforderer Joe Biden den Spitznamen «Beijing Biden» in Umlauf gebracht.

Kommt es jetzt zu einem militärischen Konflikt?

Eine direkte militärische Konfrontation ist unwahrscheinlich. Dennoch wird der Ton rauer. Während US-Präsident Trump in den ersten Monaten der Pandemie noch schwankte und China mal einen «ausgezeichneten Job» bei der Eindämmung des Virus attestierte, dann wieder vom «chinesischen Virus» sprach, scheint seine Position nun klar: Peking trägt die Verantwortung.

Die chinesische Propaganda kontert. Auch wenn die Waffen weiter schweigen dürften, warnen Beobachter vor einem neuen Kalten Krieg.

Welche Konsequenzen hätte dieser neue Kalte Krieg?

Der nächste Schritt der Amerikaner im Konflikt mit China dürfte wirtschaftlicher Natur sein. Die Trump-Regierung treibt bereits eine Initiative voran, um globale industrielle Lieferketten aus China zu entfernen. Mit neuen Zöllen soll Peking bestraft werden.

Eine Wiederbelebung des Handelsstreits dürfte die von der Coronakrise infizierte Weltwirtschaft weiter schwächen. Einen Vorgeschmack lieferte bereits der Börsenauftakt am Montag: In Asien und Europa rutschten die Indizes bis zu vier Prozent ab, in den USA knapp ein Prozent.

Verhindern die neuen Spannungen, dass die Supermächte zusammenarbeiten und so möglichst schnell einen Impfstoff finden können?

Zwischen den USA und China ist ein Wettlauf entstanden, wer das Wundermittel als Erstes findet. Mediziner arbeiten an unterschiedlichen Ansätzen eines Impfstoffes. Welcher letztendlich erfolgreich ist, weiss noch niemand. Daher wäre internationale Kooperation besonders wertvoll. US-Präsident Trump hat jedoch bereits vor Ausbruch der Pandemie zahlreiche Forschungskooperationen mit China zerschlagen.

Auch in den eigenen Behörden dünnte Trump die Expertengruppen für Pandemien aus. Der Zahlungsstopp an die Weltgesundheitsorganisation WHO ist– trotz der berechtigten Kritik an der China-Nähe der Behörde– bei der Suche nach einem Impfstoff ebenfalls nicht hilfreich. Unter der Obhut doch WHO laufen wichtige Medikamentenstudien. Trotzdem gibt es Grund zum Optimismus, denn die Zusammenarbeit zwischen Amerika und China liegt nicht komplett auf Eis.

Kooperationen zwischen internationalen wissenschaftlichen Hochleistungsteams und chinesischen Virologen seien bereits angelaufen, erklärte der China-Experte Sebastian Heilmann kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung. Und weiter: «Anders als in den politischen Beziehungen wird in der Wissenschaft die internationale Zusammenarbeit durch globale Krisen gestärkt – wenn man die Wissenschafter machen lässt.»