Papst Franziskus
«Der neue Papst sollte den kreativen Dialog führen»

Wie kam die katholische Kirche zu ihrem ersten Papst? Und wie gross war seine Macht im Mittelalter wirklich? Professor für Kirchengeschichte Markus Ries zeigt, wie sich das Papsttum über die Jahrhunderte entwickelt hat.

Christoph Bopp
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Bilder zum neuen Papst Jorge Mario Bergoglio
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Der alte und der neue Papst: Am 13. Januar 2007 trafen sich Benedikt XVI. sowie der neue Papst Franziskus I., Jorge Mario Bergoglio, zu einem Gespräch
Bergoglio verlässt am 11. März 2013 die Synode im Vatikan
Bergoglio ebenfalls beim Verlassen der Synode im Vatikan am 07. März 2013
Jorge Bergoglio geniesst im Jahr 2009 als Kardinal in Argentinien ein Bad in der Menge
Jorge Mario Bergoglio im Jahr 2000 als Kardinal
Papst Jorge Mario Bergoglio vor einem Monat in der Heimat in Buenos Aires, Argentinien

Bilder zum neuen Papst Jorge Mario Bergoglio

Keystone

Herr Professor Ries, der Papst gilt offiziell als «Nachfolger von Petrus». Man beruft sich dabei auf Matthäus 16, 18, wo Jesus zu seinem Jünger, dem Fischer Simon, sagt: «Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, ...» Wie ist der Zusammenhang mit der Entstehung des Papsttums und dieser Stelle? Hat man da nachträglich einen Konnex hergestellt?

Markus Ries: Natürlich nimmt man immer Bezug auf diese Bibelstelle, aber wie man sie interpretieren muss, da ist man sich nicht immer einig. Zugespitzt gesagt: Petrus selbst wusste sicher nicht, dass er der Papst ist.

Markus Ries ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern.

Markus Ries ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern.

Keystone

Immerhin wurde er ja praktisch von Jesus inthronisiert ...

Petrus spielte in der frühen Gemeinde in Jerusalem eine wichtige Rolle. Und man schrieb ihm auch eine wichtige Rolle in der Missionstätigkeit zu. Die grossen Christengemeinden hielten sein Andenken in Erinnerung und standen zu ihm in Beziehung.

Und am Schluss landete er in Rom?

Dass er in Rom war und in der Gemeinde dort auch geachtet wurde, darf man als gesichert annehmen. Die Verehrung seines Grabes ist seit Mitte des ersten Jahrhunderts zuverlässig bezeugt. Und es gab keine Diskussionen, dass es sich wirklich um das Grab des Petrus handelt.

Wie ist es dazu gekommen, dass Rom die Führerrolle in der katholischen Welt beansprucht hat?

Ausschlaggebend war die politische Bedeutung: Die Musik - kulturell und politisch - im Römischen Reich spielte in Rom. Darum, sagte die römische Gemeinde, sind wir die wichtigste Gemeinde der Christenheit.

Aber hat nicht Papst Leo I. (von 440 bis 461) auch in theologischen Dingen den Primat beansprucht?

Das stimmt. Leo I. griff in die theologischen Streitereien der Zeit entschieden ein und wandte sich auch gegen abweichende Richtungen. Er berief sich auf seine Person und löste damit das Amt von der Gemeinde. Das muss man sich aber im Zusammenhang denken mit der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Realität. Etwa wie wenn auf einmal die Stadtpräsidentin von Zürich - als wichtigste Stadt der Schweiz - in anderen Städten auch den Ton angeben würde.

Der weltliche Herrschaftsanspruch des Papstes wurde zurückgestutzt.

Im Mittelalter war der Papst ein Machtfaktor - mit allen Vor- und Nachteilen, wenn man an der Macht partizipiert. Etwa so, wie die Chefs grosser Konzerne heute auch ein Machtfaktor sind. Andererseits darf man es nicht vergleichen: Im Mittelalter war die Kirche ganz anders in die Machtstruktur eingegliedert. Der Fürstabt von St. Gallen zum Beispiel hatte eine Doppelfunktion: eine geistliche und eine weltliche - er war Landesherr im Fürstenland. Auch Bischöfe hatten eigene Territorien.

Die Reformation war in einem gewissen Sinne eine Auflehnung gegen das Papsttum ...

... und gleichzeitig der finale Aufstieg des Papstes.

Eine eher überraschende Aussage.

Nur auf den ersten Blick. Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn alle Kritiker aus einer Organisation austreten - dann tritt diese Organisation in sich viel geschlossener auf.

Das 19. Jahrhundert war für die Entwicklung des modernen Papsttums entscheidend?

Ja, nach der Französischen Revolution setzt ein, was Kirchengeschichtler «Verkirchlichung» nennen. Der Papst und andere Würdenträger verlieren an weltlicher Macht, werden innerhalb der Kirche aber «überhöht». Der Papst gewinnt an affektiver Zuwendung, die Gläubigen entwickeln eine persönliche Bindung zum Papst. Das zeigt sich in Bildern, Massenwallfahrten nach Rom und dergleichen.

Schöne neue Medienwelt?

Nicht nur. Das 19. Jahrhundert war ja auch bereits ein Jahrhundert der Globalisierung. Das gilt auch für die Kirche. Überall auf der Welt werden neue Bistümer gegründet. Und die sind natürlich nach Rom ausgerichtet, gewissermassen Filialen Roms. Der Primat Roms ist seither unbestritten.

Und das hat der katholischen Kirche nicht unbedingt nur gutgetan.

Das stimmt. Die Kirche hat sich in der Folge als eine Art «Gegengesellschaft» inszeniert. Seit dem Ersten Weltkrieg ist das zu beobachten: Wir sind anders, wir sind kulturkritisch, kulturpessimistisch, wir haben andere Massstäbe. Johannes XXIII. - obwohl von der Herkunft her «alte Schule» - hat dann gesehen, dass das keine Zukunft sein kann. Die Kirche muss den Dialog mit der Welt aufnehmen.

Benedikt XVI. hat das Zweite Vatikanische Konzil allerdings relativiert.

Er hat betont, dass es eine organische Weiterentwicklung der Kirche gewesen sei. Vorstellungen, da sei quasi «ein Schalter umgelegt worden», seien falsch. Aber wenn ich schaue, wie es bei den Leuten gewirkt hat, glaube ich doch, dass das Konzil in den Erwartungen und in den Köpfen der Leute viel bewirkt hat. Auch wenn man das in den offiziellen Protokollen nicht nachlesen kann.

Wie muss sich ein Papst positionieren, der vor einem weitgehend säkularen Europa steht, während die Mehrheit der Katholiken in Südamerika oder anderswo lebt?

Das ist tatsächlich ein Problem, das der neue Papst haben wird. Woran wird er sich orientieren? Wenn er sich nach den aktivsten Regionen des Katholizismus richtet, dort, wo die meisten Katholiken leben, dann muss er sich nach Südamerika orientieren. Wenn er es aber als Errungenschaft betrachtet, dass die Kirche eine kulturelle Bedeutung hat und in der Welt mitredet, anstatt ihr nachzurennen, dann muss er diesen kreativen Dialog eben auch führen. Und der findet eher in Europa statt.

Wie wird er sich entscheiden?

Schwer zu sagen. Er sieht sich ja auch einem impliziten Imperialismus- oder Kolonialismus-Vorwurf ausgesetzt. Wenn er den aussereuropäischen Kirchen mit «modernen» Wertvorstellungen kommt, dann könnte man ihm entgegnen: Dass uns die Europäer vorschreiben, wie wir zu denken und zu leben haben, das hatten wir schon. Das wollen wir nicht mehr. Natürlich sollen die Menschen selber darüber befinden, wie sie zusammenleben wollen. Aber als Europäer haben wir eben auch diesen aufklärerisch-menschenrechtlichen Ansatz, den wir nicht aufgeben sollten. Und vergessen wir nicht, dass die katholische Kirche in Übersee natürlich ebenfalls eine «kolonialistische» Vergangenheit hat.