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Der sächsische Super-Sozi: Wie ein SPD-Bürgermeister zum nationalen Vorbild der Genossen werden könnte

Das Beispiel von Jens Krausse zeigt: Das Hauptproblem der SPD sind die fehlenden Köpfe. Doch wo findet man die?
Christoph Reichmuth aus Grossharthau
Bürgermeister Jens Krausse will die SPD auf den Erfolgskurs zurückbringen. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Bürgermeister Jens Krausse will die SPD auf den Erfolgskurs zurückbringen. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt)

Jens Krausse fährt lässig mit seinem Cabriolet durch seine Gemeinde. Zeigt stolz auf Neuüberbauungen, zu grossen Teilen schon vermietet. Den im April eröffneten Supermarkt. Den gepflegten Park mit der Schlossanlage. Immer wieder winkt er Passanten zu.

Krausse, 52, ist Bürgermeister für die SPD in Grossharthau. Eine idyllische Ortschaft, 3000 Einwohner, etwa 30 Kilometer östlich von Dresden. Hier ist Krausse der Chef. 2001 ist der frühere Florist und SED-Politiker für die SPD zum ersten Mal zur Bürgermeisterwahl angetreten. Auf Anhieb wurde er gewählt. Die Genossen waren da im erzkonservativen Grossharthau mitten im stockkonservativen Sachsen noch eine Kleinpartei. Krausse hat ein Wunder vollbracht und sich dann von Wahl zu Wahl gesteigert. 15 Prozent, 23 Prozent, 32, 41 und jetzt, Ende Mai 2019, satte 55,2 Prozent. Die absolute Mehrheit. Notabene für die SPD. Das ist äusserst auffällig. Denn während Krausse seinen Genossen von Wahl zu Wahl satte Zugewinne verschafft, wird die Bundes-SPD im selben Tempo zerkleinert.

Aus Berlin hat ihm keiner gratuliert

Vom Bundesvorstand hat ihm keiner gratuliert zur absoluten Mehrheit. Nicht mal der Landesverband hat angerufen, um den Genossen Jens zu beglückwünschen. «Neid», sagt Krausse, der gleich zu Beginn des Gesprächs das Du anbietet. Dann fragt er schelmisch: «Kennst du die Steigerungsform von Feind?» Nach einer Kunstpause meint er mit bitterem Lachen: «Parteifreund!»

Allerdings, so viel Wahrheit muss sein: Das Treffen mit Krausse fand vor den Landtagswahlen vom Sonntag. stattVor dem historischen Desaster für die Sachsen-SPD, die gerade noch auf 7,7 Prozent Wähleranteil kam. Da gings den Genossen in Grossharthau am Sonntag nicht besser als den Parteifreunden im Rest des Freistaates. «Bei Kommunalwahlen werden Köpfe gewählt. Landtagswahlen sind Denkzettel-Wahlen für die grosse Politik», erklärt Krausse.

Zurück in die Zeit unmittelbar vor dem letzten Sonntag, als Krausses Welt noch etwas mehr in Ordnung war. Krausse führt zum Hotel «Kyffhäuser», ein stattlicher Bau mit riesigem «Sääli». In der Imbiss-Bude gegenüber freuen sie sich über den Besuch des Bürgermeisters. Kurzer Schwatz mit Ahmad, Chef des Schnellrestaurants, gebürtiger Pakistani. «Er nimmt die Anliegen der Leute hier ernst», lobt er Krausse. Ein Gast, der anonym bleiben will, findet einfach keinen Job. Er wählt AfD. Nur bei Bürgermeisterwahlen mache er eine Ausnahme. Dann stimme er für den SPD-Mann Jens Krausse. «Er tut was für die Leute hier», sagt er und erzählt vom Supermarkt, den sie nun endlich bekommen haben. «Er ist auch fair im Umgang mit den Leuten, die die AfD wählen.»

Das ist Krausses Erfolgsrezept. Volksnah sein, «hemdsärmelig», wie er sagt. Krausse guckt vorbei bei den Leuten der Feuerwehr, bei den Sportvereinen, zeigt sich im Dorf. Der gelernte Maschinenbauer, bis vor ein paar Jahren verheiratet und Vater eines Sohnes, inzwischen in fester Beziehung mit einem Mann, redet mit allen und jedem. Kurz hatte er Bedenken, als er sich outete. In dieser konservativen Gegend. Seiner Karriere schadete es nicht. Ob AfD oder Linkspartei, ob Uni-Professor oder Langzeitarbeitsloser, Krausse sieht den Menschen und die Sorgen. «Ich habe für alle ein offenes Ohr und höre mir an, wo der Schuh drückt.»

Er versteht die Frustration der AfD-Wähler

Einen wie Krausse, einer, der die Leute für sich gewinnen kann, das bräuchte die SPD auch auf Bundesebene. Die Suche nach einer neuen Führung läuft. Krausse sieht zur Zeit aber keinen Retter, keine Retterin. «Wir brauchen Köpfe, charismatische Figuren. Der Typ Willy Brandt, Gerhard Schröder», sinniert er. Die SPD müsse das Vertrauen der Menschen in ländlichen Regionen zurückgewinnen. «Was die Politiker in Berlin oder Dresden heute sagen, gilt morgen schon nicht mehr.» Die grosse Politik müsse wieder mehr auf die kleinen Leute zugehen. «Der Handwerker, der Angst um seine Zukunft hat und aus Protest die AfD wählt, ist kein dummer Mensch. Das ist ein Mensch, der ernstgenommen werden will.» Man dürfe die Menschen in Sachsen nicht in eine fremdenfeindliche Ecke stellen. Die Wende habe für Traumata bei vielen gesorgt, für Arbeitslosigkeit und Zukunftsängste. «Die gebrochenen DDR-Biografien, die niedrigen Löhne und Renten: Das sind Dinge, die Frustration auslösen. Hier müssen wir ansetzen.»

Die Tour durch Grossharthau kommt langsam an ihr Ende. Krausse sagt, er wolle noch einmal zur Bürgermeisterwahl antreten, danach sei Schluss. Mehr als 55,2 Prozent sollte seine Partei dann nicht holen. «Eine Überdominanz der SPD wäre nicht gut.» Und während Krausse einen Gang runterschaltet, will die Bundes-SPD nur eines: den Weg aus dem Rückwärtsgang finden.

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