Tian’anmen-Massaker
Der schärfste Kritiker von damals lebt noch immer im Exil

25 Jahre sind seit dem Tian’anmen-Massaker in Peking vergangen. Der damalige Studentenführer Wu’er Kaixi kritisierte damals im Fernsehen vor einem Milliardenpublikum den Ministerpräsidenten. Heute darf er noch immer nicht zurück.

Felix Lee, Beijing
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Links ein Bild als Ikone: Der unbekannte Chinese, der am 5.Juni 1989 die Panzer stoppte – für einen Moment. Rechts Studentenführer Wu’er Kaixi.

Links ein Bild als Ikone: Der unbekannte Chinese, der am 5.Juni 1989 die Panzer stoppte – für einen Moment. Rechts Studentenführer Wu’er Kaixi.

Keystone

25 Jahre Leben im Exil haben bei Wu’er Kaixi sichtlich Spuren hinterlassen. Das schnelle Blinzeln seiner braunen Augen ist zwar sofort wieder da, sobald er auf die politischen Verhältnisse in China zu sprechen kommt; sein Kampfgeist von damals ist unverkennbar auch weiter vorhanden.

Doch der heute 46-Jährige wirkt ermattet, seine Wangen hängen schlaff herab, das Runzeln der Stirn scheint sich dauerhaft in sein einst so lebendiges Gesicht eingebrannt zu haben. «Du musst den Corona-Kaffee probieren», sagt er. «Das ist der stärkste Kaffee in ganz Taipeh.» Er habe ihm schon so über manches Tief hinweg geholfen.

Vor einem Vierteljahrhundert war Wu’er Kaixi der bekannteste Studentenführer auf dem Tian’anmen-Platz. Unvergessen sein charismatischer Auftritt im chinesischen Staatsfernsehen am 19. Mai 1989 zum Höhepunkt der Proteste in Peking: Direkt vom Zelt der Hungerstreikenden ins Fernsehstudio angefahren, sass er mit langen verfilzten Haaren und im Pyjama dem damaligen Ministerpräsidenten Li Peng gegenüber – einem politischen Hardliner innerhalb der zu diesem Zeitpunkt arg zerstrittenen kommunistischen Führung.

Den KP-Monolog unterbrochen

Kaum hatte Li Peng in alter KP-Manier zu seinem vorbereiteten Monolog angesetzt, unterbrach der damals 21-jährige Student den Regierungschef: «Ich weiss, dass es unhöflich ist, Herr Premier», sagte Wu’er keck. «Aber während wir hier sitzen und Nettigkeiten austauschen, sitzen auf dem Platz Leute und hungern.»

Ob er nicht nervös gewesen war und sich vor möglichen Konsequenzen fürchtete, als er vor einem Milliardenpublikum im chinesischen Staats-TV den Ministerpräsidenten kritisierte. «Nein», sagt er heute. Es habe in diesem Moment in seinem Kopf gar keinen Platz für Angst und Nervosität gegeben.

Zwei Wochen später, in der Nacht vom 3. auf dem 4. Juni liess die kommunistische Führung die Demokratiebewegung auf dem Tian’anmen-Platz blutig niederschlagen. Zehntausende Soldaten kamen mit Panzern und feuerten mit automatischen Waffen auf die Demonstranten. Der fast sechswöchige Protest der Studenten war zu Ende. Wu’er harrte bis zum Schluss auf dem Platz aus.

Wie viele Opfer gab es?

Bis heute bleibt ungeklärt, wie viele Menschen in dieser Nacht ums Leben kamen. Offizielle Zahlen gibt die chinesische Führung nicht bekannt. Denn das ganze Ereignis ist in all den 25 Jahren ein absolutes Tabu-Thema geblieben.

An Schulen und Unis wird nicht darüber gesprochen. Auf eine Entschuldigung der chinesischen Führung wartet man bis heute. Eine Aufarbeitung fand nie statt. Die Schätzungen schwanken zwischen einigen hundert und mehr als tausend Opfern. Die heute in den USA ansässige Dui-Hua-Stiftung schätzt, dass in den darauffolgenden Wochen bis zu hundert Menschen hingerichtet und 15 000 verhaftet wurden. Einigen gelang die Flucht ins Exil. Unter anderen Wu’er Kaixi.

«Mich wird für immer die Frage beschäftigen: Warum bin ich nicht gestorben», sagt er. Die chinesische Führung hatte ihn auf Platz 2 der 21 meistgesuchten Studenten gesetzt. Tagelang habe er sich verstecken müssen, bis es gelang, ihn mit einem Boot in die damalige britische Kronkolonie Hongkong zu schmuggeln. Die USA nahmen ihn auf, wo er sein Studium beenden konnte.

1996 ging der ehemalige Studentenführer ins Exil nach Taiwan. Er betätigte sich zwischendurch als Radio-Kommentator. Inzwischen ist er Investmentbanker in Taipeh, verheiratet und Vater von zwei fast erwachsenen Söhnen.

Die Eltern nochmal sehen

Für seinen trotz allem «normalen» Lebenslaufs zahlt er einen hohen Preis. Der gebürtige Pekinger mit uigurischen Wurzeln hat seit seiner Flucht seine Eltern nicht mehr wiedergesehen. Viermal hat er in den vergangenen fünf Jahren versucht, nach China zurückzukehren und sich den Behörden zu stellen. Seine Eltern sind inzwischen alt und krank. Wu’er möchte sie wiedersehen – «auch wenn es nur durch eine Glasscheibe im Gefängnis ist».

Doch selbst das verweigert ihm die chinesische Führung – trotz eines offiziell weiter gültigen Haftbefehls. Seine Rückkehr könnte die Erinnerungen an Liu Si, wie der 4. Juni 1989 auf Chinesisch abgekürzt bezeichnet wird, wieder lebendig machen.

Bei einem Einreiseversuch über Hongkong hätten die dortigen Behörden ihn in sein Exilland Taiwan zurückgeschickt. «Ein absurdes Verhalten», sagt Wu’er. Die Ausreise seiner Eltern wird ebenfalls verweigert. «25 Jahre sind eine lange Zeit», sagt er traurig. Mittlerweile hat er mehr Zeit in den USA und in Taiwan verbracht als in seiner eigentlichen Heimat.

Seine schwerste Zeit erlebte er vor fünf Jahren am 20. Jahrestag der Niederschlagung der Proteste. Für die Austragung der Olympischen Spiele 2008 in Peking hatte die chinesische Führung weltweit sehr viel Beifall geerntet. Die Expo in Schanghai stand unmittelbar bevor – eine weitere Jubelveranstaltung für China. Die internationale Wirtschaftswelt rühmte die Volksrepublik zugleich als Retter, der die Welt aus der Finanzkrise ziehen würde. «Ich hatte das Gefühl, die Welt verrät die demokratischen Werte», sagt Wu’er.

System nicht stürzen, nur öffnen

Jetzt sind noch einmal fünf Jahre vergangen. China hat sich doch nicht wie erhofft als der Heilsbringer der Welt erwiesen. Im Gegenteil: Die vielen Korruptionsfälle bis hinauf in die Parteispitze, die immer tiefere Kluft zwischen Arm und Reich, das einseitige Setzen auf Wachstum auf Kosten der Umwelt und nicht zuletzt die Wirtschaftsprobleme, die nun den Rest der Welt bedrohen – sie zeigen, dass ein grundlegender Wandel des bevölkerungsreichsten Landes der Welt dringender ist denn je.

Umfrage Was sagen junge Chinesinnen und Chinesen 25 Jahre danach?

«In was für einem Land lebe ich?»
«Erst vor einigen Jahren, als ich für einen Studienaufenthalt in die USA ging, habe ich von den Studentenprotesten von 1989 erfahren. Ich habe mich geschämt, dass ich nichts darüber wusste. Daraufhin habe ich mich intensiv mit dem Ereignis beschäftigt. Ich las über die blutige Niederschlagung, der Flucht von Tausenden von Studenten und den vielen Toten und Verhafteten. Wie kann das sein, dass ich zwei Drittel meines Lebens nichts von diesem einschneidenden Ereignis wusste? In was für einem Land lebe ich?
Natürlich kommt man auch innerhalb Chinas heute an sämtliche Informationen heran. Das Internet ist voll von Bildern und Artikeln - trotz der Zensur. Doch vor allem die jungen Leute müssen erst einmal darauf kommen, dass es dieses Ereignis überhaupt gegeben hat.
Berichten dürfen wir freilich nicht über den 4. Juni. Das ist uns verboten. Als ein Kollege vor einiger Zeit auf einer Redaktionssitzung das Thema nur mal am Rande erwähnte, gab es zunächst betretenes Schweigen. Am nächsten Tag ist er nicht mehr in der Redaktion aufgetaucht. Auch wenn wir nicht darüber schreiben dürfen - die Beschäftigung mit diesem Thema hat mein politisches Bewusstsein geschärft. Ich traue keiner offiziellen Verlautbarung mehr.»
Zhang Xiao, 24 Jahre alt,
Journalist.


«China war schon immer grausam»
«Ich war 13, als gegenüber meiner Mittelschule im Pekinger Stadtteil Haidian an der Pädagogik-Hochschule Studenten in grossen Scharen sich am Haupteingang trafen und im Fahrradkonvoi gemeinsam in Richtung Tian'anmen-Strasse zogen. Ich kann mich an die vielen Transparente und Banner erinnern, die von den Wohnheimfenstern herabhingen.
Wir standen alle am Fenster und schauten dem bunten Treiben zu. Doch vom Schuldirektor gab es die Anweisung, dass der Unterricht ganz regulär fortgesetzt werden muss. Wir hielten uns daran - bis wenige Tage später die Lehrer nicht mehr zum Unterricht auftauchten. Sie hatten sich dem Protest angeschlossen. Wir waren damals zu jung, um auch mitzulaufen. Aber die Aufbruchstimmung hatte auch uns Schüler erfasst.
Nach dem 4. Juni wurde meine Schule geschlossen und wir wurden in vorgezogene Sommerferien geschickt. Als ich im September wiederkam, war die gegenüberliegende Pädagogikhochschule verwaist. Erst Monate später habe ich wieder Studenten gesehen. Gesprochen wurde über die Ereignisse nicht mehr. Wir wussten, dass das heikel werden könnte.
China hat sich seitdem sehr verändert. Trotz der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung oder vielleicht auch wegen ihr hat es noch sehr viel anderes Leid gegeben. Ich will die Ereignisse vom 4. Juni 1989 nicht relativieren. Doch nicht zuletzt das Internet hat noch mal so viel Gräuel und Elend im Land zutage geführt. China war und ist grausam.»

Wang Yuanyuan, 38, Lehrerin.

«Eines Nachts stand ein Student vor der Tür»
Nein, der 4. Juni ist kein Thema, bei keinem von uns. Natürlich wissen wir alle Bescheid, was damals passierte. Aber wir dürfen ja nicht darüber reden. In Schanghai ist das Interesse aber auch noch mal geringer als in Peking oder anderswo. Wir Schanghaier sind bekannt dafür, dass wir nur ans Geschäftemachen denken. Politik interessiert hier niemanden.
Ich war noch sehr klein. Aber ich kann mich erinnern, dass es in meiner Heimatstadt Ningbo zu Beginn auch Proteste gegeben hat. Aber sie waren schon lange vor dem 4. Juni wieder beendet.
Einige Tage nach dem 4. Juni klopfte es nachts an unserer Wohnungstür und jemand bat um Hilfe. Erst später erfuhr ich, dass es sich um einen der Studenten handelte, der offensichtlich auf der Flucht war. Viele schlugen sich nach Südchina an die Küste durch, um von dort über den Seeweg nach Hongkong oder Taiwan zu kommen. Meine Eltern gaben ihm Salz, ein paar Lebensmittelmarken und etwas Geld.»
Cheng Jian, 28, Unternehmer Schanghai

«Vor 25 Jahren hatten wir durchaus noch an die Führung geglaubt», erinnert sich Wu’er. «China wurde freier, demokratischer. Wir wollten gar nicht das System stürzen. Uns ging die Öffnung nur nicht schnell genug.» Heute jedoch gehe China nicht mehr in diese Richtung, sondern sei zu einer Autokratie geworden für einige wenige Privilegierte, die dieses System mit eiserner Hand verteidigen.

Ob er denn noch Hoffnung habe? Für einen kurzen Moment wirkt er geradezu zornig auf diese Frage. Natürlich hege er weiter Hoffnung. Das sei er den Toten von damals schuldig. Und an einem wolle er ebenfalls festhalten: Am gewaltfreien Widerstand. «Wir sind keine Revolutionäre», sagt er.

Ansonsten hätten er und andere nicht 25 Jahre lang im Exil gesessen, sondern längst zu den Waffen gegriffen. Stattdessen wolle er weiter auf eine Zivilgesellschaft setzen, die China auch politisch voranbringe. Möglich wäre das ohne weiteres, ist er sich sicher. Von heute auf morgen – «auch wenn das momentan nicht sehr wahrscheinlich ist.»