Vor 50 Jahren
Der Sechstagekrieg war für Israel ein voller Erfolg – doch er hat bis heute Folgen für den Frieden

Am 5. Juni 1967 griff Israel ägyptische Luftwaffenbasen an. Nach sechs Tagen war der Krieg vorbei. Doch die folgende israelische Besetzung und Besiedlung der Gebiete war und ist das Haupthindernis zu einem Frieden im Nahen Osten

Christoph Bopp
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Die letzten Panzerschlachten der Geschichte? Israelische Tanks am 4. Juni 1967 in der ägyptischen Sinai-Wüste.Keystone

Die letzten Panzerschlachten der Geschichte? Israelische Tanks am 4. Juni 1967 in der ägyptischen Sinai-Wüste.Keystone

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Kein Zweifel: Der Sechstagekrieg 1967 wurde von Israel begonnen. Präventivkriege sind seit je umstritten. Aber der Angriff Israels geniesst nach wie vor den Ruf, einer der berechtigtsten Präventivschläge in der Geschichte zu sein. Israel war umzingelt von hochgerüsteten Armeen, personell und materialmässig weit unterlegen – wenigstens auf dem Papier. Aber die Strategen der IDF (Israeli Defence Forces) waren überzeugt, keine der arabischen Armeen fürchten zu müssen. Moral, Ausbildung, Führung der Truppe und nicht zuletzt die Informationsbeschaffung waren weit besser als die der Gegner.

Und die Israeli waren zum Krieg entschlossen. Die Angst innerhalb der Bevölkerung vor der Auslöschung war enorm. Man fürchtete nicht so sehr die mögliche militärische Niederlage, sondern den Holocaust. Die Regierung stand unter starkem Druck. Premierminister Levi Eschkol ernannte Anfang Juni Moshe Dayan zum Verteidigungsminister. Er wurde später als «Sieger» des Sechstagekrieges gefeiert, hatte aber zu den Vorbereitungen kaum beigetragen und genoss unter den Falken in Eschkols Kabinett wenig Respekt. Aber er war populär, ein charismatischer Truppenführer: «Israels Rommel».

Der Feldzug wurde ein voller Erfolg. Der Sinai, das Westjordanland, der Gazastreifen, die Golan-Höhen und West-Jerusalem wurden erobert. Guckt man auf die Karte, sind das klare territoriale Arrondierungen. Israel wird deshalb von Historikern «Expansionismus» vorgeworfen. Die israelische Besetzung und Besiedlung der Gebiete war und ist das Haupthindernis zu einem Frieden im Nahen Osten. Deshalb mischten sich in die «Tränen der Freude» nach der Abwehr der Bedrohung 1967 später «Tränen der Trauer», weil auch 50 Jahre nach dem Krieg keine Lösung der Probleme in Sicht ist.

Moshe Dayan, Israels «Held» des Sechstagekrieges.

Moshe Dayan, Israels «Held» des Sechstagekrieges.

KEYSTONE

Wer war jetzt eigentlich für den Krieg verantwortlich? Die gängige Theorie ist sich weitgehend einig. Es war der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser, der seine Karten überschätzte und die Krise, die er heraufbeschwor, schliesslich schlecht managte. Nasser hatte ein Reputationsproblem in Ägypten selbst und in der arabischen Welt und wollte das aussenpolitisch kompensieren. Zusammen mit Syrien glaubte er sich stark genug, um sich gegenüber Israel als «starker Mann» aufzuspielen.

Nassers Eskalationspolitik

Er schickte die UNO-Friedenstruppe aus dem Sinai und blockierte die Strasse von Tiran und schnitt damit Israel den Zugang zum Roten Meer ab. Dazu baute er im Sinai eine grosse Militärpräsenz auf. Anfang Juni hielt er eine Drohrede gegen Israel und hielt eine beeindruckende Militärparade ab. Man sah ihr fast an, dass die Soldaten von da praktisch an die Front geschickt würden.

Einige Historiker irritierte das. Unter anderem auch, dass die vordersten Linien im Sinai mit Reservisteneinheiten besetzt wurden und die Eliteeinheiten erst dahinter aufgestellt wurden. Man erklärte das damit, dass Nasser Israel zu einem Angriff provozieren wollte und die Aufstellung eine Falle war, in die die IDF gelockt werden sollten. Im Stellungskrieg würden seine trainierten Truppen sich dann behaupten können.

Am auffälligsten ist, dass in den Mainstream-Szenarien die Supermächte USA und UdSSR nur am Rande vorkommen. Und das mitten im Kalten Krieg. Beide schienen allerdings nicht gerade interventionswillig, auch wenn die Sowjets die Araber mit modernstem Kriegsgerät ausgerüstet hatten. Darunter die MiG-21, das modernste sowjetische Flugzeug. Passenderweise hatte ein irakischer Pilot sein Flugzeug im Vorjahr nach Israel geflogen. Die IAF wusste über das Gerät Bescheid.

Fledermäuse über Dimona

Die israelischen Journalisten Isabella Ginor und Gideon Remez haben 2007 ein Buch publiziert: «Foxbats over Dimona. The Soviets’ Nuclear Gamble in the Six-Day War» (Yale University Press). Die Sowjets hätten eine weit aktivere Rolle gespielt. Sie lieferten nicht nur Waffen und Berater, sondern auch einen Angriffsplan («Conqueror» von Ägypten aus und «Victor» von Syrien aus), wie Israel erobert werden sollte. Dazu waren amphibische Operationen mit «russischen Freiwilligen» in der Nähe von Haifa geplant. TU-16-Bomberstaffeln wurden nach Armenien verlegt, notdürftig auf «ägyptisch» gesprayt und die Präsenz der sowjetischen Marine im Mittelmeer war so gross wie nie zuvor.

Das Ziel war, Israel nicht zur Atommacht werden zu lassen. Ägypten sollte Israel zu einem Krieg provozieren, bei dieser Gelegenheit sollte der israelische Reaktor Dimona in der Negevwüste zerstört werden. Starke Hinweise darauf liefern mysteriöse Luftzwischenfälle im Mai 1967. Offenbar erkundeten hochmoderne MiG-25 (Nato-Codename «Foxbat» – Fledermaus) mit russischen Piloten am Knüppel das Forschungszentrum. Die Sowjets hofften, die IDF würden eine Hawk-Luftabwehrrakete abfeuern, damit man ihre Eigenschaften erkunden könnte. Leider taten ihnen die Israeli den Gefallen nicht. Den Angriff lieferten sie, aber leider gar nicht so, wie die Sowjets – und die arabischen Führer – sich das vorgestellt hatten.