Der Stolz der «Grande Nation» ist gerettet: Warum Frankreichs berühmtester Hahn vor Gericht stand

Frankreichs bekanntester Hahn darf weiter krähen: Ein Gericht in Rochefort im Westen des Landes wies am Donnerstag eine Klage von Nachbarn ab, die wegen morgendlicher Ruhestörung durch den Gockel Maurice geklagt hatten.

Stefan Brändle aus Paris
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Darf auf der Insel Oléron weiterkrähen, wie es ihm beliebt: Maurice, der Güggel der Nation, und seine stolze Besitzerin Corinne Fesseau.Bild: Regis Duvignau/Reuters (Saint-Pierre-d’Oléron, 31.August 2019) (Bild: REUTERS)

Darf auf der Insel Oléron weiterkrähen, wie es ihm beliebt: Maurice, der Güggel der Nation, und seine stolze Besitzerin Corinne Fesseau.Bild: Regis Duvignau/Reuters (Saint-Pierre-d’Oléron, 31.August 2019) (Bild: REUTERS)

Sie sei sprachlos vor Freude, kommentierte Corinne Fesseau das Urteil, für das sie jahrelang gekämpft hatte. Das Gericht im westfranzösischen Rochefort hatte das Haustier der 70-Jährigen am Donnerstag in allen Punkten freigesprochen. Der Hahn mit dem gutfranzösischen Namen Maurice, der wegen Heiserkeit und Stress nicht selbst bei der Urteilsverkündung anwesend sein konnte, darf seine Kikerikis weiter auf die Insel Oléron schmettern.

Zwei Nachbarn hatten ein Krähverbot für Saint-Pierre-d’Oléron verlangt, weil sie sich in ihrer Bettruhe gestört fühlen. Maurice hatte jahrelang den ganzen Tag «gesungen», wie seine Herrin dem Gericht erklärte; neuerdings gebe er aber nur noch zwischen 6.30 und 7 Uhr seine Töne von sich. Das ältere Ehepaar ertrug aber auch dieses frühmorgendliche «cocorico» – wie es auf Französisch heisst – nicht länger.

Das Gericht lehnte ihre Klage vollumfänglich ab und verurteilte das Ehepaar sogar zu tausend Euro Schadenersatz. Da der Hahnschrei nicht in Dezibel gemessen worden war, verfügten die Richter über keine Beweise für das Delikt. Im Gegenteil hoben sie die Bemühungen Madame Fesseaus hervor. Sie hat nämlich den Hühnerschlag, in dem Maurice kräht, mit Eierkartons isoliert.

«Was würde wohl als nächstes verboten?»

Der Fall hatte in Frankreich und darüber hinaus für viel Aufsehen gesorgt; sogar die «New York Times» schickte einen Reporter. Und das nicht nur, weil Maurice ein farbenprächtiges Exemplar des französischen Nationalsymbols ist. Fesseau, die seit 35 Jahren auf der Insel an der Atlantikküste lebt, hatte in einer Petition erklärt, es gehe – wie bei dem Gelbwestenkonflikt – um den Kampf von Stadt gegen Land: Immer mehr urbane Aussteiger, Rentner und andere Zweitwohnungsbesitzer zögen aufs Land – störten sich dann aber am ländlichen Leben.

«Was würde wohl als nächstes verboten, wenn Maurice nicht mehr krähen darf?», fragt Fesseau rhetorisch. «Der Gesang der Turteltauben oder das Quaken der Frösche? Das Muhen, Blöken oder gar das Geläut der Kirchenglocken?» Sie und 120 000 Franzosen, die ihre Petition unterschrieben, antworten deutlich.

Der Bürgermeister von Saint-Pierre d’Oléron, Christophe Sueur, publizierte schon vor dem Urteil einen kommunalen Erlass, der die «Äusserungen des ländlichen Lebens» schützt. Dazu gehören neben dem Kikeriki auch «der Schrei der Möwen, das Geräusch des Windes und unser lokaler Dialekt», erklärte der Bürgermeister mit beissendem Sarkasmus – und einem Unterton gegen das «gute» Französisch in der Hauptstadt Paris.

Antrag auf «nationales Kulturerbe»

Fesseau hatte in ganz Frankreich Unterstützung erhalten. In der kleinen Gemeinde Gajac in Südwestfrankreich etwa lancierte der Bürgermeister im Juni eine Gesetzesinitiative, die darauf abzielt, den Hahnenschrei zum «nationalen Kulturerbe» zu erklären. Der Kulturschutz der Hähne solle den Gerichtsklagen einen Riegel schieben.

Wie so oft im Leben ist der Fall auf den zweiten Blick einiges komplexer. Das klagende Ehepaar stammt gar nicht aus der Stadt; es handelt sich um zwei pensionierte Landwirte, die selbst mit Hühnern gelebt hatten und auf Oléron einen ruhigen Lebensabend verbringen wollten. Sie hatten dem Gericht vorgerechnet, dass ihr Bett nur zwei Meter von Maurice’ Hühnerschlag liege. Sollten sie den Lärmpegel messen lassen, hätten sie in einem Berufungsprozess wohl bessere Chancen. Noch ist aber offen, ob sie das Urteil weiterziehen.