Analyse
Der Tod des Terror-Teufels macht die Welt nicht sicherer

Eine Analyse von Dagmar Heuberger, az-Auslandredaktorin und Militärhistorikerin, zur Tötung des saudischen Terrorfürsten Osama Bin Laden durch US-amerikanische Spezialtruppen und deren Auswirkungen.

Dagmar Heuberger
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Es ist der grösste Triumph in Barack Obamas Amtszeit: Der Kaida-Chef und saudische Terrorfürst Osama Bin Laden, Amerikas Staatsfeind Nummer 1, ist tot. Der amerikanische Präsident erfüllt damit eines seiner Wahlkampfversprechen: «Wir werden Bin Laden töten.»

Ein Versprechen, das beinahe in Vergessenheit geraten ist, zumal der US-Präsident in seinen Reden Bin Laden seither kaum noch erwähnte. Obamas Kritikern fiel es somit leicht, dem Präsidenten vorzuwerfen, seine Aussenpolitik sei zu weich und er nehme den Kampf gegen den Terrorismus nicht ernst.

Grösster sicherheitspolitischer Erfolg seit einem Jahrzenht

Doch seit gestern in den frühen Morgenstunden ist alles anders: Obama kann für sich in Anspruch nehmen, den grössten sicherheitspolitischen Erfolg seit einem Jahrzehnt errungen zu haben. Er, der demokratische Präsident, der die Kriege in Afghanistan und im Irak beenden will, hat Amerika die Angst vor dem Kaida-Chef genommen.

Er – und nicht etwa sein republikanischer Vorgänger George W. Bush, der unter dem Vorwand des Kampfes gegen den Terrorismus den Irak-Krieg vom Zaun gerissen hatte. Der 2. Mai 2011 hat Obamas Präsidentschaft dauerhaft verändert: Er wird als der US-Präsident in die Geschichte eingehen, der Osama Bin Laden liquidiert hat.

Vorteil für die Wahlkampagne

Das ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil für die beginnende Präsidentschaftskampagne 2012. Denn aussenpolitisch ist Obama jetzt nicht mehr angreifbar – auch nicht von den Republikanern. Gewiss: Noch ist offen, ob dieser Schwung, dieses Momentum, bis Ende 2012 anhalten wird. Innenpolitische Themen könnten wieder in den Vordergrund rücken. Doch gestern und heute jubeln die Amerikaner ihrem Präsidenten zu, ja sehen in ihm einen Helden, einen Drachentöter. Und die Welt jubelt mit.

Tatsächlich ist die Nachricht vom Tod Osama Bin Ladens eine gute Nachricht für die Welt und für die Freiheit. Doch Vorsicht: Deshalb gleich das Ende des Kriegs gegen den Terrorismus auszurufen, ist nicht nur verfrüht, es wäre auch geradezu naiv.

Keine zentrale Rolle mehr gespielt

Bin Laden spielte bei den Terrorattacken der Kaida längst nicht mehr die zentrale Rolle des strategischen und operativen Planers. Er war zuletzt nur noch ein – freilich wichtiges – Symbol, der spirituelle Kopf der Islamisten. Die Kaida hat sich seit 9/11 in zahlreiche Zellen und Gruppen aufgespalten, die autonom agieren. Experten trauen ihr einen Schlag wie 2001 heute nicht mehr zu.

Das bedeutet freilich keineswegs, dass die Kaida nicht mehr zuschlagen kann und wird. Das Attentat in Marrakesch hat eben erst das Gegenteil bewiesen. Und die Gefahr, dass das Terrornetzwerk Bin Laden jetzt, da er zum Märtyrer geworden ist, rächen wird, ist real. Die Welt freut sich zu Recht über den Tod des Terrorführers – sicherer wird sie deswegen aber nicht.