Kindesmissbrauch
Der Vatikan macht seinen Bischöfen Beine

In seinem gestern vorgestellten, fünfseitigen Schreiben ruft der Vatikan die Bischöfe dazu auf, «jeden erdenklichen Einsatz» zu zeigen, wenn in ihrer Diözese mögliche Fälle von Kindesmissbrauch durch einen Priester ruchbar werden.

Dominik Straub, Rom
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Keystone

Gleichzeitig wird in dem Brief klargestellt, dass der sexuelle Missbrauch «nicht nur eine Straftat nach kanonischem Recht darstellt, sondern auch ein Verbrechen, das staatlicherseits verfolgt» werde. Aus diesem Grund seien die Bischöfe verpflichtet, entsprechende Delikte bei den zivilen Strafverfolgungsbehörden anzuzeigen – zumindest in denjenigen Ländern, in welchen dies vom Gesetz verlangt wird.

Das neue Rundschreiben ist von der Glaubenskongregation verfasst worden, die im Umgang mit Missbrauchsfällen federführend ist. Die Kongregation fordert die Bistümer auf, innerhalb spätestens eines Jahres eigene Richtlinien zu entwerfen, wie Missbräuche künftig verhindert und behandelt werden sollen. Der Vatikan liefere in seinem Brief zahlreiche «Prinzipien und Leitplanken, welche es den Diözesen erleichtern werden, eigene Richtlinien zu entwerfen; gleichzeitig wird eine weltweite Einheitlichkeit garantiert», erklärte Vatikansprecher Pater Federico Lombardi bei der Vorstellung des vatikanischen Rundschreibens.

Opferschutz hat oberste Priorität

Oberste Priorität müssen laut der Glaubenskongregation Opferschutz, Prävention sowie eine bessere Aus- und Fortbildung von Priestern erhalten. «Die Kirche muss, in der Person des Bischofs oder eines von ihm Beauftragten, die Bereitschaft zeigen, die Opfer und ihre Angehörigen anzuhören und für deren seelsorgerlichen und psychologischen Beistand zu sorgen», heisst es unter anderem in dem Dokument.

Grosses Gewicht sowohl beim Opferschutz als auch bei der Prävention misst der Vatikan der Priesterausbildung bei: Die Kandidaten sollen über den Schaden, den ein Kleriker bei Opfern sexuellen Missbrauchs anrichtet, und über die eigene Verantwortung besser informiert werden. Dabei soll den Priesteranwärtern nicht zuletzt auch wieder vermehrt den Wert der «Keuschheit und des Zölibats» vermittelt werden. Auch soll den Priestern und den übrigen religiösen Lehrern geholfen werden, Anzeichen für einen eventuellen Missbrauch Minderjähriger erkennen zu können.

Besserer Informationsaustausch

Um zu verhindern, dass fehlbare Kleriker, die wegen einschlägiger Verfehlungen in einer Diözese entlassen wurden, einfach das Bistum wechseln können, soll auch der Informationsaustausch unter den Bistümern verbessert werden. Dies gelte vor allem im Zusammenhang mit Priesteramts- oder Ordenskandidaten, die von einem Seminar zu einem anderen, zwischen verschiedenen Diözesen oder zwischen Ordensgemeinschaften und Diözesen wechseln, heisst es im Rundschreiben.

Im zweiten Teil des Dokuments ruft die Glaubenskongregation die kirchenrechtlichen Normen zum Kindermissbrauch in Erinnerung, die im vergangenen Juni verschärft worden waren. Beispielsweise sind seither beschleunigte Gerichtsverfahren vorgesehen; weiter wurde die Verjährungsfrist von bisher zehn auf zwanzig Jahre (ab Volljährigkeit des Opfers) erhöht. Auch Pädo-Pornografie sowie sexueller Missbrauch von geistig Behinderten wurden erstmals ausdrücklich als Straftatbestände unter den «schwerwiegenderen Vergehen» aufgeführt.