Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Wie Befehlsverweigerungen den ersten Weltkrieg beendeten

Befehlsverweigerung führte vor hundert Jahren zur Revolution – und damit zum Ende des Ersten Weltkriegs und des deutschen Kaiserreichs.
Christoph Bopp
Sie läuteten das Ende der deutschen Monarchie ein: aufständische Matrosen im Hafen von Hamburg Anfang November 1918. Bild: Getty

Sie läuteten das Ende der deutschen Monarchie ein: aufständische Matrosen im Hafen von Hamburg Anfang November 1918. Bild: Getty

Der Erste Weltkrieg hätte schon im Herbst 1914 enden müssen. Am 9. September 1914 war dem deutschen Generalstabchef von Moltke klar, dass nicht nur der Schlieffen-Plan, die grosse Umgehungsaktion am rechten Flügel über Belgien, gescheitert war, sondern dass der Krieg von den Deutschen nicht mehr zu gewinnen war. Er erlitt einen Nervenzusammenbruch und wurde am 14. September 1914 abgelöst. Die Gründe, den Krieg trotzdem fortzusetzen, blieben während der ganzen vier Jahre die gleichen. Die tatsächlichen Kräfteverhältnisse waren dem deutschen Volk nicht klar. Man stand im Osten und im Westen weit im Feindesland. Natürlich litten die deutsche Bevölkerung und Wirtschaft unter der britischen Seeblockade. Aber man nahm das in Deutschland hin, der Sieg hatte schliesslich seinen Preis.

Politische Versuche, das Morden zu beenden, waren immer wieder daran gescheitert, dass dem deutschen Volk nur ein «Siegfrieden» mit entsprechenden Gebietsannexionen zuzumuten sei. Und darauf gingen die Alliierten nicht ein. Die deutsche Aussenpolitik versuchte auf ihre Weise, die Kräfteverhältnisse zu ändern. Erfolg hatte das nur in Russland. Lenin und Genossen hatten den Zaren gestürzt und mussten dann den für Sowjetrussland katastrophalen «Friedens»-Vertrag von Brest-Litowsk akzeptieren. Ein falsches Signal in Deutschland: Da war es doch, das Imperium, von dem man geträumt hatte.

Die OHL, die oberste Heeresleitung mit den De-facto-Militärdiktatoren ­Hindenburg und Ludendorff, wollte für Deutschland den Sieg erzwingen. Aber alle Offensiven Ludendorffs an der Westfront scheiterten («Operation Michael», «Operation Georg», die schliesslich zur «Operation Georgette» wurde), Hektik brach aus. Dann schlugen die Alliierten zurück, am 29. September 1918 eröffnete Ludendorff einer Gruppe von konsternierten hohen Offizieren, dass der Krieg nicht nur nicht mehr zu gewinnen, sondern verloren sei. Nur ein sofortiger Waffenstillstand könne verhindern, dass alles zusammenbreche und der Feind in die Heimat einfalle. Die Generäle fielen aus allen Wolken und brachen in Tränen aus.

Eine Lüge mit Folgen

«Ich habe (...) Seine Majestät gebeten, jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu verdanken haben, dass wir so weit gekommen sind», das sagte Ludendorff am 1. Oktober 1918 Offizieren der OHL. Der Generalissimus meinte nicht sich selbst und seine Kollegen in der Militärführung, sondern die Abgeordneten der Linken mit ihren Friedensbemühungen im Reichstag. Er legte damit den Grund für die «Dolchstosslegende». Die Linke in der Heimat sei der «im Felde unbesiegten Truppe» in den Rücken gefallen. Eine der dreistesten und perfidesten Lügen der Geschichte.

Den Militärs spielte in die Karten, dass Waffenstillstand und Frieden nicht zu haben waren mit dem aktuellen Regime. US-Präsident Woodrow Wilson hatte Anfang 1918 seine 14 Punkte publiziert und mehrmals seine Idee eines «Friedens ohne Sieger und Besiegte» verkündet. Bis im Sommer 1918 hatte das Ludendorff kaltgelassen, nun war es auch für ihn das Beste geworden, was noch zu erreichen wäre. Innenpolitischer und Druck seiner kontinentalen Verbündeten hatte Wilson aber zu einer härteren Linie gezwungen. Nur mit einem demokratischen und nichtmilitaristischen Deutschland ohne Kaiser wollte man überhaupt reden.

Der Krieg endete, wie er begonnen hatte: chaotisch. Am 26. Oktober entliess Kaiser Wilhelm II. Ludendorff, Hindenburg liess er im Amt, weil der im Volk beliebt war. Am 28. Oktober 1918 wurde Deutschland eine Konstitutionelle Monarchie mit einer von der Parlamentsmehrheit getragenen Regierung. Aber das Kritzeln in der Verfassung von 1871 wurde durch die Verhältnisse überholt. Die Marine, das Lieblingskind des Kaisers, sträubte sich, in den Heldentod auszulaufen, für den sie die Führung vorgesehen hatte. Befehlsverweigerungen mündeten Ende Oktober in die Revolte der Matrosen in Kiel und dehnte sich blitzschnell vom Norden her über das Reichsgebiet aus. Das klang am ­8. November 1918 so: «5 Uhr nachmittags: Halle und Leipzig rot. Abends: Düsseldorf, Haltern, Osnabrück, Lüneburg rot; Magdeburg, Stuttgart, Oldenburg, Braunschweig, Köln rot.» Der letzte der deutschen Monarchen, der sich an seinen Thron klammerte, war Wilhelm II., deutscher Kaiser und König von Preussen. Die anderen hatten abgedankt, verzichtet oder waren weg. Berlin war die letzte Stadt, die am 9. November 1918 in die Hände der Revolutionäre fiel. Am ­ 7. November war München unspektakulär eine Räterepublik geworden. Sie blieb es, bis der Revolutionsführer Kurt Eisner im Februar 1921 ermordet wurde. Ein gewisser Weltkriegsgefreiter Adolf Hitler kam mit den ultralinken ­Behörden dort ganz gut zurecht.

Angst vor russischen Verhältnissen

Die (bürgerliche) Regierung hatte am ­ 6. November 1918 den Abgeordneten Matthias Erzberger zu den Franzosen geschickt. Er sollte die Friedensverhandlungen führen. Zu seinem Erstaunen schien Marschall Foch nichts von Wilsons Friedensidee wissen zu wollen. Die Waffenstillstandsbedingungen waren sehr hart. Man solle aber auf jeden Fall unterzeichnen, auch wenn nichts zu machen sei, liess Hindenburg aus Spa in Belgien, wo die OHL ihren Sitz hatte, verlauten. Und Erzberger blieb nichts anderes übrig. Er machte sich damit nicht nur zum «Novemberverbrecher», sondern bezahlte dafür auch mit seinem Leben.

Für die deutsche Regierung war wichtig, dass die Gespräche über einen Waffenstillstand und den Frieden erfolgreich waren. Mit einem bolschewistischen Deutschland würden die Alliierten aber wohl nicht reden. So erklärt sich zum Teil das widersprüchliche Verhalten der Politiker im November 1918. Die Linke war gespalten in einen revolutionären und einen Reformflügel. Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert sorgte sich hinsichtlich einer Revolution nach bolschewistischem Muster, und er befürchtete, das würde Deutschland ins Chaos abgleiten lassen. Obwohl schon überall Soldaten- und andere Räte gewählt wurden, strebte er den möglichst friedlichen Übergang in ein parlamentarisches System an.

Die Niederlage, die harten Bedingungen von Versailles und die Gewalt, welche der Spartakusaufstand und die Konterrevolution im Lauf des Jahres 1919 entfesselten, verschmolzen im Rückblick zu einer Erzählung, in der die Revolution als Ursache für die Niederlage und für das Versailler Diktat verantwortlich gemacht wurde. Dass die Nationalsozialisten damit erfolgreich arbeiten konnten, ist offensichtlich.

Die deutsche Revolution ist unter Historikern heute noch umstritten. Für die einen ging sie zu wenig weit, sie war nur eine «halbe Revolution». Es gab ­ungenutztes Demokratiepotenzial, welches das Abgleiten in den Nationalsozialismus hätte verhindern können. Die Alternative wäre eine bolschewistische Revolution à la Lenin gewesen, sagen die anderen. «Weimar» und seine Republik haben einen schlechten Klang. Zu Unrecht. Verglichen mit anderen Demokratien, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, aber bald zu faschistischen Diktaturen mutierten, war die Weimarer Republik stabil und ziemlich dauerhaft. Und die deutsche Revolution 1918 war erstaunlich gewaltfrei und pragmatisch. Und erfolgreich.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.