Jemen
Der wahre Sieger in Jemen heisst al-Kaida

Im Bürgerkrieg profitieren die Al-Kaida-Terroristen. Sie drangsalieren die Bevölkerung mit ihren rigiden Vorschriften.

Martin Gehlen, Kairo
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Zerstörungen und Milizen prägen das Bild der Hafen-Metropole Aden im Jemen. reuters

Zerstörungen und Milizen prägen das Bild der Hafen-Metropole Aden im Jemen. reuters

REUTERS

Die Vorlesung hatte gerade begonnen, als fünf Maskierte mit Kalaschnikows in den Hörsaal der Universität von Aden stürmten. Die Zeiten von Unzucht und Ausschweifung seien vorbei, brüllten sie. Frauen und Männer dürften nicht länger in einem Raum zusammen sein und studieren. Alle auf dem Campus müssten künftig den Gesetzen der Scharia gehorchen, drohten die Fanatiker dem schockierten Nachwuchs. Stunden später rasten vier ihrer Pick-ups beim Zamaran-Supermarkt vor.

Dreissig Angreifer stürmten ins Innere, schossen in die Decke, nahmen Kunden vorübergehend als Geiseln und verlangten von den Kassierinnen, ihre Gesichter mit Schleiern zu verhüllen. Familien an der Corniche, der einst so kosmopolitischen Hafenstadt, berichteten, bärtige Männer seien plötzlich an ihren Picknick-Plätzen aufgetaucht. Sie verlangten, die Musik abzustellen, weil dies laut Islam verboten sei.

2-Millionen-Stadt im Würgegriff

Vier Monate dauerten im Sommer die erbitterten Strassenkämpfe zwischen den Regierungstruppen und den Houthis, bis sich die Rebellen aus der stark verwüsteten Hafenstadt zurückzogen. Doch der wirkliche Sieger heisst al-Kaida. Ihre Kämpfer nutzten das Chaos, um sich erstmals auf breiter Front in Aden festzusetzen und die 2-Millionen-Metropole in ihrem Sinne umzukrempeln. Auf zahlreichen offiziellen Gebäuden, darunter auch einer Polizeiwache, weht jetzt die schwarze Flagge der Dschihadisten. Ihre Kommandos patrouillieren völlig ungehindert durch die Strassen, auch weil das Expeditionskorps der Golfstaaten rund um Hafen und Flughafen zu schwach ist, um diesem Treiben Einhalt zu gebieten.

Fast ein Dreivierteljahr dauert der verheerende Bürgerkrieg nun schon, den Saudi-Arabien im März gegen seinen südlichen Nachbarn Jemen vom Zaun brach. 5000 Menschen sind gestorben, drei Millionen auf der Flucht, ein Viertel der Bevölkerung hungert. Doch ihrem Ziel, den Houthi-Rebellen die Hauptstadt Sanaa wieder zu entreissen und die ins Exil geflohene Regierung von Präsident Abed Rabbo Mansour Hadi zurück an die Macht zu bomben, sind die ölreichen Kriegsherren vom Golf keinen Schritt näher gekommen.

Stattdessen häufen sich die Fehlschüsse ihrer Kampfjets auf Krankenhäuser, Schulen, Hochzeitsgesellschaften und Lebensmitteltransporte. Um den vor drei Monaten mit grossen Fanfaren angekündigten Feldzug gegen die Hauptstadt Sanaa ist es still geworden. Denn vor allem die jemenitischen Regierungssoldaten weigern sich, vorzurücken, weil saudische Kampfpiloten regelmässig die eigenen Bodentruppen bombardieren – wie zuletzt vor zwei Wochen in Waziya, als 30 Soldaten starben und 40 verletzt wurden.

Gefährlichste Kaida-Zelle weltweit

Derweil hielten die Al-Kaida-Kommandos letzte Woche in Aden demonstrativ und unbehelligt zwei Militärparaden ab. Nach Angaben von staatlichen Sicherheitskreisen fielen ihnen 22 Panzer, drei Dutzend gepanzerte Fahrzeuge, Boden-Luft-Raketen, Artilleriegeschütze und jede Menge Munition in die Hände. Alle Versuche von Stammesältesten und prominenten Notablen, die Dschihadisten mitsamt ihrer erbeuteten Waffen zu einem freiwilligen Abzug aus Aden zu bewegen, scheiterten.

Und so besitzt Jemens al-Kaida, die bereits seit einem Jahrzehnt als gefährlichste Filiale des globalen Terrornetzwerks gilt, jetzt eine Schlagkraft, wie noch nie zuvor in der Geschichte der Arabischen Halbinsel, die auch dem Königshaus in Riad wieder gefährlich werden könnte. Neben grossen Teilen von Aden kontrollieren die Gotteskrieger auch die angrenzenden Provinzen Lahej, Abyan und Shabwa sowie grosse Teile des Hadramaut. Auch die Regionalhauptstadt Mukalla mit ihren 300'000 Einwohnern, in deren Hafen sich die Exportterminals für das Rohöl des Landes befinden, ist seit April komplett in ihrer Hand.