Designierter britischer Premier: Boris Johnson hat Luzerner Urgrossmutter

Jetzt ist es offiziell: Boris Johnson ist neuer Tory-Vorsitzender. Der Exzentriker ist damit auch designierter Regierungschef. Wie er den Brexit meistern will, weiss er aber nicht.

Dominik Weingartner
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Boris Johnson, neuer Vorsitzender der konservativen Tories. (Bild: EPA/NEIL HALL, London, 23. Juli 2019)

Boris Johnson, neuer Vorsitzender der konservativen Tories. (Bild: EPA/NEIL HALL, London, 23. Juli 2019) 

Die Spatzen haben es schon länger von den Londoner Dächern gepfiffen, jetzt ist es amtlich: Boris Johnson ist neuer Vorsitzender der konservativen Tory-Partei. Bei der Urwahl unter den Parteimitgliedern vereinigte er über 92'000 Stimmen auf sich und liess damit Aussenminister Jeremy Hunt keine Chance (46'000 Stimmen). Aller Voraussicht nach wird Johnson am Mittwoch von der Queen den Regierungsauftrag erhalten.

So exzentrisch Johnson als Politiker ist, so schillernd ist auch seine Familiengeschichte. Sein Urgrossvater Ali Kemal war der letzte Innenminister des 1922 untergegangenen Osmanischen Reiches. Dessen Frau Winifred Emma Kemal war eine geborene Brun und stammte aus Luzern. Winifred starb bereits 1909 im Alter von 25 Jahren. Ali Kemal wurde 1922 ermordet. Ihr gemeinsamer Sohn Osman Ali floh daraufhin nach London und nahm den Namen Wilfred Johnson an.

Noch eine biografische Spur des designierten britischen Premiers führt in die Schweiz: Eine 1975 in Basel gefundene Mumie wurde 2018 als Boris Johnsons Ur-ur-ur-ur-ur-ur-Grossmutter Anna Catharina Bischoff-Gernler identifiziert. Johnson selber ist in New York geboren worden und besass damit auch lange die amerikanische Staatsbürgerschaft, auf die er 2016 jedoch freiwillig verzichtete. Johnson hat überdies deutsche Vorfahren im Königshaus Württemberg und ist entfernt mit der britischen Königsfamilie verwandt.

Politischer Paradiesvogel

Politisch gilt Johnson als Paradiesvogel. Im Vorfeld der Brexit-Abstimmung im Juni 2016 schlug sich der ehemalige Londoner Bürgermeister überraschend auf die Seite der Befürworter eines EU-Austritts. Rasch mutierte Johnson zum Wortführer der sogenannten Brexiteers. Bis heute bleibt unklar, ob dieser Schritt aus Überzeugung erfolgte oder aus politischer Opportunität, um sich ins Rampenlicht zu katapultieren. Kritiker sagen Johnson einen starken Drang zur Selbstinszenierung nach, dem jedes Mittel recht sei, um in hohe politische Ämter zu gelangen.

Nach der gewonnenen Brexit-Abstimmung war Johnson schon einmal im Gespräch als Tory-Vorsitzender, als Nachfolger des zurückgetretenen Premierminister David Cameron. Als sich abzeichnete, dass ihm die innerparteiliche Unterstützung fehlt, zog sich Johnson jedoch zurück. Neue Parteivorsitzende und Premierministerin wurde Theresa May, die Johnson anschliessend zum Aussenminister machte. Im Juli 2018 trat er von diesem Amt zurück.

Johnsons grösste Herausforderung als Premierminister wird zweifellos der Brexit sein. Seine Vorgängerin Theresa May war an dieser Aufgabe krachend gescheitert. Am Montag sorgte Johnson für Kopfschütteln, als er die Schwierigkeiten des Brexit namentlich an der inneririschen Grenze mit jenen der Mondlandung vor 50 Jahren verglich. «Wenn es möglich war, mit handgestricktem Computercode einen reibungslosen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zu schaffen, können wir auch das Problem des reibungslosen Handels an der nordirischen Grenze lösen», schrieb Johnson in seiner wöchentlichen Kolumne für die konservative Zeitung «Daily Telegraph» - für die er über 330'000 Franken pro Jahr kassiert. Wie genau er das Problem lösen will, an dem sich seine Vorgängerin mehrere Jahre erfolglos die Zähne ausgebissen hat, lässt Johnson offen.