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DEUTSCHLAND: AfD-Politiker Arthur Wagner: «Es ist Allahs Wille»

Seine Partei sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Arthur Wagner, der sich nun Ahmad nennt, ist jetzt zum Islam konvertiert. Er müsse Brücken bauen, sagt er. Seine Partei würde ihn am liebsten loswerden.
Christoph Reichmuth, Berlin
AfD-Politiker Arthur Wagner erklärt im Gespräch die Beweggründe für seine Konversion zum Islam. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (Falkensee, 8. Februar 2018))

AfD-Politiker Arthur Wagner erklärt im Gespräch die Beweggründe für seine Konversion zum Islam. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (Falkensee, 8. Februar 2018))

Christoph Reichmuth, Berlin

Arthur Wagner hat sich elegant gekleidet. Medien gehen ein und aus, im Hinterzimmer wartet eine Reporterin des «Spiegels» auf den Mann, von dem die Republik bis vor zwei Wochen keine Notiz genommen hat. Al Jazeera wird auch noch vorbeischauen.

Hemd, Krawatte, schicke Ho­se. Wagners braunkarierte Finken, die er an den Füssen trägt, passen so gar nicht zum Rest der Erscheinung und fallen umso stärker auf, wenn er da so sitzt auf seinem roten Sessel und von seiner wundersamen Wandlung erzählt. Er lobt jetzt nicht mehr Jesus, sondern Allah. Er liest nicht mehr die Bibel, sondern studiert die Suren im Koran. Arthur Wagner, 48, Russlanddeutscher und 1993 aus dem Ural nach Deutschland emigriert, nennt sich nun gelegentlich auch Ahmad Wagner. Seitdem er zu Allah gefunden hat, sagt Wagner, «stehe ich frühmorgens auf wie ein glückliches Kind».

«Ob das die AfD will oder nicht»

Ein Leben für Allah. Eines ohne Alkohol, ohne Schweinefleisch, ohne Zigaretten. Eine Geschichte von einem religiösen Wandel. Die nur deshalb erwähnenswert ist, weil Arthur Wagner mit Herz und Seele Mitglied der Alternative für Deutschland (AfD) ist. Die AfD meint, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Sie will den Bau von Minaretten verbieten. Sie hat es, um es salopp zu formulieren, nicht so mit den Muslimen in Deutschland. Die Partei hat einen Björn Höcke in ihren Reihen, der kürzlich an einer Veranstaltung bedeutungsvoll in die Menge rief, dass «am Bosporus mit den drei grossen M – Mohammed, Muezzin und Minarett – Schluss ist», wenn die AfD erst an der Macht sei.

Diese Partei hat jetzt auch einen Arthur Wagner in ihren Reihen, der zum Islam konvertiert ist und sich per Fernstudium in Ufa, Baschkirien, zum Imam ausbilden lässt und Sätze sagt wie diesen: «Ich liebe Allah mit ganzer Seele.» Für den Fotografen liest er im Koran einige Verse. An einer Stelle lacht er laut auf. Pure Glückseligkeit durchdringe ihn, erklärt er. Der Islam werde sich in Europa langfristig festigen, «ob das die AfD will oder nicht», sagt der Mann, der in der Sowjetunion einige Semester Mathematik studierte und in Deutschland als Wirtschaftsinformatiker arbeitete. «Islam und AfD müssen künftig miteinander klarkommen.» Als ehemaliger evangelischer Christ und nun Muslim sei er prädestiniert, die Brücke zwischen den Nationalkonservativen und den Muslimen zu schlagen. Wagner schwebt eine deutsch-patriotische Variante muslimischer Einwanderer vor: «Minarette bauen und als Muslime leben mit der Bereitschaft, für meine deutsche Heimat mein Leben zu lassen», sinniert er. Wagner ist als Konvertit möglicherweise übereifrig, er möchte der «Umma», wie er stets erzählt, seinen muslimischen Glaubensbrüdern, beweisen, wie stark sein Glaube ist. Müsste er da nicht für Schutz und Hilfe für seine aus den Bür­gerkriegsgebieten in Syrien, dem Irak oder dem Jemen flüchtenden Glaubensbrüder in Deutschland einstehen, anstatt geschlossene Grenzen zu propagieren? «Wir müssen den Glaubensbrüdern in ihrer Heimat helfen. Die Kriege müssen mit Putins Hilfe beendet werden. Hört endlich auf Putin!» Die Flüchtlingskrise habe das deutsche Volk wachgerüttelt, ist Wagner überzeugt. «Die Deutschen haben sich daran erinnert, dass sie ihre Kultur und ihre Identität besser schützen müssen.»

Übertritt zum Islam zunächst verschwiegen

Arthur Wagner war bis vor kurzem Vize-Kreisvorsitzender der AfD in Havelland, Brandenburg. Ende Oktober 2017 ist er zum Islam übergetreten, zunächst verschwieg er das seiner Partei. Seit Januar wissen sie in der AfD Bescheid über den wundersamen Wandel von Arthur Ahmad Wagner. Die Partei würde den Konvertiten am liebsten loswerden. Das erzählt Wagner selbst. «Die AfD braucht mich. Ich bleibe in der AfD», sagt er trotzig. Der Brandenburger AfD-Chef Andreas Kablitz gibt sich diplomatisch, auch wenn er mit der Geschichte seines Parteimitglieds wohl nicht allzu viel anzufangen weiss. «Der Islam per se gehört nicht zu Deutschland, daran hat sich nichts geändert», sagte Kablitz in einem Interview. Kablitz versucht noch das Beste aus dem Fall Wagner für seine Partei herauszuholen, Imagepflege dank des Konvertiten. Kablitz sagt: «Das macht sehr positiv deutlich, dass die AfD nicht intolerant ist.»

Es fällt einem schwer zu glauben, dass es Wagner gelingen wird, die Brücke zu schlagen zwischen Nicht-Muslimen und Muslimen, wie es ihm vorschwebt. Bisweilen driften seine Ausführungen ins Bizarre ab. Etwa dann, wenn er erzählt, wie er als engagierter evangelischer Christ, der in Riga ein halbes Jahr Theologie studiert hatte und später in seiner Heimatgemeinde Falkensee bei Berlin Gemeindeleiter in der evangelischen Kirche war, vom Glauben an die Bibel abgekommen ist. Da waren zuerst Äusserungen hoher kirchlicher Würdenträger, die die AfD als unchristliche Partei gegeisselt hätten. Dann lief alles aus dem Ruder in seiner Kirche, sagt Wagner. Die Ehe für alle, von seiner Kirche akzeptiert. Der Pfarrer aus seiner Gemeinde, der bei der Schwulen- und Lesbenparade am Christopher Street Day mitgelaufen war. «Da haben Kinder zugeschaut. Die Seelen der Kinder werden verunreinigt.» Wagners Stimme hebt sich: «Die Kirche ist eine linke, politische Organisation, die dem Vaterland Schaden zufügt.» Der Frage, ob er die Scharia über das deutsche Grundgesetz stelle, weicht er aus. «Mit Menschen, die nicht Muslime sind, darf ich noch nicht über die Scharia diskutieren.» Er habe erst sechs von 114 Suren im Koran studiert. «Es ist alles Allahs Wille!»

«Jeder Wagner ist frei»

Wagner hat es eilig. Er zieht seinen schwarzen, dicken Wollmantel an, setzt einen schwarzen Hut auf sein Haupt. Er möchte nun endgültig aus der Kirche austreten. Heute noch. Danach fährt er weiter nach Berlin in den Bezirk Kreuzberg zur Moschee. «Dort fühle ich mich zu Hause.» Sohn, 20, und Tochter, 22, bleiben in Falkensee. Der Sohn sagt, der Wirbel um seinen Vater mache ihm nichts aus. Die Tochter interessiert sich für eine evangelikale Kirchengemeinde in den USA. Auch Wagners Frau bleibt in der evangelischen Kirche. «Jeder Wagner ist frei zu tun, was er will», sagt der 48-Jährige. Sein Onkel in der Schweiz sei gerade als Orthodoxer zum Judentum konvertiert, fügt Wagner hinzu. Nun muss er laut lachen. «Das liegt irgendwie in der Familie.»

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