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DEUTSCHLAND: Angekommen am Rande der Gesellschaft

Exportüberschuss, Beschäftigung auf Rekordniveau: Die deutsche Wirtschaft boomt – aber viele müssen für den Erfolg einen hohen Preis bezahlen. Wie Manuela, die ihre Existenz mit dem Sammeln von Pfandflaschen sichern muss.
Christoph Reichmuth, Berlin
Flaschensammlerin Manuela im Berliner Stadtteil Friedrichshain. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (25. August 2017))

Flaschensammlerin Manuela im Berliner Stadtteil Friedrichshain. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (25. August 2017))

Christoph Reichmuth, Berlin

Berlin, Frankfurter Tor. Auf den Treppenstufen sitzen zwei junge Touristen, Austin aus den USA, Caroline aus Belgien. Zu ihren Füssen stehen zwei leergetrunkene PET-Flaschen. Manuela muss sich überwinden. Sie macht den Schritt auf die beiden zu, deutet mit dem Finger auf die Flaschen und fragt: «Kann ich die haben?»

Die 60-Jährige durchstöbert täglich die Mülltonnen und Parkanlagen auf der Suche nach leeren Flaschen. 8 Cent gibt es im Spätkauf oder bei Rewe für eine Glasflasche, 15 bis 25 Cent wirft eine PET-Flasche ab. 2008 hat Manuela erstmals eine Flasche aus der Mülltonne gezogen. Sie war damals seit drei Jahren arbeitslos, das Konto im Minus. Damals, sie erinnert sich noch heute genau an diesen Moment, wartete sie damit, bis die Nacht angebrochen war. Sie suchte den Schutz der Dunkelheit, um von Passanten nicht gesehen zu werden. Heute hat sie gelernt, mit der Stigmatisierung umzugehen. «Man muss die Blicke der Menschen ignorieren. Ich weiss, dass ich am Rand der Gesellschaft angekommen bin.» Mit den etwas mehr als 400 Euro, die sie erhält, muss sie laufende Kosten decken. Für Leben, Essen und Trinken bleiben ihr 100 bis 120 Euro monatlich. «Als Langzeitarbeitsloser wirst du einsam. Du verlierst Freunde, weil du am Leben nicht mehr teilhaben kannst.»

Millionen Personen sind armutsgefährdet

Allein in Berlin sammeln täglich Tausende Pfand- und Glasflaschen, darunter eine erhebliche Zahl von Rentnern, die mit ihrer Minipension kaum über die Runden kommen. Manuela gehörte als Arztgehilfin einst dem Mittelstand an. Doch 2005 veränderte sich das Leben der alleinerziehenden Mutter schlagartig. Ein Magengeschwür wurde diagnostiziert, es folgten Monate ärztlicher Betreuung. Sie stürzte in eine Depression, erhielt Psychopharmaka, wog plötzlich mehr als 130 Kilogramm.

Als sie nach vielen Monaten wieder Mut und Kraft gefasst hatte, schaffte sie den Wiedereinstieg nicht – da mal ein Minijob, hier ein befristeter Arbeitsvertrag. Festanstellung, geregeltes Einkommen? Fehlanzeige.

Soziale Abstiege, wie ihn Manuela erlebt hat, sind keine Rarität in Deutschland. Die Wirtschaft brummt, die Industrienation ist Exportweltmeister. Doch den deutschen Erfolg haben einige teuer erkauft, sagt der renommierte Armutsforscher Christoph Butterwegge. «Merkel sagt, es gehe den Deutschen so gut wie noch nie. Das ist undifferenziert und oberflächlich. Millionen arbeiten zu prekären Bedingungen und sind akut armutsgefährdet», sagt der Sozialwissenschafter, der im Februar – unterstützt von der Linkspartei – für das Amt des Bundespräsidenten kandidiert hatte.

Abstiegsängste nehmen auch in der Mittelschicht zu

Butterwegge verweist auf den riesigen deutschen Niedriglohnsektor. 22,5 Prozent der Beschäftigten arbeiten unter der Niedriglohnschwelle von 10.50 Euro die Stunde, eine steigende Zahl von Personen – aktuell etwa 7,7 Millionen Arbeitnehmer – arbeiten in Minijobs oder befristeten Arbeitsverträgen, jeder Zehnte ist überschuldet.

Butterwegge verweist auf das Risiko für Altersarmut der heute in prekären Verhältnissen beschäftigten Menschen. «Die Erwerbsarmut führt direkt in die Altersarmut.» Die für den Bundestag kandidierenden Parteien hätten keine Rezepte gegen die sich vertiefende Kluft von Arm und Reich. «Die SPD hat das Thema Gerechtigkeit nicht mit Inhalten gefüllt.»

Enorm steigende Mietkosten in den Städten lösten darüber hinaus bei immer mehr Angehörigen der Mittelschicht Ängste vor dem sozialen Abstieg aus. Butterwegge sieht in der ­sozialen Ungerechtigkeit den Hauptgrund für das Erstarken der AfD. «Die Angst vor dem sozialen Abstieg treibt viele aus der Mittelschicht in die Arme der AfD. Wer um die eigene Existenz bangt, macht rasch Migranten und Flüchtlinge zu Sündenböcken», sagt der 66-Jährige.

«Im Kiez hilft man sich»

In einem Berliner Innenhof durchforstet Manuela eine Mülltonne, klaubt einige leere Flaschen heraus. Einige Strassen weiter befindet sich ein türkisches Restaurant, vor der Tür stehen ­Pakete mit Essensresten. Manuela kommt hier oft vorbei, die Besitzer des Restaurants stellen für jene, denen es nicht so gut geht, täglich ihre nicht verkauften Esswaren vor den Laden.

«Ich kenne alle Flaschensammler hier»

«Hier im Kiez», sagt Manuela, «hilft man sich gegenseitig.» Die 60-Jährige wirkt nicht wie eine gebrochene Frau. Manchmal lächelt sie, andere Leute im Quartier nicken ihr freundschaftlich zu. «Ich kenne sie alle, die Flaschensammler hier», sagt sie und lacht.

Für sie selbst soll bald Schluss sein damit. In vier Tagen wird sie einen Minijob in einem Modegeschäft antreten. Sie hofft, dass sich daraus eine Festanstellung entwickelt. «Wenn ich mal was auf der Seite habe» sagt sie, «möchte ich mal wieder in die Ferien fahren.»

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