DEUTSCHLAND: Der loyale Diener der Kanzlerin

Was treibt Europas mächtigsten Finanzminister an? Ein eindrückliches TV-Porträt zeichnet von Wolfgang Schäuble ein Bild, welches dem Klischee widerspricht.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Das Leben des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble wurde von zwei Ereignissen schicksalshaft geprägt. In der TV-Dok spricht auch seine Familie darüber. (Bild: AP/Markus Schreiber)

Das Leben des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble wurde von zwei Ereignissen schicksalshaft geprägt. In der TV-Dok spricht auch seine Familie darüber. (Bild: AP/Markus Schreiber)

Christoph Reichmuth, Berlin

Wolfgang Schäuble hat Sinn für feinen Humor. Das beweist der bald 73-Jährige eigentlich fast immer, wenn er zu einer Pressekonferenz lädt. Da kann das Thema noch so trocken sein, für einen Schmunzler ist Schäuble eigentlich immer gut. Würde man bloss seinen Gesichtsausdruck interpretieren, man könnte glauben, der Doyen der deutschen Politik hätte vor allem eine Konstanze in seinem Leben: kolossal schlechte Laune.

Freilich ist dem nicht so. Dass der dienstälteste Abgeordnete Deutschlands – seit 1972 ist Wolfgang Schäuble Mitglied des Bundestages – ein durchaus sympathischer Mensch ist, zeigt das eindrückliche TV-Porträt «Schäuble – Macht und Ohnmacht» von Stefan Lamby, das morgen Abend um 21.30 Uhr von der ARD ausgestrahlt wird. Der Film ist keine Hommage an Schäuble, er bestätigt aber auch das falsche Klischee des bösen, arroganten Deutschen nicht, der 70 Jahre nach dem Krieg die Hegemonie in Europa anstrebt.

Duell mit Varoufakis

Lamby begleitete den seit 2005 amtierenden Finanzminister Deutschlands von Januar bis Juli dieses Jahres eng, er war bei Verhandlungen in Brüssel mit dabei, in New York, Washington, in Berlin. Der Film zeigt Monate der Anspannung, in denen die Eurozone auseinanderzubrechen drohte. Er erzählt die Geschichte eines Duells zwischen dem auf harte Reformen drängenden Schäuble und seinem schillernden Gegenspieler in Athen, dem inzwischen zurückgetretenen Finanzminister Yanis Varoufakis. Schäuble erinnert sich an das erste Treffen mit Varoufakis in Berlin, als Varoufakis mit «Doktor Schäuble» zur Begrüssung schritt, Schäuble aber umgehend das «Du» vorschlug. Seine Berater hätten zuvor von dieser Einladung dringend abgeraten, erzählt nun Schäuble frei­mütig. «Ich bin ja für Medien nicht so attraktiv. Ich bin ein alter, etwas müder, manchmal mürrisch aussehender Mensch. Aber ich hab gedacht: Das macht auch nichts.» Dass Varoufakis alleine von seiner Erscheinung her so unangepasst rübergekommen sei, das sei medial völlig übertrieben dargestellt worden. «Ob der Krawatte anhat, ist mir völlig wurscht.»

Schicksalshafter Wahlkampfauftritt

Nicht die politischen Inhalte stehen im Zentrum, die Diskrepanzen zwischen den Vorstellungen der Syriza-Regierung und dem deutschen Finanzminister werden in dem 73-minütigen Film nur angetönt. Verwoben wird die Geschichte der aktuellen Eurokrise mit der Geschichte eines Mannes, dessen Leben zwei Ereignisse prägte. Da war der Anschlag eines geistig verwirrten Mannes im Oktober 1990, als Wolfgang Schäuble, damals CDU-Innenminister unter Kanzler Helmut Kohl, bei einem Wahlkampfauftritt in der baden-württembergischen Provinz von zwei Kugeln getroffen wurde. Seither ist der Vater von vier Kindern gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.

«Warum habt ihr mich nicht sterben lassen? Ich will so nicht mehr leben», sagte Schäuble damals im Krankenhaus zu seiner ältesten Tochter Christine. «Meine Tochter», erinnert er sich heute, «hat mir solche blöden Gedanken ziemlich schnell wieder abgewöhnt.» Wolfgang Schäuble hat sein Schicksal eindrücklich angenommen, doch auch politisch hatte der Freiburger Rückschläge einzustecken. Während der CDU-Spendenaffäre musste auch Schäuble, damals Unions-Fraktionsvorsitzender, zurücktreten. Die Affäre führte zum unüberbrückbaren Bruch zwischen Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble. Heute wirft Schäuble dem «Einheitskanzler» vor, die Geschichte mit den anonymen Spendern und dem Ehrenwort, er würde deren Namen niemals verraten, erfunden zu haben. Die damalige Zeit wird in der Familie Schäuble als eine der schwierigsten bezeichnet, im Film spricht Tochter Christine vom «zweiten Rollstuhl».

Schäuble blieb es verwehrt, vom einstigen Mentor Kohl für die Bundestagswahl 1998 als dessen Nachfolger ins Spiel gebracht zu werden; der Pfälzer wollte freiwillig nicht zurücktreten. Auch später wurde er von Merkel übergangen, als es um die Besetzung des Bundespräsidenten-Amtes ging. Doch für Schäuble, der über sich sagt, niemals angepasst gewesen zu sein, ist Loyalität eine der wichtigsten Tugenden, die ein Minister mitbringen muss. Am Ende, sagt er, zähle nur die Entscheidung der Kanzlerin.

HINWEIS

«Schäuble – Macht und Ohnmacht», morgen Montag, 21.30 Uhr, ARD.