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DEUTSCHLAND: Die FDP erlebt eine Renaissance

Christian Lindner hat die gestürzte FDP so stark gemacht, dass sie im Herbst vielleicht schon bald wieder mitregiert. Doch wollen das die Freidemokraten überhaupt?
Christoph Reichmuth, Berlin
FDP-Chef Christian Lindner. (Bild: Steffi Loos/Getty (Berlin, 26. April 2017))

FDP-Chef Christian Lindner. (Bild: Steffi Loos/Getty (Berlin, 26. April 2017))

Christoph Reichmuth, Berlin

Christian Lindner ist ein lässiger Kerl. Dunkler Anzug, tailliertes Sakko, dazu Sneakers. 38 Jahre ist er jung, er strotzt vor Selbstvertrauen, sieht gut aus. Einen «deutschen Macron» hat ihn jüngst eine Zeitung genannt. Im Landtag von Nordrhein-Westfalen gilt er als der mit Abstand beste Redner. In Interviews gibt er, ohne zu überlegen, druckreife Sätze zu Protokoll: «Ich will nicht Kanzler werden. Aber Kanzler machen», etwa. Oder: «Der Staat soll die Menschen bei den grossen Lebensrisiken nicht im Stich lassen, aber im Alltag in Ruhe.»

Christian Lindner hat die FDP 2013 übernommen, als sie von manchen Beobachtern für klinisch tot erklärt worden war. Gerade wurden die Freidemokraten aus dem Bundestag gefegt, es reichte nicht einmal mehr für den erforderlichen Wähleranteil von 5 Prozent. Das Image der FDP, einer einst staatstragenden Partei, war von der vormaligen Führung um Parteichef Philipp Rösler und Spitzenkandidat Rainer Brüderle ruiniert worden. Klientelpartei, eiskalte Neoliberale, denen das Schicksal von Langzeitarbeitslosen egal ist, hiess es.

Vier Jahre später und drei Monate vor den nächsten Bundestagswahlen ist die FDP im Trend bei der urbanen Klientel. Sie ist gewissermassen die neue Hipster-Partei der jungen Mittelschicht in den Grossstädten, die Partei der Start-up-Szene, deren noch nicht einmal 40-jähriger Parteivorsitzender im Gegensatz zu Angela Merkel und SPD-Herausforderer Martin Schulz – beide 62 – für die Generation der Digital Natives steht.

Lindner als «professioneller Verkäufer»

«Lindner preist seine Partei an wie ein professioneller Verkäufer sein Produkt, der Wähler ist der Investor. Einsteigen oder nicht?», schreibt die «Zeit» in einem umfassenden Porträt. Liberal und wirtschaftsfreundlich, aber nicht kühl und gewissenlos, dieses Image hat Lindner seiner Partei verpasst. Auch die neue FDP will Steuern senken, aber massvoll und nicht nur zu Gunsten der gut betuchten Klientel. Sie bietet sich als Partei an, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellt. Sie gibt Rezepte aus, die den Schutz der persönlichen Freiheit und die innere Sicherheit vereint – in Zeiten diffuser Ängste vor Terrorangriffen und des Rufs nach immer mehr staatlicher Überwachung wünschen sich viele eine liberale Stimme ins Parlament zurück. In der Flüchtlingspolitik kritisierte Lindner Merkel für «eine zeitweilige Politik der grenzenlosen Aufnahmebereitschaft» scharf, grenzte sich aber in der Wortwahl deutlich von der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) ab. Damit bot er seine Partei geschickt auch Merkel-Kritikern als Alternative an, denen die AfD zu weit rechts steht.

Riskante Strategie der «One-Man-Show»

Der Aufstieg der FDP geht zu einem Teil zu Lasten der Grünen. Als sich die FDP unter Lindner die letzten Jahre neu erfinden musste, schlüpfte die Öko-Partei zwischenzeitlich in die Rolle der modernen FDP: ökoliberal und sozial, die Partei der Mittelschicht in den Grossstädten.

Doch die Grünen sind ins Straucheln geraten. Während sie mit Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt zwei Kandidaten ins Rennen schicken, die eine gefühlte Ewigkeit an der Parteispitze stehen, wirkt der wortgewandte Lindner mit seiner Dynamik auf viele anziehend und verkörpert vor allem Aufbruch. Was die Grünen verloren haben, heimste die FDP zu Teilen bei sich ein. Die FDP hat im Frühjahr 2017 bei Wahlen im zweistelligen Bereich abgeschnitten und ist in zwei Landesregierungen – in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen – eingetreten.

So erfolgreich Lindner, studierter Politikwissenschaftler mit Philosophie im Nebenfach, die Partei auf sich zugeschnitten hat – die Strategie der «One-Man-Show» hat auch einen Haken. Neben Lindner gibt es nur wenige markante Persönlichkeiten in der Partei.

Zudem fehlt es den Liberalen an erfahrenen Leuten, die ab Herbst im Stande wären, ein Ministerium in Berlin zu führen. Der Vizepräsident des EU-Parlaments, Alexander Graf Lambsdorff (FDP), deutete gegenüber dem «Spiegel» unlängst an, dass eine Regierungsbeteiligung für die FDP 2017 möglicherweise noch zu früh komme. «Viele glauben uns das nicht, aber erst einmal in den Bundestag einzuziehen und nicht sofort zu regieren, wäre völlig in Ordnung.»

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